Bomber am 8. Mai 1944 über Daverden abgeschossen

Als die Fliegende Festung in die Marsch stürzte

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So eine amerikanische Boing B-17 stürzte vor 74 Jahren in zwei Teilen über Daverden ab.

Daverden - Von Harald Gerken. Am 8. Mai 1945 war der Zweite Weltkrieg endgültig zu Ende. Genau ein Jahr zuvor spielten sich in und über Daverden dramatische Szenen ab. Ein Bombergeschwader der Amerikaner war von England aus mit ca. 300 Maschinen des Typs B 17, genannt Fliegende Festung (Flying Fortress) unterwegs nach Berlin.

Die Maschinen wurden eskortiert von vielen amerikanischen Abfangjägern. Diese sollten die aus der Luft angreifenden deutschen Jagdflugzeuge ihrerseits abfangen und daran hindern, die Bomber anzugreifen.

Das geschah zusätzlich zur unvergleichlichen Wehrhaftigkeit der großen viermotorigen Fliegenden Festungen, die mit dreizehn Maschinengewehren für sechs Bordschützen ausgerüstet waren. Es gab zwei besondere MG-Plätze aus stabilen Plexiglaskuppeln, davon eine auf dem Rücken der B 17 und die andere unterm Bug. Die Schützen darin mussten Minusgrade aushalten und hatten jeweils den beschwerlichsten Weg zum Verlassen ihrer engen Kuppel, wenn der Ausstieg erforderlich wurde.

Am 8. Mai 1944 hatten alle Späher inklusive Kanzelbesatzungen zu spät erkannt, dass ein deutscher Jäger direkt aus der noch tief stehenden Morgensonne auf sie zukam. So gelang es dem Deutschen in seiner Me 109 unmittelbar der mit elf Mann besetzten Führungsmaschine und der mit zehn Mann Besatzung folgenden B 17 direkt in die Kanzeln zu schießen. 

Damit war für beide Bomber der Feindflug beendet. Der erste stürzte in Kirchlinteln nahe der Ziegelei ab, und der zweite kam auch nicht viel weiter. Ihr schwer verletzter Kapitän konnte noch den Befehl zum Aussteigen geben, um anschließend die Maschine sich selbst zu überlassen.

Kraftstofftank explodiert

Als die Besatzung, soweit sie noch dazu in der Lage gewesen war, bereits an den Fallschirmen herabschwebte, gab es über ihnen eine Explosion. Es war der Kraftstofftank an der Flügelwurzel ihrer Maschine, wobei eine Tragfläche komplett abgesprengt wurde. Das sah nun für die Daverdener und Cluvenhagener Bevölkerung wegen der großen Höhe so aus, als würden sie die Maschine direkt „auf den Kopf“ kriegen. 

Alles ging recht langsam vonstatten; denn die beiden noch laufenden Motoren an der heilen Tragfläche hielten die Maschine immer noch in Schräglage hoch, die sich dabei um die eigene (geneigte) Achse drehte und langsam zum Boden taumelte. Die damals in Daverden-Försten (im Voss) wohnende 19-jährige Hanna Beneke (später mit dem Bürgermeister Schindel verheiratet und inzwischen verstorben) flüchtete sich im letzten Augenblick in den Keller, als zu erkennen war, wo das immer „größer werdende“ Flugzeuge hinfallen würde. 

Ihr beinamputierter Großvater klammerte sich an einen dicken Baum. Als er wieder hervorkam, lag der gewaltige Rumpf mit den anfangs an der heilen Tragfläche noch laufenden Motoren zwischen ihm und seinem Haus. Bald wurde es still, und weil er nicht wusste, ob noch eine Explosion erfolgt, zögerte er - wie auch seine Familie sich dem Havaristen zu nähern.

Familie Beneke untersucht Ungetüm

Erst als deutsche Soldaten aus Etelsen gekommen und diese zu hören waren, traute sich die Familie Beneke mit Herzklopfen an das große Ungetüm. Diese authentische Schilderung wie auch die Kenntnisse des damals 13 jährigen – (inzwischen auch verstorbenen) Nachbarn Walter Bischoff versetzt mich in die Lage, einiges dazu schriftlich wiederzugeben.

Was Walter Bischoff am meisten imponierte, war, dass das Flugzeug „wie mit einem Kran abgesetzt“ auf dem Hof lag, und dass keine Bomben mehr an Bord waren. Wie die Besatzung in der Gefangenschaft bekundete, sollen Brandbomben an Bord gewesen und diese rechtzeitig abgeworfen worden sein.

Überhaupt hat die Besatzung in Gefangenschaft den gesamten Ablauf zu Protokoll gegeben. Alle Angaben zum Ablauf wie auch Name und Status eines jeden Besatzungsmitgliedes hat Jens Michal Brandes aus Verden mit viel Aufwand recherchiert und ins Internet gestellt. Dazu gehören auch die Abschüsse von zwei weiteren Bombern und einem amerikanischen Abfangjäger, aus demselben Geschwader, der dritte Bomber und der Jäger wahrscheinlich durch deutsche Flak. Aus dem Kreis Verden berichtet Brandes über 26 Abstürze und viele weitere aus den Nachbarregionen.

Lynchmord und Rassenwahn?

Während einige deutsche Soldaten die Absturzstelle auf dem Beneke-Hof sicherten, suchten andere zusammen mit Zivilisten nach den abgesprungenen Besatzungsmitgliedern und nahmen sie fest.

Die Amerikaner mussten zunächst ihre drei toten Kameraden, von denen zwei nicht rechtzeitig rausgekommen waren, auf einen Lastwagen laden. Während der Pilot und der Funker zwar nicht mehr hatten abspringen können, aber wohl erst kurz über dem Boden aus der offenen Maschine geschleudert wurden und mit nicht geöffneten Fallschirmen vorgefunden wurden, war der dritte Tote gemäß Aussage der Kameraden unversehrt herausgekommen und nach ihrer Meinung am Boden erschlagen worden, was an seinem zertrümmerten Schädel eindeutig zu erkennen gewesen sein soll. 

Wer das gemacht haben könnte, wurde nie bekannt. Im nahe gelegenen Ort Hagen-Grinden gibt es allerdings Vermutungen, die natürlich niemand offen ausspricht. Wurde er zum Zufallsopfer, weil er nahe am Weg gelandet und für den Täter leicht erreichbar war?

Der Bevölkerung ist damals aufgefallen, dass einer von den drei Toten auf der Lkw-Ladefläche ein „Schwarzer“ war. Das erzeugte damals noch Aufsehen und war noch eine Besonderheit. Der erschlagene Heckschütze John R. Caum und der Pilot Harold L. Niswonger werden noch am selben Tag auf dem Friedhof Hoyerhagen beerdigt, nicht aber Robert J. Morrison. Warum nicht? Weil er vielleicht der Dunkelhäutige war, und die Nazis ihm in ihrem Rassenwahn kein ordentliches Begräbnis zukommen lassen wollten?

Major macht sich aus dem Staub

Nachzutragen wäre noch, was aus dem deutschen Jagdflieger an jenem Tage geworden ist: Major Herbert Ihlefeld musste sich natürlich gleich nach seinen Abschüssen Nr. 111 und 112 aus dem Staub machen; denn zwei gegnerische Jäger begannen umgehend mit der Verfolgung. Als das Bombergeschwader längst Richtung Berlin weitergezogen war, waren zwei Abfangjäger zurückgeblieben und verfolgten jetzt die Me 109. 

Das „Geknatter am Himmel“ (Wortwahl Hanna Beneke) wurde immer lauter. Als es verstummt war, zog auch schon bald die Messerschmitt im Tiefflug über Daverden hinweg und streifte dabei fast mein Elternhaus und das meines Nachbarn Frido Jahn. Sie zog bereits einen Feuerschweif hinter sich her, wie wir deutlich sehen konnten.

Zum Aussteigen reichte die Höhe nicht mehr, und der erfahrene Pilot schaffte es gerade noch, seine Maschine in Langwedelermoor ins Gebüsch zu steuern, bevor sie ausbrannte. Er hatte das Kanzeldach zuvor noch öffnen und mit leichten Rückenschmerzen herausklettern können. Bereits eine Stunde später haben ihn deutsche Militärangehörige in Rotenburg, von wo er aufgestiegen war, wieder abgeliefert.

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