SERIE: Pastor Büttners Aufzeichnungen1834 bis 1869 (Teil 21) / An der Aller

Apfelklau im Pfarrgarten

Was heute „Alte Aller“ heißt, war früher wirklich ein Teil der Aller – und diente vor gar nicht allzu langer Zeit der Dorfjugend je nach Jahreszeit als Bade- oder Eislaufparadies. Foto: Archiv

Daverden - Von Harald Gerken. Der etwa zwei Morgen (0,5 Hektar) große Daverdener Pfarrgarten war mehr als ein normaler Hofgarten mit einigen Obstbäumen, Beerensträuchern und Grabeland zum Gemüseanbau. Des Pastors Garten hingegen mochte man schon mit leichter Anmaßung von seiner Vielfalt her ein Paradies nennen. Die vielen Obstsorten vermochte Pastor August Wilhelm Büttner in seiner Aufzählung wohl gar nicht alle aufzuzählen.

Nachdem 1837 das alte Pfarrhaus, das mitten im Garten gestanden hatte, abgerissen und durch den Neubau an der heutigen Stelle ersetzt worden war, hatte man Platz bekommen für die Erweiterung des Obstbaumsortiments. Die neu angepflanzten Obstbäume trugen inzwischen nach 15 Jahren reichlich Früchte und ergänzten oder ersetzten den Altbestand aus der Zeit seines Vorgängers Pastor Schiphorst mit teilweise bereits abgängigen Apfel- und Birnbäumen.

Um nun einige kaum noch, oder teilweise gar nicht mehr bekannte Sorten zu nennen: Porger Renette, Englische Renette, ein Weltmannscher Birnbaum, zweimal Zwiebelapfel, Himbeerapfel, ein absterbender Bergamott-Birnbaum, Tafelapfel, Prinzenapfel, ein alter Bruesenapfel, Heiliger Liebling, Jakobsbirne, zwei Kaneelbirnen, Boskop, Pommerscher Krummstiel, Rosenapfel, Hasenkopfapfel, Köstliche Birne und andere.

Bei der großen Auswahl und dem reichhaltigen Angebot nimmt es nicht Wunder, dass in den Aufzeichnungen von Pastor Büttner auch vom Diebstahl die Rede ist. „Er hat Obst geholt“, pflegte er zu sagen und ließ es großzügig zu. Der Zugang zu den Äpfeln aus Nachbars, sprich Pastors, Garten wurde nun dadurch erleichtert, dass ein wohl halböffentlicher Weg durch den Pfarrgarten führte, der sogenannte Melkerweg. Da gingen aber nicht nur Landwirte zum Melken den Hang hinunter.

Der Umweg über die „Weiße Brücke“ wurde einem hierdurch erspart. Der Melkerweg war nicht ausschließlich die Zuwegung zu den Kuhweiden, war aber ab Herbst nicht mehr passierbar, weil der hölzerne Steg regelmäßig vor zu erwartendem Winterhochwasser eingeholt wurde.

Übrigens nennt Pastor Büttner den hier zu überquerenden Bach stets „Aller“, nicht einmal „Alte Aller“, womit das Flüsschen am Südrand des Dorfes gemeint ist, und das heute einfach als „Bach“ bezeichnet wird.

Aber das Gewässer, das nun von diesem Flüsschen gespeist wird, wird heute allgemein als „Alte Aller“ bezeichnet. Der Bach nun aber, der unter anderem vom Goldbach gespeist wird, ist nur noch ein Rudiment (Überbleibsel) vom letzten Teilstück der einst hier vorbeifließenden Aller.

Es ist ja längst erwiesen, dass es sich bei unserem Bach mit der anschließenden Alten Aller um das ursprüngliche Bett der „Mutter Aller“ handelt. Wann und nach welchem Hochwasser sich die Mutter entschieden hat, bereits bei Eissel und nicht erst in Baden am „Badener Knie“ in die Weser zu münden, ist nicht genau datiert. Ihr altes Flussbett aber blieb und führte in ein Nebengewässer, die heutige Alte Aller, die wegen des geringen Zuflusses aus Goldbach plus Mühlengraben am Ende ein stehendes Gewässer zu sein scheint. Ein Teilbereich der Alten Aller ist bekanntlich inzwischen bei Cluvenhagen im neu angelegten Schifffahrtkanal aufgegangen. Und dieses scheinbar stehende Gewässer hatte es in sich. Als Badeanstalt mit öffentlicher Duldung diente es Generationen der Daverdener Dorfjugend und den Altersgenossen aus Langwedel als Freibad. Man gelangte dort hin über „Hats‘ Weide“ oder von der Waldseite aus. Im Wald war der Zugang ziemlich genau unterhalb der ersten Freilichtbühne.

Diese befand sich ein Stückchen weiter zum Dorf hin als die jetzige, hatte ein steileres Profil und wurde 1950 vom TSV Daverden auf Initiative des spotbegeisterten Lehrers Hollmann angelegt. Der im August desselben Jahres mit großem Erfolg aufgeführte „Sommernachtstraum“ von William Shakespeare fand seinerzeit viel Beachtung – auch von sachkundigem Publikum, war aber andererseits vielleicht auch für die Landbevölkerung etwas oberhalb des allgemeinen Interesses angesiedelt.

Der Zugang über „Hats‘ Weide“ war der beliebtere Weg, auch wenn man dabei auf die grasenden Kühe Rücksicht nehmen musste. Man hatte dort am flachen Ufer auch die Möglichkeit, sich ein Plätzchen im kurzen Gras auf dem Handtuch einzurichten, sich vom Schwimmen zu erholen oder zu sonnen. Erholen musste man sich auf jeden Fall, wenn man nach dem im Bach selbst beigebrachten Schwimmen die erste Allerüberquerung geschafft hatte. Auch zum Wintervergnügen der Schlittschuhläufer bot sich die Aller nahezu Jahr für Jahr an.

Zurück zum Pfarrgarten: Wenn Pastor Büttner zur Beschreibung seines Gartens 1862 außer Ostbäumen, Büschen und Hecken auch die „Sirenen“, (lat. Syringa vulgaris) erwähnt, die er teilweise selber gepflanzt oder auch nur zur Erweiterung dem vorhandenen Bestand hinzugefügt hatte, so handelt es sich hier um den blühenden Hang, der immer im Mai ein einmalig schönes Bild aus blauem Flieder bot.

Die lange zur klassischen Dorfansicht gehörende Bildkombination aus großflächig blühendem Flieder mit der darüber thronenden Kirche bildete ein einmaliges Ensemble, das Fotografen und Maler inspirierte und immer wieder zum Motiv wurde. Der kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in Daverden lebende Kunstmaler Werner Tünge hat es mehrfach in hervorragender Manier gemalt. Übrigens gab es neben Tünge einen weiteren Künstler in Daverden, den Kunstschnitzer Karl Becher, aus dessen Hand manches Kunstwerk einst im Ort zu finden war, wie zum Beispiel sein oft gefertigtes Reh auf dünnen Beinen mit kleinem Kitz zu Füßen.

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