Quarantäne-Maßnahmen aufgehoben

Corona bringt die Menschen im Waldheim Cluvenhagen an ihre Grenzen

Renate Freese-Uhle und Carl-Georg Issing, Vorstand der Waldheim Gruppe, machten Weihnachten im Vollschutz Dienst in den Quarantäne-Wohngemeinschaften.
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Renate Freese-Uhle und Carl-Georg Issing, Vorstand der Waldheim Gruppe, machten Weihnachten im Vollschutz Dienst in den Quarantäne-Wohngemeinschaften.

Cluvenhagen – Corona hat die Stiftung Waldheim schwer gebeutelt. Vom 6. Dezember bis zum 6. Januar verzeichnete die Einrichtung für Menschen mit Behinderung am Standort Cluvenhagen 210 Personen, die sich mit Corona infiziert hatten. „Nach vier aufreibenden Wochen kam nun die Entwarnung und in Folge die Aufhebung der Quarantäne-Maßnahmen“, teilte Waldheim-Sprecherin Katharina Englisch am Freitag mit.

Der Ausbruch kam unerwartet mitten in den Vorbereitungen zur dritten Impfung, ausgerechnet am Nikolaustag, als der Vorstand seine Weihnachtspräsente für die Mitarbeitenden verteilen wollte. „Wir waren erprobt, aber niemand hatte mit diesem Ausmaß gerechnet“, wird Oscar Schouten, Fachbereichsleiter Wohnen in der Mitteilung der Waldheim-Gruppe zitiert. Schouten ist seit Beginn der Corona-Pandemie Mitglied des siebenköpfigen Krisenteams der Stiftung Waldheim und hat den ersten Lockdown Ende 2020 bereits hautnah miterlebt. „Die Krise trifft den Wohnbereich immer am stärksten, denn hier findet das Privatleben in familienähnlicher Gemeinschaft statt, hier sind die Ansteckungsmöglichkeiten am vielfältigsten“, so seine Erfahrung.

Ersten Analysen zufolge brach Corona zunächst in einer Tagesförderstätte für schwerbehinderte Menschen aus. Von dort verbreitete sich das Virus explosionsartig im gesamten Wohnbereich, trotz vollständigen Impfschutzes, trotz Hygieneregeln und der vielen Vorbeugemaßnahmen.

Oscar Schouten, langjähriger Fachbereichsleiter Wohnen in der Stiftung Waldheim.

„Es ist fast unmöglich, die AHA-Regel bei geistig schwerbehinderten Menschen konsequent durchzusetzen“, erklärt Oscar Schouten. „Selbst, wenn der beeinträchtigte Mensch bereit ist, eine Maske zu tragen, sitzt diese oft nicht richtig über Mund und Nase. Auch Abstand halten ist schwerlich umzusetzen, da die Menschen die vertraute Nähe zu der sie betreuenden Person suchen.“ Die infizierten Personen aus der Tagesförderstätte leben alle am Hauptstandort der Stiftung Waldheim in Cluvenhagen. In den Wohngemeinschaften können sich die Menschen schnell gegenseitig anstecken, weil auch hier die Einhaltung nötiger Abstandsregeln schwer vermittelbar ist.

Oscar Schouten weist daraufhin, dass es wichtig ist, bei der Beurteilung des Pandemiegeschehens zu differenzieren: „Bei hohen Ansteckungszahlen innerhalb der Gesellschaft steigen auch die Ansteckungen in Gemeinschaftseinrichtungen. Einrichtungen der Eingliederungshilfe, also ,Behinderteneinrichtungen’, sind nicht gleichzusetzen etwa mit Pflegeeinrichtungen für Seniorinnen und Senioren. Wir können unsere Bewohnerinnen und Bewohner nicht einfach bitten, vorbeugend auf dem Zimmer zu bleiben. Kontakt untereinander lässt sich nur verhindern, wenn man Einrichtungen komplett abschottet oder isoliert, was niemand will.“

Besonders prekär wurde die Situation im Waldheim, weil unter den Infizierten auch 61 Mitarbeitende waren, die überwiegend im Wohnbereich tätig sind. Damit fehlte auf einen Schlag viel Betreuungspersonal, zusätzlich meldeten sich weitere Mitarbeitende krank, die schmerzlich vermisst wurden. „Das war ein Umstand, der uns richtig herausgefordert hat“, gesteht Schouten. „Hier waren wir sehr dankbar, dass trotz der Feiertage andere Kolleginnen und Kollegen aus Bereichen, wie zum Beispiel Tagesstruktur, Schule, Werkstatt und Verwaltung eingesprungen sind. Sogar unser Betriebsratsvorsitzender und der Vorstand machten Weihnachten in Vollschutz in Quarantäne-Wohngemeinschaften Dienst.“ Als weitere Herausforderung erlebten Mitarbeitende Reaktionen aus der Bevölkerung. Nicht wenige wurden in ihrer Freizeit im Supermarkt angesprochen, ob sie denn überhaupt einkaufen dürften, wo im Waldheim doch Corona sei.

Teresa-Marie Niemeyer, die als Heilerziehungspflegerin in der Stiftung Waldheim arbeitet, berichtet in der Mitteilung aus dem Waldheim: „Ich habe viele Freunde, die ebenfalls in sozialen Einrichtungen arbeiten. Um das Virus nicht nach dorthin zu übertragen oder deren Familien zu infizieren, sagten meine Freunde verständlicherweise geplante Treffen ab. Auch an der Geburtstagsfeier meines Großvaters konnte ich aus Vernunftgründen nicht teilnehmen – die Angst, ich könne meine Familie infizieren war einfach zu groß. Das war schon ganz schön hart für mich!“

Zurzeit scheint das Virus überall zu sein, Corona ist noch lange nicht vorbei. Die hochansteckende Omikron-Variante sorgt für neue Rekordwerte. Kann man da in der Stiftung Waldheim überhaupt schon ein erstes Fazit ziehen? „Wir analysieren derzeit die Fehler, die gemacht wurden, und konzentrieren uns auf die Bewohnerinnen und Bewohner, die sehr gelitten haben“, so Oscar Schouten. „Es ist erschreckend, wie sehr die beeinträchtigten Menschen in der Quarantänezeit abgebaut haben: Kein Kontakt zu anderen Menschen, außer zu den Betreuungskräften, die von Kopf bis Fuß vermummt waren; ein Anblick, der eher erschreckt als Sicherheit vermittelt. Keine Spaziergänge an der frischen Luft, kein Milieuwechsel – vier Wochen ohne Nähe und vor allem ohne eine Vorstellung und Verständnis für das, was da eigentlich vor sich geht.“

Im Waldheim sind alle bis an die Grenze dessen gekommen, was vorstellbar schien – und wohl auch ein Stück darüber hinaus.  jpw

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