Großer Infoabend in Langwedel

Gas und Erdbeben: „Wir sehen einen klaren Zusammenhang“

Als Bürgermeister Andreas Brandt und Landrat Peter Bohlmann den Infoabend eröffneten war der Saal noch gut gefüllt. Zum Ende der dreistündigen Veranstaltung lichteten sich die Reihen dann doch immer mehr. - Foto: Wenck
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Als Bürgermeister Andreas Brandt und Landrat Peter Bohlmann den Infoabend eröffneten war der Saal noch gut gefüllt. Zum Ende der dreistündigen Veranstaltung lichteten sich die Reihen dann doch immer mehr.

Langwedel - „Wir haben genug Indizien zusammen, um einen Zusammenhang sehen zu müssen.“ Vielleicht müssen sich Fachleute wie Nicolai Gestermann ein bisschen gewunden ausdrücken. Seine Kollegin Monika Bischoff wurde konkreter: „Wir sehen einen klaren Zusammenhang.“ Zwischen der Erdgasförderung im Feld Völkersen und einem Erdbeben in der Region am 22. April 2016 nämlich.

Für besagtes Beben liegt seit kurzem ein Untersuchungsbericht des Landesamtes für Bergbau, Energie und Geologie (LBEG), des Niedersächsischen Erdbebendienstes und der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) vor. Aus den wütenden Bürgerprotesten der Vergangenheit, als die Menschen vor Ort sich nur unzureichend informiert sahen (und massives Misstrauen entwickelten) hat man offensichtlich in den Ämtern und beim Land Niedersachsen gelernt.

Der obengenannte Bericht ist im Internet für jeden einzusehen. Außerdem hatten LBEG, GBR, Langwedels Bürgermeister Andreas Brandt und Landrat Peter Bohlmann am Donnerstag zu einer umfassenden Informationsveranstaltung ins Langwedeler Gasthaus Klenke eingeladen.

Nirgendwo gebe eine schädliche Bodenveränderung

Hier wurde dann nicht nur der Erdbebenbericht vorgestellt. 200 von 450 Förderplätze im Land Niedersachsen habe man vor dem Hintergrund der Bundesbodenschutzverordnung untersucht, so Dr. Jürgen Schneider für das LBEG. Sein Fazit: Nirgendwo gebe eine schädliche Bodenveränderung. „Aus bodenkundlicher Sicht ein gutes Ergebnis.“

Seit 2008 hat man im Bereich des Erdgasfeldes Völkersen 16 Beben beobachtet, so Monika Bischoff (LBEG). Acht davon lagen über einer Lokalmagnitude von 1,8 und waren für den Menschen wahrnehmbar. Dass die Wissenschaftler einen Zusammenhang zwischen der Erdgasförderung und den Beben sehen, liegt auch an der gestiegenen Zahl der Messstationen. Gab es anfangs derer nur drei, ist man mittlerweile bei neun Messpunkten angekommen. „Damit ist Völkersen das am besten überwachte Erdgasfeld Norddeutschlands.“

„Einwirkungsbereiches“ für Beben müsse bestimmt werden

Ob bei einem Beben Schäden an Gebäuden entstehen können, versuchen die Wissenschaftler zum Einen über die „Europäische Makroseismische Skala“ (EMS). Den EMS-Wert eines Bebens bestimmt man auch aus den Meldungen, die nach einem Beben beim Niedersächsischen Erdbebendienst und dem LBEG eingehen. Und dann kommt da noch die von Messstationen festgestellte Bodenschwinggeschwindigkeit dazu. Die Norm DIN 4150 legt fest, ab welcher Schwinggeschwindigkeit Gebäudeschäden in welchen Ausmaß auftreten können. Für das Beben vom 22. April 2016 gelte danach, „dass leichte Gebäudeschäden nicht auszuschließen sind“, so Bischoff.

Klingt nicht nur kompliziert, ist es auch. Und damit ein wesentlicher Grund, warum die jüngst beschlossene Gesetzgebung Geschädigten aktuell nicht hilft. Besagtes Gesetz verlangt nämlich die Bestimmung eines „Einwirkungsbereiches“ für Beben. „Wer legt diesen Einwirkungsbereich fest? Und wie lange dauert das noch?“, wollte nicht nur Dörte Liebetruth wissen. „Daran arbeiten die Kollegen derzeit“, erklärte Andreas Sikorski, Präsident des Landesbergamtes.

90 Prozent der Schäden schon unbürokratisch reguliert

„Die Kollegen“ kommen aus der ganzen Republik, weil man eine bundeseinheitliche Regelung anstrebt. „Ein sehr komplexer Prozess, das wird Zeit brauchen“, meinte Nikolai Gerstermann (GBR).

„Ich hab anfangs auch den Fehler gemacht und gedacht: Jetzt wird für den Bürger alles gut“, erklärte Wolfgang Arenhövel, Leiter der beim Landkreis Rotenburg angesiedelten Schiedsstelle Bergschaden. Aber erste einmal bleibt alles beim Alten, für zurückliegende Beben sowieso. Sein Rat: „Einigt euch außergerichtlich, wenn die Schäden nicht allzu groß sind.“

90 Prozent der nach dem 22. April gemeldeten Schäden habe man schon unbürokratisch reguliert, erklärte Derek Mösche, Sprecher der DEA. Über welche Summen man da spreche, wollte das Publikum wissen. „Im Durchschnitt sind das 2 000 Euro.“

Auch in Zukunft könne man Beben nicht ausschließen

Man werde sich in diesem Jahr am weiteren Ausbau des Messsystems beteiligen, so Meik Schreiter, Leiter des DEA-Förderbetriebes in Schülingen. Darüber hinaus werden sein Unternehmen in diesem Jahr ein System zur Messung von potenziellen Bodenabsenkungen installieren.

„Müssen wir in Zukunft mit mehr und stärkeren Beben rechnen?“ wollte Thomas Vogel aus Völkersen wissen. Die Antwort blieb vage. Auch in Zukunft könne man Beben in der Region nicht ausschließen, so Monika Bischoff. Über deren Stärke ließen sich keine Angaben machen.

Ein sofortiger Stopp der Erdgasförderung würde diesbezüglich auch nichts bringen. Die Ursachen für die Beben liegen in der Vergangenheit. Außerdem ließe sich ein Verbot der Erdgasförderung rechtlich auch gar nicht rechtfertigen, so Andreas Sikorski. Warum nicht? Weil sie, ganz kurz gefasst, einfach nicht genug Schaden anrichtet. 

Die Ergebnisse der Bodenuntersuchung findet man im Internet auf der Seite des Landesamtes für Bergbau, Energie und Geologie in Niedersachsen. 

jw

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