Ein Pinguin ist keine Giraffe

Entlassungsfeier an der Helene-Grulke-Schule Cluvenhagen

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Tüchtig Applaus gab es bei der Entlassfeier in Cluvenhagen für die Musikdarbietungen im Programm.

Cluvenhagen - Die Halle ist rappelvoll. Neben der stetig steigenden Wärme ist eine Menge Aufregung, viele Freude und vielleicht auch ein bisschen Traurigkeit zu spüren. Am Ende werden auch noch ein paar junge Menschen „rausgeschmissen“ – und dann wird gefeiert. So ist das, wenn die Helene-Grulke-Schule (HGS) junge Leute ins weitere Leben entlässt.

„Einige von Euch können es gar nicht erwarten, rausgeschmissen zu werden. Andere wären vielleicht noch gern ein bisschen geblieben“, meinte Schulleiterin Meike Holsten gestern Vormittag. Das klingt doch nach einer ganz normalen Schule. Das ist man in Cluvenhagen aber nach eigenem Selbstverständnis gar nicht.

„Wir sind eine große Gemeinschaft mit ganz besonderen Kindern und darum fällt uns der Abschied auch immer sehr schwer,“ sagte Holsten vor der Feier. An der HGS werden Kinder und Jugendliche mit sonderpädagogischem Unterstützungsbedarf im Bereich der geistigen Entwicklung unterrichtet. Lern- und Förderangebote sind breit gefächert und orientieren sich am Unterstützungsbedarf des Einzelnen.

Nicht zu schnell von dem ersten Eindruck täuschen lassen

Was das bedeutet, erläuterte Meike Holsten gestern frei nach Dr. Eckart von Hirschhausen an dem großen Pinguin, der da auf der Bühne stand. Nicht in echt natürlich. So ein Pinguin hat viel zu kleine Flügel, eine unvorteilhafte Figur, die Knie hat der Chef bei der Schöpfung auch vergessen. Klarer Fall: So ein Pinguin ist ein Verlierer, der kann nix. Obacht: Man sollte nicht zu schnell nach einem ersten Eindruck ein Urteil fällen. Das geht nämlich ganz oft daneben.

Wenn so ein Pinguin nämlich ins Wasser springt, dann ist er in seinem Element, dann geht die Post ab. Man darf nur eben vorher nicht versuchen, aus ihm eine Giraffe zu machen.

Womit wir wieder bei der HGS wären. „Ein guter Therapeut, ein guter Lehrer stärkt die Stärken und doktert nicht an den Schwächen herum“, so Holsten.

Eine Neuheit gab es in diesem Jahrgang: Alle Schülerinnen und Schüler sind schon zuhause ausgezogen, leben in Wohngemeinschaften. „Welcher Abiturient kann das schon von sich sagen?“, fragte Holsten – und bekam viel Beifall. „Ihr habt schon ein Stück Selbstständigkeit gelernt.“

Ein „Hoch“ auf die Schulabgänger 2017.

Die Nachfrage nach Plätzen in der Schule steigt. Im Schuljahr 2017/2018 hat die HGS erstmals elf Klassen mit 77 Schülern, man erwarte kurzfristig weitere Anmeldungen. Für das kommende Schuljahr liegen bereits mehr Neuanmeldungen vor, als junge Erwachsene die HGS nach der 12. Klasse verlassen.

Ursache dafür könnte die schwierige Situation für die allgemeinbildenden Schulen sein, die Forderungen der UN-Behindertenrechtskonvention umzusetzen, Kinder mit Behinderung inklusiv zu unterrichten. Die HGS arbeitet anstelle der Inklusion mit einem differenzierten Kooperationsmodell. Die HGS steht in Trägerschaft der Stiftung Waldheim, ist eine staatlich anerkannte, private Förderschule für Geistige Entwicklung – und arbeitet seit vielen Jahren eng mit sechs Regelschulen im Landkreis Verden zusammen.

„Nachhaltiges Erfolgsmodell“

Dort gibt es dann gemeinsamen Unterricht und ein gemeinsames Schulleben, aber keine gemeinsamen Klassen. Die Kinder mit Unterstützungsbedarf werden im eigenen Klassenverbund von Sonderpädagogen und qualifizierten Fachteams begleitet. „Wir bringen quasi unser eigenes Personal mit. Da manche Kinder viel Unterstützung brauchen, wäre das anders auch gar nicht möglich“, so Meike Holsten und wies auf das Jubiläum mit der Grundschule Völkersen hin: „Hier feiern wir im August unser 20-jähriges Jubiläum. Als damals sieben Kinder von uns in die Grundschule Völkersen eingezogen sind, ahnten wir nicht, dass aus einem pädagogischen Vorhaben ein so nachhaltiges Erfolgsmodell werden würde.“

Völkerser waren auch unter den Gästen der Feier, denen sich Schülersprecherin Natascha Cramer mit auf den Weg gab: „Vielen Dank, dass ihr alle gekommen seid. Meine Schulzeit war cool.“ Dann bekam die junge Dame von allen ein Ständchen. Sie hatte gestern nämlich auch noch Geburtstag.

jw

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