Zur rechten Zeit am richtigen Ort

Dörte Kröger aus Langwedel hilft traumatisierten Kindern in Heimerzheim

Die Klassenräume in Heimerzheim standen komplett unter Wasser. Auch wenn gewisse Dinge zunächst noch gerettet wurden – zu gebrauchen sind sie nicht mehr.
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Die Klassenräume in Heimerzheim standen komplett unter Wasser. Auch wenn gewisse Dinge zunächst noch gerettet wurden – zu gebrauchen sind sie nicht mehr.

Langwedel-Heimerzheim – In ihrem Berufsleben hat Dörte Kröger schon viele problembehaftete Kinder kennengelernt. Kein Wunder. Schließlich ist die 55-jährige analytische Kinder- und Jugendpsychotherapeutin.

Doch die Situation, die Kröger nach der Flutkatastrophe im Swisttal vorfand, war auch für sie eine neue Erfahrung. „Nach den schrecklichen Erlebnissen waren die Kinder zum großen Teil stark traumatisiert. Daher war ich schon überrascht, dass keine Notfallseelsorge vor Ort gewesen ist“, sagt die Langwedelerin. „Im Zuge der Flutkatastrophe wurde nie über die Kinder berichtet. Dabei hatten sie doch Furchtbares erlebt!“ Dies war der Anstoß zur aktiven Hilfe und für die Therapeutin war damit klar, dass sie in ihrem Urlaub vor Ort ihre Unterstützung anbieten wollte.

Nach diversen Telefonaten und Mails hatte Kröger letztlich Kontakt zu einem Jugendreferenten und wurde über eine Pastorin an eine stellvertretende Schulleiterin in Heimerzheim im Swisttal verwiesen. „Mit ihr habe ich dann Kontakt aufgenommen und ihr meine Hilfe angeboten. Für meine professionelle Hilfe war sie sehr dankbar, da sie sich selbst in der Betreuung der zum Teil traumatisierten Kinder und Eltern überfordert fühlte. Vor Ort hatte sie zwar eine Betreuung für die Kinder in den Ferien organisiert, doch die notwendige therapeutische Unterstützung war nicht gegeben“, berichtet die 55-Jährige.

In Heimerzheim angekommen, musste Kröger erst einmal kräftig durchatmen. „Natürlich hatte ich die Bilder im Fernsehen gesehen. Aber vor Ort ist das doch noch einmal eine ganz andere Nummer“, spricht Kröger von einer regelrecht gespenstischen Atmosphäre. „Dabei wurde mir versichert, dass es noch sehr viel schlimmer ausgesehen hat. Für mich kaum vorstellbar, denn Geschäfte gab es dort keine mehr.“ Gleiches galt für die Grundschule. Zu allem Überfluss wurden, wie am Ende eines Schuljahres vielfach üblich, Bücher und Materialien eingesammelt und im Erdgeschoss gelagert. Die waren alle vernichtet. „Und das, was noch im Obergeschoss gewesen ist, fing relativ schnell an zu schimmeln“, verweist Dörte Kröger auf das nächste Problem.

Aktuell gleicht die Swist wieder eher einem kleinen und ruhigen Bach. Doch im Zuge der Flutkatastrophe glich die Swist eher einem reißenden Strom.

Abhilfe ist bereits in Aussicht gestellt worden, da die Grundschüler Container aus Hameln bekommen sollen, in denen sie dann unterrichtet werden. Allerdings sind die erst nach den Herbstferien avisiert. Bis dahin teilen sich die Kinder das Gebäude der Sekundarschule mit deren Schülern und Schülerinnen, welches glücklicherweise nicht so stark betroffen war. Um einen ersten Zugang zu den Kindern zu erhalten, die teilweise nicht sprechen wollten, griff Dörte Kröger, die neben ihrer Praxistätigkeit als Teamerin in dem Projekt „…, ganz schön stark!!“ mit arbeitet, auf altbewährte Mittel aus ihrer Projektarbeit zurück.

Das Projekt „…, ganz schön stark!!“ wird an vielen Bremer Grundschulen und Kitas durchgeführt, fördert und trainiert Resilienz, also psychische Widerstandskraft, und Lebenskompetenzen. Genau das, was gerade die Kinder aus dem Krisengebiet unbedingt benötigen. „Zunächst habe ich mit den Kindern gespielt und mich dabei eines Bauchladens mit unterschiedlichen Methoden bedient. Während es dabei für die Kinder nur ein Spiel war, habe ich zeitgleich mit ihnen an ihren Ich-Fähigkeiten und emotionalen Kompetenzen gearbeitet“, erklärt die Therapeutin. Folge: Das Vertrauen wurde immer größer. Für Dörte Kröger extrem wichtig: „Nach traumatischen Erlebnissen brauchen Kinder einen sicheren Rahmen, eine feste Struktur und die Möglichkeit, von ihren Erlebnissen berichten und damit verbundene Gefühle äußern zu dürfen. Daher war es für mich auch sehr schön zu sehen, dass gerade in den Mittagspausen immer mehr geredet wurde.“

Gleichwohl hatte die Therapeutin den Eltern auch Einzelgespräche angeboten, die dankend angenommen wurden. Auch sie hatten Furchtbares erlebt und Todesängste ausgestanden. Mal ganz abgesehen vom materiellen Schaden, der die Existenz von vielen Familien bedroht. Auch wenn die ersten Gespräche gefruchtet hatten, gab es im Verlauf der Woche ganz besondere Situationen. Verantwortlich dafür war der wieder einsetzende Starkregen. „Klar, dass sich da bei den Kindern (und auch bei den Eltern) Panik ausbreitete und die furchtbaren Erlebnisse sofort wieder präsent waren“, erzählt Dörte Kröger.

Dank „Wuschel“ und „Wuschelinchen“ fassten die traumatisierten Kinder Vertrauen zu ihrer Therapeutin.

Nur gut, dass ihr dabei die zwei „Wuschelbälle“ aus ihrer Projektarbeit zur Verfügung standen. „Da Wuschel auch große Angst vor dem Regen hatte und befürchtete, es würde wieder ganz schlimm werden, konnten die Kinder das Erlebte in Worte fassen. Auch die Tatsache, dass durch den Starkregen Keller wieder vollgelaufen sind, hat die Kinder wiederum sehr verängstigt und ihre Todesängste getriggert.“ Wie Kröger berichtet, wollten sich die Kinder kaum von ihren Müttern lösen. Auch die Geschwisterpärchen rückten immer nah zusammen und waren verständlicherweise kaum zu trennen. „Da waren große Verlust-ängste zu sehen.“ Wie lange dieser Zustand andauern wird – darauf hatte auch die Therapeutin keine genaue Antwort. Es braucht Zeit: „The soul goes on foot!“

Schon jetzt sieht die 55-Jährige eine neue Herausforderung auf alle Beteiligten zukommen. „Keiner weiß, wie es wird, wenn die Schule wieder anfängt. Denn der Weg führt über die Swist und die Kinder haben große Ängste, diesen mittlerweile ruhigen Bach zu überqueren. Wie reagieren die Eltern, wenn die Kinder nur noch mit dem Auto gebracht werden wollen? Das ist bereits heute für die Eltern ein Problem.“ Für Dörte Kröger ist eine Begleitung zu Fuß definitiv die bessere Lösung. „Dabei können Ängste verarbeitet werden.“ Und noch etwas ist für die Therapeutin ganz wichtig: „Eltern neigen schnell dazu, dass sie den Kindern vermitteln, dass sie keine Angst zu haben brauchen. Aber das ist für mich eher kontraproduktiv. Natürlich haben die Kinder Ängste. Und es ist auch wichtig, dass sie diese wahrnehmen und fühlen dürfen. Nur dadurch können diese bewältigt werden und die Kinder finden dadurch einen Umgang mit ihren Ängsten. Sie einfach nur wegdrücken, ist nicht der richtige Weg.“

In der einen Woche gab es neben den vielen schrecklichen Dingen auch jede Menge schöne Momente für Dörte Kröger. „Die Dankbarkeit der Menschen war einfach beeindruckend und hat mich sehr berührt. Daher war ich auf jeden Fall zur rechten Zeit am richtigen Ort“, ist die Langwedelerin überzeugt. In diesem Zusammenhang ließ die aktive Fußballerin des SV Holtebüttel auch nicht unerwähnt, dass sich alle Mannschaften mit einer Spende beteiligt haben. „Somit konnte ich der Grundschule einige hundert Euro übergeben. Manchmal macht es Sinn, direkt zu spenden. Daher hoffe ich, dass da noch mehr zusammenkommt.“ Über das zuvor benannte Projekt „…, ganz schön stark!!“, dass dem Institut für Gesundheitsförderung und Pädagogische Psychologie (InGePP e.V.) angehört, kann weiterhin unter dem Verwendungszweck „Grundschule Heimerzheim“ gespendet werden (Bankverbindung: InGePP e.V., Commerzbank Bremen, IBAN DE28290400900154011100).

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