Der „Blue Train“ und seine Fahrgäste – ein Magnet für Kinder

Als die Engländer in Langwedel umstiegen

Ein Taschenfahrplan von 1924 aus dem Besitz von Waldemar Rohrberg offenbart Reisemöglichkeiten bis nach Berlin.
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Ein Taschenfahrplan von 1924 aus dem Besitz von Waldemar Rohrberg offenbart Reisemöglichkeiten bis nach Berlin.

Nach 1945 war Langwedel ein Umsteigebahnhof für britische Soldaten - und die erfreuten sich bei den Langwedeler Kindern einiger Beliebtheit.

Langwedel – Von London über Hoek van Holland und Langwedel nach Hamburg oder Berlin. Das klingt unglaublich? Das war nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges von 1945 bis in die 60er-Jahre des 20. Jahrhunderts aber Normalität. Der britische Militär-D-Zug „Blue Train“ verkehrte auf der besagten Bahnstrecke ab Hoek van Holland. Von der Nordseeküste bis Langwedel ging es weiter über Soltau nach Hamburg-Harburg.

Für die Langwedeler Kinder war die Durchfahrt des Zuges ein besonderes und sehr einprägsames Erlebnis in der Nachkriegszeit.

Alle zwei Tage fuhr der Db 661/662 („Db“ stand für „Durchgangszug Besatzer“) in die Lüneburger Heide und am folgenden Tag zurück nach Holland. Die britischen Soldaten setzten dann mit der Fähre nach England über.

Der Fahrplan aus dem Jahr 1953/54 weist für den Bahnhof Langwedel die Ankunftszeit 19.19 Uhr aus. Bei der Rückfahrt war es dann am folgenden Tag 11.15 Uhr.

Na, ja: Wir Langwedeler Kinder kannten diese Zeiten genau. Langwedel war ein großer Umsteigebahnhof für die Soldaten und ihre Familien. In der Kreisstadt Verden gab es zu der Zeit noch sechs englische militärische Einrichtungen: die Caithness Barracks, die Cavalry Barracks, die Dettingen Barracks, die Gibraltar Barracks, die Nampcel Barracks und die Shiel Barracks. Diese Kasernen waren der Bevölkerung wohl eher bekannt als Brunnenweg-Kaserne, Holzmarkt-Kaserne oder Kaserne an der Lindhooper Straße. Bis 1993 lag die britische 1. Panzerdivision in Verden.

Da die Militärzüge Verden aber nicht anliefen, mussten die englischen Soldaten in Langwedel aussteigen. Militärbusse und Lastwagen holten die „Besatzer“ ab und brachten sie nach Verden oder auch wieder zurück zum Langwedeler Bahnhof.

Wir Langwedeler Jungs mischten uns unter die Soldaten, Angst kannten wir nicht. Und dann stellten wir stets die gleichen Fragen nach Schokolade, Kaugummi oder nach einem Penny. Die Briten waren ausgesprochen kinderfreundlich, die besagten Fragen wurden meistens positiv für uns Knirpse beantwortet. Man muss sich auch vor Augen halten, dass die heutige Verfügbarkeit und der Konsum von Süßigkeiten für die allermeisten Kinder bis in die 60er- und 70er-Jahre gar nicht denkbar waren. Übrigens, im Laufe der Jahrzehnte ergaben sich Freundschaften zwischen dem britischen Militär in Verden und Deutschen, die teilweise heute noch Bestand haben, obwohl die Briten schon vor Jahrzehnten abgezogen sind.

Zurück in die Geschichte: Die Strecke Langwedel-Uelzen-Berlin war ab 1873 stark befahren. Es war per Zug der kürzeste Weg nach Berlin. Die 97,4 Kilometer Gleis zwischen Langwedel und Uelzen wurden durch die Freie Hansestadt Bremen gebaut. Man möge sich das mal im Jahr 2021 vorstellen.

Munster wurde 1892/93 ein großer Militärstandort. Militärzüge ab 1946 der Briten, Holländer, Belgier und später der Bundeswehr wurden zur Normalität. In Langwedel standen manches Mal bis zu drei Militärzüge gleichzeitig und wurden durch Lokomotiven anderer Bauarten umgespannt. In Munster gab es Gleisanschlüsse zu den diversen Kasernen und zum Lager Trauen und Kohlenbissen. Weitere Militärzüge fuhren nach Fallingbostel und später auch zum NATO-Übungsplatz Bergen (fünf Kasernen).

Für zehn Reichsmark konnte man von Langwedel aus 1936 zu den 11. Olympischen Sommerspielen nach Berlin fahren, die Fahrkarte galt auch für die Rückfahrt. Eine Übernachtung in Berlin war für drei Reichsmark möglich. Auch der Arendsee in der Altmark (Sachsen – Anhalt) war für die Langwedeler ein lohnendes Ziel. Ein Taschenfahrplan der Reichsbahndirektion Hannover und Oldenburg von 1924 nennt folgende Uhrzeiten: Ab Bremen 04.40, Langwedel 05.31, Uelzen 07.55, Salzwedel 09.36, Umsteigen zum 22 Kilometer entfernten Arendsee. Dieser Zug war um 11.56 Uhr in Berlin. Nach dem Krieg war dann auf dieser Strecke in Nienbergen an der ehemaligen Zonengrenze das Ende der „Amerikalinie“. Der Bahnhof Bergen (Damme) lag schon jenseits der Grenze. Seit dem 19. Dezember 1999 kann man von Langwedel über Uelzen, Salzwedel, Stendal wieder nach Berlin oder aber auch zum Arendsee fahren. Aufgrund von „Langsamfahrstrecken“ (Langwedel-Uelzen ist so eine) muss man wie früher viel Zeit für diese landschaftlich schöne Strecke einplanen.

Von Waldemar Rohrberg

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