Stiftung Waldheim vorzeitig aus dem Corona-Lockdown heraus

Erleichterung und Freude

Nahezu 1000 Testungen seit Mitte Oktober fanden allein in der Stiftung
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Nahezu 1000 Testungen seit Mitte Oktober fanden allein in der Stiftung

Cluvenhagen – „Der Schreck saß allen in den Gliedern, als die offizielle Nachricht kam, das Gesundheitsamt plane einen General-Lockdown für die Stiftung Waldheim“, berichtet jetzt Waldheimsprecherin Katharina Englisch. Anfang November stellte das Gesundheitsamt des Landkreises Verden alle Bewohner der Stiftung Waldheim, die auf dem Gelände in Cluvenhagen leben, vorsorglich unter kollektive Hausquarantäne. Auslöser war das aktive Infektionsgeschehen innerhalb der Einrichtung.

Dort waren in der zweiten Oktoberhälfte über 50 Personen positiv getestet worden. Die Zahl möchte Vorstandsmitglied Karl-Georg Issing aber auch in die richtige Relation gesetzt wissen: „50 Bewohnerinnen, Bewohner und Mitarbeiter von insgesamt über 800 Personen. Wir sprechen hier von gut sechs Prozent. Dennoch ist jeder Infizierte einer zu viel. Zu unserer großen Erleichterung und Freude hatte die Mehrheit der Erkrankten eher milde Verläufe.“

Zusammen mit seinem Vorstandskollegen Dieter Haase, dem Betriebsratsvorsitzenden und weiteren Leitungskräften der Stiftung Waldheim gründete Issing bereits im März dieses Jahres ein Krisenteam, das bis auf die Zeit in den Sommermonaten täglich zusammenkam.

Hier wurde ein Pandemiekonzept entwickelt, Quarantänebereiche – zunächst vorsorglich – eingerichtet, Vorräte angelegt, „Worst Case-Szenarien“, also der schlimmste Fall, durchgespielt und Personal geschult.

„Was anfangs in der Theorie schlüssig klang, stellte sich später in der Praxis auch weitestgehend als richtig heraus“, wird Issing in einer Mitteilung aus dem Waldheim zitiert. „Allerdings machten wir die Rechnung ohne den Menschen. Denn als die ersten Corona-Fälle da waren, kam bei einigen auch die berechtigte Angst, sich anzustecken.“ Oscar Schouten, langjährige Fachbereichsleiter Wohnen, ergänzt: „Plötzlich fehlten uns von einem Tag auf den anderen Betreuungskräfte in den Wohngemeinschaften.“

Die verbleibenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter rückten zusammen und bildeten neue Teams.

„Kolleginnen und Kollegen aus anderen Bereiche sprangen solidarisch ein und leisteten Extraschichten. Viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter meldeten sich freiwillig für den Einsatz mit Vollschutzkleidung in Quarantäne-WGs, obwohl dieser Dienst mit einer sogenannten B-Quarantäne einherging“, berichtet Katharina Englisch.

In der B-Quarantäne gelten alle Bedingungen wie bei der häuslichen Quarantäne. Der Unterschied: Man darf sein Zuhause nur zum Aufsuchen des Arbeitsplatzes verlassen. Der Weg von und zur Arbeit muss direkt und ohne Unterbrechung erfolgen. Keine Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel oder Fahrgemeinschaften, nicht einmal tanken ist erlaubt.

„Keine leichten Bedingungen, auch nicht für die Familien der Kollegen, denn die mussten natürlich mitspielen“, weiß Oscar Schouten.

Neben Corona-Prämien und Gratis-Pizzalieferungen gab es viel mentale Unterstützung von innen und außen. „Wir sind alle zusammengerückt. Die Kolleginnen und Kollegen, die in häuslicher Quarantäne waren, aber nicht mit Krankheitssymptomen zu kämpfen hatten, gingen freiwillig ins Home Office. Der Vorstand ließ Care Pakete mit Lebensmitteln an alle Coronaerkrankten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter versenden. Wir erlebten viel Zuspruch in den sozialen Medien sowie bei Familien und Angehörigen“, so Oscar Schouten.

Dabei standen alle unter Strom: Tägliches Körpertemperaturmessen, Tagebuch führen über eventuelle Krankheitszeichen, AHA+L-Regeln einhalten und vieles mehr. Die Haustechnik musste über Nacht Quarantäneschleusen einrichten, die Hygieneanforderungen und das Wäschevolumen in der stiftungseigenen Wäscherei stieg auf das Vielfache bei deutlich weniger Arbeitskräften, denn die Beschäftigten waren in Kollektivquarantäne. Bisher gab die Stiftung Waldheim nach eigenen Angaben 150 000 Euro allein für Schutzkleidung aus.

„Die eigentliche Herausforderung jedoch lag und liegt darin, die beeinträchtigten Bewohnerinnen und Bewohner mitzunehmen“, sagt Vorstand Issing. „Es verlangte sehr viel Kreativität, die Menschen in den Wohngemeinschaften unter Einhaltung der Abstands- und Hygienevorschriften sinnvoll zu beschäftigen. Zudem wurden alle Bewohner mehrfach getestet, teilweise bis zu fünf Mal. Natürlich hat das für Widerstand gesorgt. Viele hatten große Angst vor den fremden Menschen in Vollschutzkleidung auf unserem Gelände. Insbesondere als in der letzten Woche ein zwölfköpfiges Bundeswehrteam anrückte, um die Mitarbeiter des Gesundheitsamtes zu unterstützen.“ Bei etlichen Bewohnern habe die Aktion blanke Panik ausgelöst. „Eine echte Meisterleistung der Kolleginnen und Kollegen, alle mehrmals zum Testen zu bewegen“, so Karl-Georg Issing.

1 850 Tests in knapp fünf Wochen habe man vorgenommen, davon über 500 auf Eigeninitiative der Stiftung Waldheim, die auch die Kosten dafür in Höhe von circa 30 000 Euro zu tragen hat.

Aber alle getroffenen Maßnahmen zeigten so gute Wirkung, dass der Lockdown zwei Tage früher aufgehoben, als ursprünglich vom Landkreis angesetzt.

„Bei all unserer Sorge um die Unversehrtheit der Bewohner dürfen wir nicht vergessen, dass die Selbstbestimmung und die Selbstständigkeit von Menschen mit Behinderung stets zu respektieren sind. Unsere Aufgabe ist es, ihre Teilhaberechte an einem Leben in der Gesellschaft zu achten“, betont Issing. „Schwer zu leisten, wenn das Gebot der Stunde häusliche Quarantäne für alle heißt, unabhängig davon, ob man kerngesund, ein Verdachts- oder ein Infektionsfall ist.“

Zu guter Letzt weiß man in der Stiftung Waldheim, das ohne die Kooperationsbereitschaft aller Beteiligten eine so große Krise nicht zu meistern ist. „Wir haben sehr viel gelernt und wichtige Erfahrungen gemacht. Corona ist keine Frage von Schuld, sondern von Aufgaben.“

Am liebsten würden die Waldheimer nun kräftig feiern, aber: „Corona ist noch nicht überstanden, der Winter ist lang. Also bleiben wir gemeinsam verantwortungsvoll und stoßen an, wenn die Zeit dafür gekommen ist“, so Katharina Englisch.  jpw

Waldheim statt (

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