Reinhard Kurth hilft jungen Leuten für Initiative VerA in der Berufsausbildung / Mitstreiter gesucht

Durchblick dank Senior Experten Service

Reinhard Kurth aus Etelsen (rechts) hat Muhammad Mansur Yousefi während dessen Ausbildung gecoacht. Yousefi wurde inzwischen von der Verdener IT-Fimra VIT als Anwendungsentwickler – das gehört zum Berufsfeld Fachinformatiker – übernommen.
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Reinhard Kurth aus Etelsen (rechts) hat Muhammad Mansur Yousefi während dessen Ausbildung gecoacht. Yousefi wurde inzwischen von der Verdener IT-Fimra VIT als Anwendungsentwickler – das gehört zum Berufsfeld Fachinformatiker – übernommen.

Etelsen – „Das war bisher mein Highlight“, sagt Reinhard Kurth. Der Etelser ist ehrenamtlich als Senior-Experte für ein Projekt zur Verhinderung von Ausbildungsabbrüchen (VerA) tätig. Der Ingenieur im Ruhestand hat mit seinem Fachwissen schon fünf Jugendliche durch ihre Ausbildung gebracht und will andere motivieren, es ihm gleichzutun. Reinhard Kurths „Highlight“:

Mit dem Syrer Mansur Yousefi war es bislang die beste Zusammenarbeit. Der 26-Jährige spricht inzwischen fließend deutsch, hat seine Ausbildung im August 2020 abgeschlossen und wurde anschließend vom Ausbildungsbetrieb, einer IT-Firma, übernommen. „Ich kann nicht in zwei, drei Worten erklären, wie dankbar ich dafür bin“, sagt Yousefi.

Laut dem SES, der weltweit Hilfe zur Selbsthilfe gibt, besteht für die Initiative VerA dringend Bedarf: „In Deutschland löst etwa jeder vierte Auszubildende seinen Lehrvertrag vorzeitig auf. Nur jeder zweite setzt seine Ausbildung in einem anderen Betrieb oder Beruf fort. Viele junge Erwachsene haben daher keinen Berufsabschluss“, schreibt die Organisation auf ihrer Internetseite.

Als „Mensch der Industrie“ bewegt Reinhard Kurth auch der wirtschaftliche Schaden, der durch Ausbildungsabbrüche entsteht. Er selbst blickt auf eine erfolgreiche Berufslaufbahn in der Stahlindustrie zurück. Anlässlich der Wirtschaftskrise 2008/2009 schickte sein Arbeitgeber Arcelor Mittal in Bremen viele Mitarbeiter in die Altersteilzeit. Darunter auch Reinhard Kurth. „Ich dachte, wenn ich in Rente gehe, will ich vorbereitet sein“, erinnert sich Kurth an seine damaligen Überlegungen. Also gab er schlicht in die Suchmaschine im Internet „Rente, was nun?“ ein – und stieß auf das Angebot des SES. Als Vater von drei Kindern kann er nachvollziehen, wie orientierungslos junge Leute zwischen 16 und 18 Jahren sein können und daher Unterstützung benötigen. „Meine Arbeit hat mir immer Spaß gemacht und Selbstbewusstsein gegeben“, sagt der 67-Jährige. Das wollte er weitergeben.

Nach einer zweitägigen Schulung des SES, die sich um Didaktik und Kommunikation mit jungen Menschen dreht, konnte es losgehen. „Man trifft sich unter vier Augen und guckt, wo die Probleme sind“, sagt Reinhard Kurth. VerA unterstützt unter anderem bei Problemen in der Berufsschule, Prüfungsangst, Konflikten im Ausbildungsbetrieb und privaten Sorgen. „Oft geht es um Chaosmanagement“, berichtet Kurth. Denn wenn ein Auszubildender etwa Probleme mit dem Lernen habe, übertrage sich das meist auf andere Lebensbereiche. Das Spektrum der Begleitung sei auch zeitlich gesehen groß. „Das kann drei Monate oder vom ersten Lehrjahr bis zur Abschlussprüfung dauern.“

Anfangs kümmerte sich Kurth um „den typisch deutschen Azubi, der als Spätpubertierender seine Ausbildung anfängt“. Zur Zeit umfasst die Zielgruppe vor allem junge Menschen mit Fluchterfahrung. „Das ist auch für mich spannend, weil ich dadurch einen Einblick in andere Kulturen bekomme“, sagt Kurth. Außerdem brachte das Ehrenamt ihn auch fachlich weiter: „Die Programme, mit denen sie heute arbeiten, kannte ich gar nicht.“

Muhammad Mansur Yousefi, wie er mit vollem Namen heißt, kam 2016 in Deutschland an. Zuvor hatte er Businessmanagement in englischer Sprache studiert. „Das war anfangs von Vorteil, weil in Deutschland viele Englisch verstehen. Ich habe auch Freunde auf Ämtern begleitet und unterstützt“, erzählt Yousefi. Ansonsten spricht er Paschtu, Persisch, Türkisch und seit Neuestem: Deutsch.

Als Yousefi seine Ausbildung bei VIT (Vereinigte Informatiksysteme) in Verden, einem Dienstleister für Tierhaltung und Tierzucht, begann, verfügte er schon über gute Deutschkenntnisse: Sein sprachliches Niveau wurde bei B1 eingestuft. Schwierigkeiten hatte er im Unterricht trotzdem. „Texte zu schreiben hat bei mir oft länger gedauert als bei den anderen“, schildert Yousefi. „Aber ich habe mich nicht getraut, dem Lehrer so viele Fragen zu stellen.“ Aus Rücksicht auf die anderen in der Klasse, die er damit nur aufhalten würde, so seine Wahrnehmung. In seinem zweiten Ausbildungsjahr brachte ihn die Agentur für Arbeit zum SES und damit zu Reinhard Kurth. Einmal pro Woche wurde er einzeln von ihm gecoacht. „Ich war froh darüber, dass ich endlich so viele Fragen stellen konnte, wie ich wollte“, so Yousefi.

Als der Mentor seinen Schützling übernahm, war die Situation durchaus kritisch. „Der Betrieb wusste nicht, ob er die Ausbildung schaffen würde“, erinnert sich Kurth. Umso mehr freut sich der Etelser jetzt über den Erfolg: „Das hat mich auch beeindruckt. Allein die Lehrbücher sind sprachlich auf verdammt hohem Niveau.“ Es gehe um mehr als nur mit Worten zu jonglieren, man müsse die Texte inhaltlich verstehen. Das ist Yousefi mit Reinhard Kurths Hilfe offenbar gelungen: „Eines Tages bekam ich in einer Deutsch-Klausur eine 2. Andreas, mein Klassenkamerad in der Berufsschule, hatte aber nur eine 3. Da sagte er zu mir: Jetzt unterrichtest du mich!“, erzählt Yousefi und lacht.

Von Lisa Duncan

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