Sonja Otten ist Gründungslotsin bei den Landfrauen und betreibt Beratungsfirma „Kopf.Herz.Land“

Den Sprung in die erste Reihe gewagt

Sonja Otten betreibt mit „Kopf.Herz.Land“ ihre eigene Firma. Für die Landfrauen ist sie zudem ehrenamtlich Gründungslotsin.
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Sonja Otten betreibt mit „Kopf.Herz.Land“ ihre eigene Firma. Für die Landfrauen ist sie zudem ehrenamtlich Gründungslotsin.

Daverden – Wenn man Sonja Otten fragt, was sie selbst ausmacht, dann nennt sie „das Leben auf dem Land und alles, was damit zu tun hat“.

Die Daverdenerin ist eine von bundesweit acht ehrenamtlichen Gründungslotsinnen für die Landfrauen, betreibt beruflich mit „Kopf.Herz.Land“ – ihre eigene Beratungsfirma für Existenzgründung und arbeitet für die beiden CDU-Landtagsabgeordneten Marco Mohrmann sowie Eike Holsten. Beide Politiker schätzen ihren direkten Draht zu den Landwirten. Denn Otten, die auf einem Bauernhof mit Milchviehbetrieb groß geworden ist, bietet außerdem seit rund zwölf Jahren nebenberuflich landwirtschaftliche Unternehmensberatung an und beherrscht die relevanten Zahlen, Daten und Fakten aus dem Effeff. Als sie von den Gründungslotsinnen (Stichwort: „Selbst ist die Frau“) erfuhr, war sie sofort dabei.

„Ich finde es wichtig, dass Frauen eine Stimme haben. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie schwierig es ist, in die erste Reihe zu gehen“, sagt Otten. Als Erstgeborene hätte sie eigentlich das Hoferbe von den Eltern antreten sollen. Mit der Geburt ihres Bruders, der eigentlich der Dritte im Bunde ist, war aber klar, dass er den Hof übernehmen würde. „Weil man da immer noch vom männlichen Part ausgeht.“ So stieg Sonja Otten zwar nie offiziell in die Geschäftsführung ein, „aber ich bin immer da gewesen“. Klar, aus Verbundenheit. Auch heute meint die 39-Jährige noch den elterlichen Hof, wenn sie „zu Hause“ sagt. Dahinter steckt auch eine Verlusterfahrung: Als 2018 der familiäre Milchviehbetrieb wegen einer Erkrankung des Viehs wirtschaftlichen Totalschaden erlitt, stürzte die Daverdenerin in eine Sinnkrise. Mit dem geschäftigen Hofleben brach auch der bisherige Lebenszweck weg.

Otten beschloss, sich selbstständig zu machen und nahm an Fortbildungen bei „Frauen Unternehmen“ und „Startklar“ in Verden teil. Als Gründungsdatum für die eigene Coaching-Website „Kopf.Herz.Land“ stand schon der 1. Juli 2019 fest – wie Landwirte wissen, beginnt das Wirtschaftsjahr in der zweiten Jahreshälfte. Aber Sonja Otten merkte, dass sie noch nicht so weit war.

Und die Gründungslotsinnen? „Das hat sich so ergeben“, hält sich Sonja Otten bescheiden im Hintergrund. Mitten in der Aufbauphase für die eigene Selbstständigkeit erhielt sie von der Koordinierungsstelle Frau und Wirtschaft die Empfehlung, sich als Gründungslotsin der Landfrauen zu bewerben. Im Verfahren hatte sich zuerst eine andere Bewerberin durchgesetzt. Dann rutschte Sonja Otten aber im September 2019 kurzfristig mit rein, weil die Erstkandidatin absagte.

Von da an nahm kurioserweise auch ihre eigene Existenzgründung Fahrt auf. „Das hat mir wohl den nötigen Druck gegeben“, so Otten. Und tatsächlich: Keine vier Monate später, am 1. Januar 2020, gründete sie ihr Unternehmen „Kopf.Herz.Land“.

Ihre erste Gründungsberatung außerhalb der Landwirtschaft gab Sonja Otten aber schon vorher: Für eine Frau, deren Ehemann nebenberuflich Landwirt war. Ihr schwebte ein Kreativstudio für Kinder mit Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADS) vor. „Ziemlich wenig konkret, aber so fing es an“, erinnert sich Otten.

Die Gründungslotsinnen wollen keine Konkurrenz zu Beratungsstellen sein, sondern als Wegweiser dienen. Gerade hat Sonja Otten mit 35 bis 40 Teilnehmerinnen Gründungsworkshops veranstaltet. Wegen der Corona-Auflagen ging das nur online.

Neben technischen Problemen wie ruckelnden und eingefrorenen Bildschirmen seien auch andere Grenzen der Online-Fortbildung deutlich geworden. Eine Frau habe ihre Physiotherapie-Ausbildung wegen der Corona-Beschränkungen abbrechen müssen. Die Lerninhalte waren schlicht nicht ins Netz zu übertragen.

„In den Workshops waren auch viele Frauen vom Hof. Corona hat auch die Situation der Landwirte verschärft“, sagt Otten und nennt das Beispiel der Schweinehalter, die wegen des Schweinestaus, der durch die Einschränkungen bei den Schlachtungen hervorgerufen wurde, große Verluste erleiden. Viele Ideen der Teilnehmerinnen waren eng mit der Landwirtschaft verzahnt, beispielsweise Direktvermarktung von Hofprodukten, mobile Hühner-ställe, Projekte mit Kräutern und Bienen sowie Hofpädagogik. „Es stimmt übrigens nicht, dass es leichter ist, in der Stadt zu gründen als auf dem Land. Das kommt ganz auf die Branche an.“ Das Klientel reichte von 20-jährigen bis hin zu über 50-jährigen Frauen, darunter auch einige Studierende und Frauen in Elternzeit. „Auch eine Musikerin war dabei, die sich als Soloselbstständige nun wegen Corona etwas anderes überlegen muss.“

Frauen haben beim Gründen andere Schwierigkeiten als Männer, weiß Otten. „Einen Aspekt vergessen viele Frauen: das Finanzielle.“ Das Geldverdienen mit der Selbstständigkeit habe auch in den Workshops viele Diskussionen ausgelöst. Der Verkauf selbstgefertigter Hundehalsbänder sei vielleicht ein schönes Hobby, aber noch lange kein Geschäftsmodell.

Ein Hauptaugenmerk der Gründungslotsinnen gilt dem Aufbau eines Netzwerks. Otten bleibt mit den Workshop-Teilnehmern über die Facebook-Gruppe „Selbst ist die Frau“ verbunden. Denn am 31. Dezember läuft das aus Bundesmitteln finanzierte Projekt der Landfrauen zunächst aus. „Wir wollen aber versuchen, diese ehrenamtliche Beratung weiter anzubieten.“ Und eine Förderung über Landesmittel sei ebenfalls angedacht.

Weitere Infos im Internet

www.kopfherzland.de

www.landfrauen.info/projekte/selbst-ist-die-frau

Von Lisa Duncan

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