Heizmaterialbeschaffung im eisigen Winter vor 75 Jahren

Über die zugefrorene Weser von Intschede nach Daverden

1946 fror die Weser nicht nur wie hier in Bremen zu. Zwischen Intschede und Daverden kamen ganze Fuhrgespanne über das Eis.
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1946 fror die Weser nicht nur wie hier in Bremen zu. Zwischen Intschede und Daverden kamen ganze Fuhrgespanne über das Eis.

Daverden – Wer in den vergangenen Januartagen beziehungsweise Anfang Februar die Minustemperaturen von 9 Grad als strenge Kälte empfunden hat, kann im Tagebuch der Pastorentochter Tomma Krull nachlesen, dass es vor genau 75 Jahren doppelt so kalt bei uns war. Krull spricht von strenger Kälte und hatte dazu wohl minus 18 Grad auf ihrem Außenthermometer abgelesen.

Die Frostperiode hatte bereits länger angehalten, und die Weser war einmal mehr zugefroren. Das Eis war so dick, dass Pferdegespanne mit Ackerwagen darüber hinweg fuhren. Allerdings war die Eisdecke nicht gleichmäßig eben. Im Zuge der Eisbildung hatten sich hin und wieder Eisschollen durch den darunter fließenden Strom aufgetürmt und waren festgefroren. Dadurch konnte die mit Sand abgestreute Fahrbahn nicht schnurgerade sein – sie glich ein bisschen einer Slalomstrecke.

Wozu waren nun überhaupt mitten im strengen Winter 1946 Ackerwagen unterwegs, dazu noch auf einem zugefrorenen Fluss?

Es waren ostpreußische Flüchtlinge aus Intschede, die sich in Daverden Feuerholz besorgen wollten. Sie alle, soweit sie ihre Gespanne aus der ein Jahr zurückliegenden Flucht noch hatten, waren noch vertraut mit solchen Verhältnissen. Bei vergleichbarer Kälte hatten sie aus Ostpreußen über das zugefrorene Frische Haff vor der russischen Front fliehen müssen und dabei auch Tieffliegerangriffe und aufgerissene Eisflächen erlebt.

In Daverden wurden im „Häsenbergwald“, einem knapp 30 Hektar großen Genossenschaftswald mit 33 Anteilen Kiefern gefällt. Meine Eltern hatten seinerzeit zwei Anteile, und die zur Fällung ausgesuchten und angezeichneten Kiefern wurden in 33 Lose aufgeteilt. Diese klassische Winterarbeit zog sich über mehrere Wochen hin. Schließlich war noch alles Handarbeit. Als Werkzeuge dominierten Kerbsäge (die Zweimann-Säge) und die Axt.

Die Gemeinde Intschede hatte wohl auf dem kurzen Dienstweg die Genossenschaft angesprochen und um Feuerholz für ihre Flüchtlinge gebeten.

Weil es bei den nicht Anteilsberechtigten nur um Feuerholz ging, wurden die größeren als Bauholz geeigneten Stämme beiseitegelegt und abends auf Ackerwagen, die zu Langholzwagen umgerüstet wurden, abgefahren.

Wie viel ungerade Stämme den Intschedern überlassen wurden, weiß heute wohl niemand mehr, aber da waren ja auch noch die Stubben. Die durften mit ihrem hohen Heizwert auf keinen Fall im Boden bleiben.

Sie wurden ausnahmslos geborgen, und mit welchem Aufwand das geschah, muss hier unbedingt geschildert werden.

Im Waldboden saß der Frost nicht tief, sodass man leicht mit dem Spaten etwa einen Meter um den Stubben herum freigraben konnte. Die seitlich abgehenden Wurzeln wurden mit der Axt abgehackt, aber die tief sitzende Pfahlwurzel musste auch raus. Und nun kamen die Pferde zum Einsatz.

Eine Kette wurde um den Stubben geschlungen, und die (noch ausgeruhten) Pferde rissen das begehrte Objekt unter erkennbaren Anstrengungen aus dem Boden. Da dabei auch schon mal eine Kette zerriss, musste Abstand gehalten werden. Die in der Erde verbliebenen Seitenwurzeln wurden hinterher auch noch herausgeholt.

Wenn von einer kräftigen Kiefer der Stubben zu mächtig war, um in einem Zuge herausgerissen zu werden, wurde er vor Ort mit Keilen gespalten, und man konnte das Herausreißen in zwei Arbeitsgänge aufteilen.

Zu Feierabend wurde es meistens schon dunkel, und man konnte auf den verschneiten Wegen ausreichend sehen. Wenn dann die schwer beladenen Ackerwagen der Intscheder die leicht abschüssige Daverdener Weserstraße zur Weserüberquerung fuhren, lenkten die Wagenführer die Gespanne scharf an die Borsteinkante, damit die Wagen abgebremst und nicht zu schnell wurden. Bei der Reibung der eisenbereiften Räder am Bordstein bildeten sich dann Funken, welche die Talfahrt ein wenig gespenstisch wirken ließen.

Erwähnt sei auch noch, dass am Ende der Holzernte nichts, aber auch gar nichts mehr am Boden lag, was irgendwie noch zum Verfeuern brauchbar war.

Dazu gehörten auch die dünnen Zweige mit Nadeln, das sogenannte Kopfholz. Damit zündete man nach dem Trocknen das tägliche Herdfeuer an. Das Feine vom Kopfholz zum Anheizen hieß „Sprickels“.

Von Harald Gerken

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