„Die Akte Rulff“: Hommage für einen vergessenen Künstler und tollen Menschen

„Nicht deutsch genug!“

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Mit seinem Stück „Die Akte Rulff“ erinnerte Christoph Bendikowski im Bürgersaal an den vergessenen Puppenspieler, Künstler, Lehrer und Erzieher Hermann Rulff.

Langwedel - Von Jens Wenck. „Ich denke, wir sind uns alle einig: Das war großes Theater in Langwedel“, befand Sigrid Ernst vom Langwedeler Kulturverein am Samstagabend im sehr gut gefüllten Bürgersaal des Langwedeler Rathauses. Immerhin erlebte das geneigte Publikum quasi eine Weltpremiere.

„Wir brauchen keinen Teufel mehr, wir haben jetzt den Führer!“ Die Akte Rulff. Ein Künstlerschicksal zwischen den Weltkriegen – ist der Name des Vorhabens, mit dem Christoph Bendikowski das Leben des Hermann Rulff in Szene setzt.

Und das nicht als klassisches Schauspiel in mehreren Akten. Szenisch wird die Geschichte eines Mannes, einer Nation und eines Teils ihrer Kulturlandschaft aufgeblättert.

Dabei geht der Schaupieler Bendikowski eine Ehe mit dem Erzähler ein, berichtet, wie er in eine Sache hineingeriet, in die er gar nicht geraten wollte. Wie sich der Fund vermeintlich gewöhnlicher Puppenfiguren als außerordentlicher entpuppte. Dazu gab es noch Theaterplakate, Informationen über das Leben eines Künstlers – und Bendikowski hing am Haken.

Hermann Rulff hätte Beamter auf Lebenszeit werden können, stürzte sich in den wilden 20-er Jahren aber lieber in das aufregende Kulturleben der jungen Republik. Hermann Rulff macht mit seiner Frau Marga ein eigenes Puppentheater auf. Das ist zu dieser Zeit längst nicht nur eine Belustigung für Kinder.

Hermann und Marga Rulff haben hohe Ansprüche an ihre Kunst, bringen große Stoffe für Erwachsene auf die Puppenbühne. Sie sind innovativ. Und sogar erfolgreich, auch wenn man immer wieder mal in Geldnöte gerät. Künstlerschicksal.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten geht es mit dem Theater der Rulffs bergab. „Nicht deutsch genug“, schnarrt die Zensur. Die Gestapo fällt bei den Rulffs auf der Suche nach verbotener Literatur ein. Marga Rulff bewirtet die Nazischergen auf das Freundlichste, Hermann führt sie durch alle Räume. Warum Rulff dabei die ganze Zeit einen Koffer mit sich herumträgt, fragen sich die Gestapomänner nicht. Nach Stunden verschwinden sie wieder, ohne etwas gefunden zu haben. Was sie suchten, war in Hermanns Koffer.

Während Bendikowski die Gestapo-Szene spielt, werden andere Abschnitte aus dem Leben Rulffs mit eingesprochen Texten aus dem Off präsentiert, im Saal wird es dunkel, zappenduster. Das Theater wird zum Hörspiel. Und dann kurzfristig wieder zur Puppenbühne. Oder Christoph Bendikowski greift sich sein Akkordeon und nähert sich musikalisch poetisch der Geschichte.

Hermann Rulff muss und will sein Theater dicht machen, wird Soldat – und nach dem Krieg Lehrer in einem Schweizer Kinderdorf für Kriegswaisen. Hier lernt er auch seine zweite Frau Annemarie kennen. Die Hermann erst gar nicht will. Bis ihr ausgerechnet seine Ex-Frau Marga zurät.

Wie hatte Bendikowski seine Zuschauer gleich noch begrüßt? „Dieser Abend ist einem vergessenen Künstler und einem tollen Menschen gewidmet: Hermann Rulff.“

Für diese Hommage, für seine Inszenierung (die in Details noch verbesserungswürdig ist, Stichwort „Ausleuchtung“) gibt es in Langwedel langen, langen ebenso herzlichen wie verdienten Applaus.

Peter Michael Rulff, Sohn Hermann Rulffs aus zweiten Ehe, dankte für die Würdigung des Vaters und überreichte Christoph Bendikowski zur Auswertung und Forschungsvertiefung zwei Bände aus dem Nachlass seiner Patentante Marga. Quasi Chroniken der Gastspiele der Rulffschen Bühne aus den Jahren 1927 bis 1939.

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