Erschossen im Alter von 16 Jahren

Der Tod eines jungen Soldaten am Ende des Zweiten Weltkrieges

16 Jahre alt war Werner Rüpprich, als ihn vor den Augen von Elisabeth Bischoff (geb. Schröder) die tödliche Kugel traf. An ihn erinnert der Stein auf dem Daverdener Ehrenfriedhof.
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16 Jahre alt war Werner Rüpprich, als ihn vor den Augen von Elisabeth Bischoff (geb. Schröder) die tödliche Kugel traf. An ihn erinnert der Stein auf dem Daverdener Ehrenfriedhof.

Daverden – In den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges, am 19. April 1945 früh morgens, nachdem das untere Dorf in Daverden bereits elf Tage lang sporadisch von Intschede aus von der britischen Artillerie beschossen worden war, wurde es plötzlich heftig. Die Einschläge kamen jetzt in kurzen Abständen, dazu auch noch äußerst präzise. Die Briten wussten genau, wo sich die deutschen Soldaten aufhielten.

Eine Granate traf genau in den Kellerfensterschacht der Gaststätte Gütersloh, und die Splitter verletzten dort im Keller einen Soldaten und den Hausbewohner Günter Homfeld erheblich.

In diesem Keller befand sich ein größerer Teil der jungen deutschen Verteidiger. Weitere waren auf einige Scheunen und das Klubzimmer der Gaststätte Jahn verteilt. Sie hatten zum Zeichen der Aufgabe ihre Karabiner mit geöffneten Schlössern an die Hauswand gestellt, um sich den einrückenden Engländern zu ergeben.

Doch ehe sie mit erhobenen Händen herauskommen konnten, gab es bereits tote Kameraden. Alles spielte sich in nur wenigen Minuten ab. Ein englischer Späher hatte wohl die Aufgabe, die nahe Panzersperre auf der Weserstraße nach Hitlerjungen mit Panzerfäusten abzusuchen, weil nämlich am Vortage beim Einmarsch in Langwedel sich ein Junge mit Panzerfaust hinter dem ersten Bollwerk versteckt gehalten und in letzter Sekunde davongelaufen war. Von da an schossen sich die Briten beim Vormarsch mit ihren Kanonen den Weg frei, wohl weniger aus Angst, am lächerlichen Bollwerk hängen zu bleiben. Es ging immer darum, einem Angreifer mit Panzerfaust zuvorzukommen.

Im unteren Dorf nun konnten sie sich den Weg nicht frei schießen; denn absolut zeitgleich begegnete den Panzern, die von der Hauptstraße kamen, jetzt eine Einheit mit Panzerspähwagen aus der Marsch. Beide Truppenteile trafen auf der Weserstraße aufeinander, und waren dabei nicht auf deutschen Widerstand gestoßen. Aus deutschen Waffen, die ohnehin nur aus Karabinern bestanden, war nicht ein Schuss gefallen. Übrigens hatte nicht einmal jeder Soldat einen eigenen Karabiner.

Auf deutscher Seite hatte es bereits den ersten Toten unmittelbar vor dem Zusammentreffen der beiden Einheiten gegeben. Der erst 16 Jahre alte Melder Werner Rüpprich hatte mit geschulterter Waffe auf dem Hof der Gaststätte Gütersloh gestanden, während sein Leutnant mit seiner Mannschaft im Keller des Hauses auf die Gefangennahme wartete.

Der Melder war vermutlich der Aufmerksamkeit eines englischen Spähers auf dem Biskop-Elfers-Hof nicht entgangen.

Weil nun der Beschuss aufgehört hatte, begaben wir uns aus dem Keller, in dem meine Mutter mit drei Kindern und die benachbarte Gastwirtin „Mene“ Jahn mit ebenfalls drei Kindern und ihrer Schwester Elisabeth Schröder (später verheiratete Bischoff) Schutz gesucht hatten und schauten nach Schäden des Artillerie-Beschusses.

Jahns Gaststätte war nicht getroffen worden, wohl aber das angrenzende Backhaus und der daneben stehende Stall. Letzterer hatte einen Volltreffer bekommen, und die einzige Kuh darin hatte sich losgerissen und war davongelaufen.

Elisabeth ging geduckt zu dem Wachposten genau gegenüber von unserem Haus, wo er vor der Gaststätte Gütersloh Wache stand. Er hatte die Kuh gerade noch gesehen, als diese die Weserstraße hinauf gerannt war. Im selben Augenblick, als die zwei sich gegenüber standen und Rüpprich in Richtung Weserstraße zeigte, brach er unvermittelt tödlich von einer Gewehrkugel getroffen vor Elisabeths Füßen zusammen. Der englische Späher musste vom Hof Biskop-Elfers geschossen haben.

Kurz danach durchbrach der erste Panzer das vermeintliche Bollwerk, um zeitgleich mit Panzerspähwagen, die über Eissel kommend von unten ins Dorf drangen, im Zangenangriff aufeinander zu treffen. Hier im alten Bauernzentrum (vor unserer Haustür) wurde vermutlich vom MG des zuerst eintreffenden Spähwagens, auch der Leutnant Herkelmann, der aus dem Keller der Gasstätte Gütersloh herauf gekommen war, um seinen toten Melder mit einer Plane zu bedecken, von Kugeln tödlich getroffen, als er sich über den toten 16-Jährigen beugte.

Während ihres Angriffs feuerten die Briten aus der Marsch kommend auf die rennenden deutschen Verteidiger, die aus ihren Deckungslöchern am Marschrand heraus gesprungen waren, Stahlhelm und Karabiner weggeworfen hatten und dann Richtung Bauernwald rannten.

Das Gros der im Zusammenhang mit der Einnahme Daverdens 14 gefallenen Soldaten wurde am 30. April auf dem Daverdener Friedhof in einem Gemeinschaftsgrab beigesetzt.

Ein Teil von ihnen wurde später in ihre endgültigen Gräber mit etlichen gefallenen Kameraden aus umliegenden Dörfern umgebettet, um im 1958 angelegten Ehrenfriedhof mit 72 Einzelgräbern ihre endgültige Ruhe zu finden. Einige der zunächst im Gemeinschaftsgrab Ruhenden wurden im Zuge der durchgeführten Umbettungen auch zu Grabstätten ihrer Angehörigen in ihren Herkunftsorten überführt.

Der vorbildlich gestaltete Ehrenfriedhof für 72 Gefallene mit einheitlichen Grabsteinen und großen künstlerisch gestalteten Namenstafeln in Granit hat längst öffentliche Anerkennung gefunden. Auf den großen Namenstafeln findet man auch Namen von Gefallenen, die ihre Angehörigen, nicht aber ihre Herkunft in Daverden haben, eingraviert – ein sehenswertes Ensemble, das zu Besinnlichkeit und Nachdenklichkeit veranlasst.

Von Harald Gerken

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