Zahnarzt und Seelenklempner Gramatzki schreibt Buch

„500 Follower, kenne aber keinen persönlich“

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Autor Siegfried Gramatzki ist froh, dass ihn Lektorin Barbara von Wedelstaedt bei der Erstellung seines ersten Buchs kräftig unterstützt hat.

Cluvenhagen - Jahrzehntelang praktizierte Dr. Siegfried Gramatzki als Zahnarzt in Berlin, arbeitete nebenbei auch als Psychotherapeut. 2013 kehrte er ins Haus seiner Großeltern in Cluvenhagen zurück, wo er seine Eltern „bis zum Tod begleitete“. Und ein Buch schrieb, sein erstes. „Alltagswahn und Lebensirrsinn“ lautet der Titel. Auf 200 Seiten hält der Autor dem Leser „mit gekonnt leichter Hand heiter, besinnlich und bissig den Spiegel des Lebens vor“, wie dem Vorwort zu entnehmen ist. „Reflexionen, Aphorismen, Sarkasmen aus dem Munde eines Berufenen“, heißt es im Untertitel.

„2016 und 2017 habe ich Erlebnisse und Gedanken aus meiner Zeit als Zahnarzt und Paartherapeut notiert. Das ist dann in das Buch eingeflossen“, erzählt Gramatzki.

Die Patienten hätten ja nicht nur ihre Angst vor der Zahnbehandlung mit in die Praxis gebracht, sondern häufig ihre Sorgen und Nöte ausgebreitet. Der Befund des Dentisten, der auch als Seelenklempner gefragt war, ist eindeutig: „Die Menschen sind im Vergleich zu früher unzufriedener geworden.“

Wofür es natürlich Ursachen gebe. „Ehemalige Strukturen sind auseinander gebrochen“, weiß der 66-Jährige. „Ich habe noch mit meinen Eltern und Großeltern unter einem Dach gelebt.“

Beengte Verhältnisse, die auch nicht durchweg Grund zur Freude boten. Doch nun hat sich nach Meinung von Siegfried Gramatzki alles ins Gegenteil verkehrt. Der Großteil der Bevölkerung in Deutschland und vielen anderen Ländern habe materiellen Reichtum und individuelle Freiheit gegen seelische Armut eingetauscht. „Jeder will sich selbst verwirklichen.“ Die daraus resultierende Vereinzelung führe dazu, dass immer mehr Leute vereinsamten.

Heutzutage lebten viele als Singles. „Die haben zu Hause keinen Ansprechpartner mehr“, nennt der Doktor das Dilemma. Sich stattdessen über das Smartphone auszutauschen, könne das Gespräch mit einem Gegenüber aus Fleisch und Blut allerdings nicht ersetzen. Für das „soziale Wesen Mensch“ sei es wichtig, mit anderen direkt zu kommunizieren, Emotionen zeigen und empfangen zu können. „Aber die meisten hängen heute nur noch am Gerät, sie sehen sich nicht mehr ins Gesicht.“ Was gravierende Folgen für den Einzelnen und die Gesellschaft habe: „Menschen verlieren die Empathie.“

Gramatzki bringt den „Alltagswahn und Lebensirrsinn“, in dem viele im noch frischen 21. Jahrhundert gefangen seien, auf den Punkt: „Ich habe 500 Follower, kenne aber keinen persönlich.“

Selbst Ehepartner pflegten zunehmend eine Schmalspur-Kommunikation, hätten sich immer weniger zu sagen. Der Arzt berichtet von einer psychotherapeutischen Sitzung, in der die Frau und der Mann, die zu der Sprechstunde gekommen waren, „gerade mal fünf, sechs Sätze fallen ließen“. Nach diesem „Gespräch“ habe er die beiden „dabei beobachtet, wie sie – fast nebeneinander sitzend – per Handy miteinander kommunizierten“.

Aber in Siegfried Gramatzkis schriftstellerischem Premierenwerk geht es keineswegs bierernst zu. Er wolle dem Leser „Lebensweisheiten zum Schmunzeln“ bieten, verrät der Autor, der bereits ein zweites Buch zu dem breit gefächerten Thema in Arbeit hat. Sein spezieller, oft sarkastischer Humor ist etwa im Kapitel „Das männliche Wesen, Aufzucht, Hege und Pflege“ zu finden.

Seine Gedanken niederzuschreiben, habe ihm Spaß gemacht, sagt Gramatzki. „Aber das alles zu strukturieren, hätte ich alleine nicht hinbekommen“, gibt der „Spezialist für Angst und Schmerz“ zu. Er ist froh darüber, dass ihm diese mühselige Aufgabe Barbara von Wedelstaedt abgenommen hat. „Meine langjährige Erfahrung als Journalistin und Schriftstellerin hat mir dabei geholfen“, erklärt die in Achim wohnende Lektorin, deren Mann Wolf von Wedelstaedt die Fotos zu dem Buch beisteuerte. Unter ISBN 9783749457168 ist es in allen Buchhandlungen für 12,80 Euro zu haben.

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