Abseits von Corona: Müssen Einrichtungen nach geplanter Reform zumachen?

Tagespflege: „Es werden Existenzen vernichtet“

 Bianca Boss, Inhaberin der  Hubertus Tagespflege in Langwedel des Landhauses in Luttum, ebenfalls eine Tagespflegeeinrichtung.
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Extrem besorgt ist Bianca Boss von der Hubertus Tagespflege in Langwedel über die Pläne zur Pflegereform – und das gilt für ihren gesamten Berufsstand.

Alle Welt redet über Corona. Darüber geraten andere Themen aus dem Gesundheitsbereich völlig in den Hintergrund. Wie etwa die noch in diesem Jahr geplante Pflegereform. Und die bedroht in ihrer jetztigen fassung die Existenzen von Tagespflegen.

Langwedel – Bianca Boss ist so etwas von schlecht auf Gesundheitsminister Jens Spahn zu sprechen. Das kommt dieser Tage ja nun öfter vor – hat im Fall Boss aber überhaupt nichts mit dem Dauerthema Corona zu tun. Bianca Boss betreibt die Hubertus Tagespflege in Langwedel und das Landhaus Luttum, in dem man sich ebenfalls um Tagespflegegäste kümmert.

Natürlich ist auch in Langwedel Maskenpflicht. Wer ins Haus will, muss seine Daten und ein paar Auskünfte hinterlassen. Fiebermessen ist bei jedem Besucher angesagt. Drinnen ist es mollig warm, in der Küchenecke wird schon gemeinsam gekocht, in der Sofaecke gespielt. „Wir haben derzeit erheblich weniger Gäste“, berichtet Bianca Boss. Schuld ist natürlich Corona. Trotzdem, es wird wieder mehr, nachdem die Impfungen in Gang gekommen sind. Aber womöglich steht die Tagespflege bald vor dem Aus, nicht nur in Langwedel, sondern bundesweit.

In Spahns Gesundheitsministerium wurde und wird an einer Reform der Pflegeversicherung gearbeitet. Die soll auch noch bis zur Bundestagswahl im September beschlossen werden, hat Minister Spahn verkündet. Für die Pflegeversicherung werden in diesem Jahr Defizite von mehr als zwei 2 Milliarden Euro erwartet. Nach den Plänen aus dem Hause Spahn kommen auf Bund, Länder und Pflegeversicherung Milliardenausgaben zu, für Pflegebedürftige sollen die Kosten hingegen sinken – wenn sie stationär untergebracht sind, sprich: in einem Heim.

Zur geplanten Reform gibt es ein Arbeitspapier und dessen Inhalt lässt nicht nur Bianca Boss, sondern ihren ganzen Berufsstand und Sozialverbände Alarm schlagen. Der Spahn-Entwurf sieht nämlich die Kürzung der Tagespflegeansprüche um satte 50 Prozent vor. Das heißt im Klartext: Wer einen Angehörigen in der Tagespflege unterbringt, bekommt nur noch die Hälfte der bisherigen Zuschüsse.

Was Bianca Boss dabei so richtig auf die Palme bringt, ist die Begründung Spahns für die Kürzungen an dieser Stelle. „Er sagt, Ziel sei es, Fehlanreize durch die Kombination diverser ambulanter und teilstationärer Pflegesachleistungen zu verhindern.“ Es gibt den ambulanten Pflegedienst, der zu den Menschen nach Hause kommt, es gibt die Tagespflegen. „Und was noch, bitte?“, fragt Boss, wo das „diverse“ in der Ministeriumsbegründung herkommt. Dass Familien einen ambulanten Pflegedienst und dazu eine Tagespflege in Anspruch nehmen, habe doch gute Gründe.

Der Pflegedienst kommt, weil die Menschen allein die Pflege ihrer Angehörigen nicht mehr schaffen. Wer einen geliebten Menschen zu Hause pflegt, dem wird zeitlich, körperlich und psychisch vieles, wenn nicht alles abverlangt.

In die Tagespflege kommen Senioren, die von ihren Ehepartnern gepflegt und betreut werden, die selbst schon 80 Jahre und älter sind, berichtet Bianca Boss. Es kommen Menschen, um zuhause nicht zu vereinsamen, weil der Partner verstorben ist und keine Familie mehr am Ort wohnt. Es werden Menschen mit Demenz auch im fortgeschrittenen Stadium betreut – weil die Angehörigen nicht die Kraft haben (können), das 24 Stunden allein zuhause zu leisten. Und es sind Senioren in der Tagespflege, die von ihren Kindern gepflegt werden, so weit deren eigener Beruf oder die eigenen Kinder dieses zulassen.

In Langwedel arbeiten in der Hubertus Tagespflege elf Menschen, im Landhaus Luttum 15 – inklusive der Fahrer. In Langwedel ist Platz für 16 Gäste am Tag, in Luttum für 22.

„Ist der Politik auch nur ansatzweise bewusst, was mit der Entscheidung, das Budget für Tagespflegen zu kürzen, angerichtet wird?“, fragt Bianca Boss. Was passiert mit all den Menschen, die dann nicht mehr betreut werden? Sollen die zugrunde gehen? Oder ins Heim? Letzteres wird dann aber für die Familien in jedem Fall teurer, als die Kombination aus ambulantem Pflegedienst und Tagespflege. Von den vielen fehlenden Pflegeplätzen und fehlenden qualifizierten Pflegekräften einmal abgesehen.

„Es werden Arbeitsplätze vernichtet. Es werden Existenzen zerstört“, so Boss. „Viele private, familiär geführte Tagespflegen werden schließen müssen. Wer kann sich schon eine Betreuung in der Tagespflege leisten, wenn ordentlich dazu gezahlt werden muss?“ Bei manchen sei die finanzielle Lage doch jetzt schon knapp.

Bianca Boss hat in den Tagespflegen in Langwedel und Luttum Unterschriftenlisten ausgelegt, mit der man eine Petition „Keine Kürzung der Pflegesachleistungen (Tagespflege)“ unterstützen kann, die es auch im Internet (www.openpetition.de/petition/online/keine-kuerzung-der-pflegesachleistungen-tagespflege) gibt.

Die Unterschriftenlisten aus ihren Häusern bekommt der Bundestagsabgeordnete Andreas Mattfeldt (CDU), der sie dann mit nach Berlin nehmen soll. „Er weiß über diese Thematik auch schon Bescheid“, so Boss. Mattfeldt habe mit Vertretern des Deutschen Alzheimerbundes gesprochen. Die Landtagsabgeordnete Dörte Liebetruth (SPD) habe sich mit der Kunde zurückgemeldet, dass Anliegen sei an das zuständige Landesministerium weitergeleitet. Von Gero Hocker, FDP-Bundestagsabgeordneter, gibt es noch keine Rückmeldung.

Auch direkt an Jens Spahn und sein Büro hat die Langwedelerin geschrieben. Die Antwort: Das Schreiben „haben wir aufgrund der Zuständigkeit an das Bundesministerium für Gesundheit weitergeleitet.“ Diese Auskunft hat das Ansehen von Bundesgesundheitsminister Spahn bei Bianca Boss nicht gerade gefördert. Eher im Gegenteil.

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