Alma und Berta: Rotes Höhenvieh soll in der Tiefebene heimisch werden

Langwedel: Fast ausgestorbene Alleskönner

Alma und Berta sind noch kein Jahr alt, gehören zum Harzer Rotvieh, einer fast ausgestorbenen, vermutlich uralten Haustierrasse. Das rote Höhenvieh wird in der älteren Fachliteratur auch als „Keltenvieh“ bezeichnet.
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Alma und Berta sind noch kein Jahr alt, gehören zum Harzer Rotvieh, einer fast ausgestorbenen, vermutlich uralten Haustierrasse. Das rote Höhenvieh wird in der älteren Fachliteratur auch als „Keltenvieh“ bezeichnet.

Sie gehören zu einer Haustierrasse, die wirklich uralt ist - aber eigentlich schon ausgestorben war: das Rote Höhenvieh. Ihre Vorfahren sollen schon mit den Kelten durch Europa gezogen sein, im 19. und 20. Jahrhundert wurde den Tieren ihre vielseitig zum Verhängnis. In Langwedel sollen jetzt zwei junge Rotvieh-Damen heimisch werden.

Langwedel/Förth – „Das Rote Höhenvieh ist eine einfarbige rote bis braune Rinderrasse, die aus verschiedenen Rotviehschlägen der Mittelgebirge in Deutschland, Polen und Tschechien hervorgegangen ist“, hat Rolf Göbbert zu berichten. Der Nebenerwerbslandwirt aus Langwedel-Förth weiß noch mehr: „Das Rote Höhenvieh, das eigentlich schon ausgestorben war, geht auf die Keltenzeit zurück und ist vermutlich eine der ältesten und ursprünglichsten Rinderrassen Deutschlands.“

Aha. Rindviecher aus den Mittelgebirgen also. Warum interessiert das den geneigten Tier- und Naturfreund in der norddeutschen Tiefebene?

Zwei weibliche Jungtiere, die einst in Niedersachsen als Harzer Rotvieh bezeichnet wurden, hat es in die Region um den Kronsberg verschlagen, auf stolze 15 Meter über Normal Null (NN). Die beiden Absetzer Alma und Berta kennen den Brocken oder Orte wie Schierke und Wildemann nur aus Geschichten. Da sie kein Plattdeutsch verstehen, erzählt Halter Rolf Göbbert jeden Abend vor dem ins Bett gehen aufs Neue von ihrer ursprünglichen Heimat. Behauptet der erklärte Schützer von bedrohten Haustierrassen jedenfalls mit allem Ernst, den er aufbringen kann.

Der Harz und seine Geschichte in den vergangenen Jahrhunderten sind geprägt durch den Bergbau. Viele Arbeiter hielten sich quasi nebenbei eine oder zwei Kühe. „Landwirtschaftliche Vollerwerbsbetriebe gab es im Harz so gut wie gar nicht. Die Kühe wurden im Frühjahr auf die Waldweide getrieben und von einem Hirten betreut. Die Hirten und die Ehefrauen verarbeiteten die Produkte wie Milch und Fleisch. Die Viehhaltung wurde von den Bergwerksbetreibern unterstützt und es bildeten sich Genossenschaften. Das Futter in den Bergen war karg und die roten Kühe mussten aus den bescheidenen Verhältnissen das Beste machen. Maximale Milchleistung war nicht möglich und optimale Nutzung des dargebotenen Futters war angezeigt“, berichtet Göbbert. Die Tiere wurden als sogenanntes Dreinutzungsrind gehalten. Neben der Milch- und Fleischproduktion spielte ihre Zugkraft eine wichtige Rolle, das rote Höhenvieh ließ sich gut vor den Karren oder den Pflug spannen. Außerdem waren Gesundheit und Fortpflanzungsfähigkeit wichtige Eigenschaften.

In Braunlage durfte einst jede Familie bis zu drei Rinder auf die gemeinschaftliche Waldweide schicken. Doch dann kam der Niedergang des Bergbaus und die Weideflächen wurden von wenigen Kleinbauern bewirtschaftet. Sie intensivierten die Milchviehwirtschaft, verbesserten die Futterqualität und betrieben mit dänischem Rotvieh eine systematische Verdrängungskreuzung. Schlussendlich war es nur noch die Fellfarbe rot, die die neuen Generationen mit dem alten Harzer Rotvieh gemeinsam hatte. Als letzter reinrassiger Bulle wird in der Literatur der 1963 geborene Bulle „Uwe R 12“ genannt. „Uwe R 12“ erlebte 1969 als bestauntes Tier auf der Grünen Woche in Berlin quasi den Höhepunkt seines Rindviehlebens – und wurde anschließend geschlachtet.

In den 1980er Jahren erinnerte man sich an die alten Schläge des Rotviehs und stellte fest, dass nur noch wenige Kühe mit höchstens 50 oder 25 Prozent der alten Erbanlagen vorhanden waren.

Eher zufällig stieß man in der Besamungsstation Gießen auf 70 Portionen Sperma des Vogelsberger Rotviehbullen „Uwe R 12“, die vergessen bei minus 196 Grad Jahrzehnte überlebt hatten. Dieses war die Geburtsstunde des Roten Höhenviehs, das heute eine Vereinigung aller Rotviehschläge der Mittelgebirge Deutschlands darstellt.

Im Harz sind sie eine Touristenattraktion und werden zur Landschaftspflege eingesetzt. Ohne Zufütterung qualitativ hochwertige Milch- und Fleischprodukte erzeugen, sind die neuen Aufgaben des genügsamen Höhenviehs. Die biologische Station Hagen in Nordrhein-Westfalen arbeitet mit einer 40-köpfigen Mutterkuhherde. Auch auf kargen Moorböden in den Niederungslandschaften findet sich das Rote Höhenvieh zurecht und hat sich wegen der geringen Ansprüche neuen Lebensraum erobert.

Übrigens gibt es seit Ende 2018 Sperma des Bullen „Innib“ bei Masterrind in Verden im Angebot. „Innib“ stand von Ende 2018 bis Juli 2019 auf der Besamungsstation in Verden. Dort wurden etwa 3000 Spermaportionen gezogen.

Und Rolf Göbbert auf dem Förther Kronsberg in der schwindelerregenden Höhe von 15 Metern über Normal Null, welches Schicksal hat er Alma und Berta zugedacht? Sind sie am Ende vielleicht doch nur als gewinnbringende Fleischlieferanten in unsere tiefen Ebenen gekommen? „Nee, nee. Die nicht.“ Er will mal schauen, wie sich die beiden hier in der Landschaftspflege machen.  rg/jpw

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