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Filme und Fotos aus Etelsen und Cluvenhagen für die Nachwelt

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Von: Jens-Peter Wenck

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Bevor Wilhelm Meyer mit seinen Aufnahmen an die Öffentlichkeit geht oder sie via Kreisarchiv der Nachwelt überlässt, wird alles akribisch bearbeitet.
Bevor Wilhelm Meyer mit seinen Aufnahmen an die Öffentlichkeit geht oder sie via Kreisarchiv der Nachwelt überlässt, wird alles akribisch bearbeitet. © Wenck

Etelsen – Wilhelm Meyer fixiert einen der Bildschirme. Ein Klick auf den gewünschten Ordner: „So. Nu geiht füdder.“ Jeden Morgen geht der Etelser nach dem Frühstück erst einmal an die Arbeit. Filme sichten und alles akkurat machen. Schließlich sind die Sachen für die Nachwelt bestimmt, da muss alles so gut sein, wie es nur irgend geht.

Wilhelm Meyer ist seit fast 50 Jahren das filmische Gedächtnis von Etelsen und Cluvenhagen. Hunderte Filme hat er seit den 1970er-Jahren gemacht. Da sind die privaten Sachen gar nicht mitgezählt, sondern nur die, die einen öffentlichen Bezug haben. Von Vereinen, Veränderungen in den Orten, Hochwasser, dem Brückenbau in Hagen-Grinden, Feuerwehreinsätzen. 200 davon macht Meyer für das Kreisarchiv und Kreisarchivar Dr. Florian Dierks fertig. Säuberlich aufgelistet. Vom Dorfgemeinschaftsfest in Cluvenhagen 1975 und dem Novemberkommers des TSV Etelsen 1977, beides ursprünglich auf Super 8-Film, angefangen, bis zum Autokorso des Schützenvereins Etelsen zu seinen Majestäten im Jahr 2020. 70 Stunden Film insgesamt.

„Ohne meine Frau Sigrid wäre das alles nicht möglich gewesen“, wird Willi (wie er eigentlich nur gerufen wird) an diesem Vormittag noch oft sagen. „Sie hat fotografiert und ich konnte in Ruhe filmen.“ Seine Ehefrau wartete immer mit Engelsgeduld auf ihn, wenn er stehen blieb, die Videokamera hob und zu filmen begann.

„Wir haben ja sehr viele Reisen gemacht.“ Kanada, Australien, Neuseeland, Alaska, 2004 ein Vierteljahr in den USA. Immer allein im Wohnmobil. Nur 2001, Nepal, das war eine Trekkingtour mit Guide. Für die Reisen haben die Meyers Englisch-Kurse in der Volkshochschule belegt. Für das Nötigste hat es dann immer gereicht, aber nicht für größere Gespräche. „Das haben wir beide immer sehr bedauert.“

Wilhelm und Sigrid Meyer wuchsen nicht mit der Kamera in der Hand auf. „Wir hatten beide nichts an den Hacken“, sagt der 81-Jährige nur und fügt noch knapper an: „Alles hart erarbeitet.“

Seinen ersten Fotoapparat hat er sich erst mit 24 gekauft. Eine „Praktika“ aus DDR-Produktion, die war nicht so teuer. Meyer hat Einzelhandelskaufmann bei Waje in Achim gelernt und war über 25 Jahre, bis zum Ruhestand, bei der Desma. Als junger Mann ist er 1960 in die Feuerwehr Cluvenhagen eingetreten – und wurde 1969 Ortsbrandmeister, was er auch bis 1987 blieb. Dabei hatte er eine Zeit lang eine Doppelfunktion, war von 1985 bis 1997 Ortsbrandmeister in Etelsen. Und von 1972 bis 1997 stellvertretender Gemeindebrandmeister. Der Mann hat also nicht nur gefilmt. Frauen in der Feuerwehr? Unter Ortsbrandmeister Meyer entsteht in den 80ern in Cluvenhagen die erste Frauengruppe im Flecken. Mit einer eigenen Wettkampfmannschaft. „Als die dann den Wettbewerb auf Gemeindeebene gewonnen haben...“, feixt Willi Meyer. Aber das ist ein ganz anderes Thema.

1973 tobt ein Orkan über Norddeutschland, der riesige Schäden anrichtet. Unter anderem in den Wäldern. Jede Menge Bruchholz war wirtschaftlich nicht mehr zu verwenden. In Cluvenhagen kommen sie auf die Idee, 1974 die alte Tradition des Osterfeuers wieder zu beleben. Die Feuerwehr übernimmt die Organisation – und Wilhelm Meyer wird zum ersten Mal ganz bewusst Fotos machen, um etwas für die Nachwelt zu dokumentieren. Zu überliefern ist auch, dass niemand das Publikumsinteresse am Osterfeuer richtig kalkuliert hat. „Wir haben mit ein paar Leuten gerechnet.“ Es werden ein paar Hundert. Von Jung bis Alt kommt alles in den Wald und eine Veranstaltung in Gang, die über Jahrzehnte auch massenhaft Besucher von außerhalb anlocken wird.

Nie im Leben hatte man 1974 mit so vielen Besuchern beim ersten großen Osterfeuer gerechnet.
Nie im Leben hatte man 1974 mit so vielen Besuchern beim ersten großen Osterfeuer gerechnet. © Meyer

Willi Meyer fotografiert auf Diafilm. Die Dias wird seine Frau Sigrid später alle digitalisieren. Die ersten Filme entstehen auf Super 8, Video kommt später. Die Kameras kann er sich bei Fachhändler Edgar Bohlmann in Langwedel ausleihen. Dann fährt Meyer zur Fachmesse Fotokina nach Köln – und kommt mit der ersten eigenen Profikamera nach Hause.

Er filmt die Orte, filmt, wenn sich etwas verändert, wenn alte Häuser und Geschäfte abgerissen werden. Das Lebensmittelgeschäft Haferkamp in Etelsen zum Beispiel. Da war später ein Schlecker-Markt drin, heute steht hier eine Filiale der Kreissparkasse. Die archäologischen Ausgrabungen 1991 auf dem Maiberg in Cluvenhagen – sind auf Film. Und Menschen. „Heini Röpke. Fahrräder und Dachrinnen, haben wir immer gesagt. Den hab ich 1996 mal zwei Tage begleitet und gefilmt.“

Oder die alte Aral-Tankstelle von Hermann Bischoff in der Etelser Bahnhofstraße. „Da hab ich damals noch meine Mofa gekauft.“ Von der Tankstelle ist längst nichts mehr zu sehen. Außer auf Fotos. Wilhelm Meyer hat seine Mitmenschen interviewt. „Ich hab sie ausgefragt.“ 1992 ist er mit dem damaligen Cluvenhagener Ortsbürgermeister Helmut Haase los und hat Tante Mimi, Tante Hanne und die anderen älteren Damen zu Wätjen eingeladen. Nach ein paar Fragen, Kaffee und Kuchen wurden alle die Erinnerungen erzählt. Op Platt, natürlich. Die Kamera lief wie angekündigt mit und zeichnete Geschichte und Geschichten auf. Irgendwann ist keiner mehr da, der von früher erzählen kann, hat er bei seinen Aufnahmen im Hinterkopf.

Den immer noch verwüsteten Wald abgesperrt, ein paar Baumstämme als Sitzgelegenheit – das war es für das erste Osterfeuer.
Den immer noch verwüsteten Wald abgesperrt, ein paar Baumstämme als Sitzgelegenheit – das war es für das erste Osterfeuer. © Meyer

Eine Ausbildung, einen Kurs in Sachen Fotografie oder Filmen hat Wilhelm Meyer nie gemacht. „Aber ich hab" ein Auge“, sagt er. Für Menschen, für Ereignisse, für das, was der Nachwelt erhalten bleiben soll. „Was andere nicht sehen, da werde ich unruhig.“ In die ganzen Programme zur Bildbearbeitung, zum Filmschnitt und die ganzen anderen Sachen hat er sich auch immer selbst rein-gearbeitet. Doch, da gab es auch schon mal Hilfe. Aber er muss selbst wissen, wie das funktioniert, mit dem er da arbeitet.

2003 hat er die ersten Bilder, den ersten Film im Gemeindehaus in Etelsen der Öffentlichkeit präsentiert. Mit Fotos von 1973. Seitdem gibt es regelmäßig Vorführungen bei der Feuerwehr, dem Schützenverein, zeitlich arbeitet er sich dabei von seinen ersten Aufnahmen immer näher an die Gegenwart heran. „Aber immer nur als Kurzfilm. Eine Dreiviertelstunde. Dann kannst du dabei nicht einschlafen.“

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