Viel bewegt – aber die eigene Geschichte nicht aufgeschrieben

100 Jahre SPD in Langwedel gefeiert

Hermann Deuter war der Hoffnungsträger, den die Sozialdemokraten gebeten hatten, etwas aus der Geschichte ihres Ortsvereins zusammenzutragen.
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Hermann Deuter war der Hoffnungsträger, den die Sozialdemokraten gebeten hatten, etwas aus der Geschichte ihres Ortsvereins zusammenzutragen.

Langwedel – „Machen wir das? Oder machen wir das nicht? Das hat mir schon schlaflose Nächte bereitet“, gab Bernd Michallik am Sonnabendnachmittag zu. Was den Vorsitzenden des SPD-Ortsvereins Langwedel/Etelsen da so umtrieb, war – natürlich Corona. 100 Jahre SPD-Ortsverein wollte man wenigstens parteiöffentlich ein bisschen würdigen. Wie für alle anderen Veranstaltungen im Langwedeler Gasthaus Klenke galt: Zutritt nur für Geimpfte und Genesene.

„Wir machen das. Dafür übernehme ich die Verantwortung“, habe dann seine Entscheidung gelautet, so Michallik. In Eigenverantwortung stand an diesem Nachmittag auch jeder, der zu der Feier kam. Niedersachsens Sozial- und Gesundheitsministerin Daniela Behrens hatte ihre Teilnahme abgesagt. Grußworte kamen von Langwedels Bürgermeister Andreas Brandt, Landrat Peter Bohlmann und der Landtagsabgeordneten Dörte Liebetruth, die die medizinische Maske nur für ihre kurze Rede abnehmen sollte.

Als Hauptredner hatte die SPD Hermann Deuter gewonnen. „Ich bin gespannt. Er ist wohl der Einzige, der uns etwas zu 100 Jahre SPD sagen kann“, meinte Michallik. Unterlagen? Protokollbücher? Gar eine Chronik? Völlige Fehlanzeige, da ist nichts vorhanden.

„Ich habe mich sehr, sehr gefreut“, so Hermann Deuter über seine Reaktion auf die Anfrage des Ortsvereins, ob er nicht helfen könnte. Schließlich hat er ganz persönliche Beziehungen zu Langwedel, ist nicht unweit des Gasthauses Klenke (dem Gründungslokal der Langwedeler SPD) aufgewachsen.

Nun denn: Sicher ist, dass der SPD-Ortsverein Langwedel einer der ältesten im Landkreis Verden ist. Die in Achim und Verden sind älter, bedeutend älter sogar. Aber überall hängt die Entstehung der Ortsvereine und der Aufstieg der Sozialdemokratie mit den Zigarrenarbeitern zusammen. Die kamen mit den Bremer Fabrikanten ins umliegenden Königreich Hannover, weil die hanseatischen Kaufleute Steuern sparen wollten.

Ende des 19. Jahrhunderts habe eine Verdener Zeitung verkündet, dass in Langwedel Flugblätter mit Werbung für die Sozialdemokratie aufgetaucht seien. Eine Ungeheuerlichkeit zu Zeiten, als in Preußen noch das Sozialistengesetz galt. „Das sollte die SPD zerreißen. Aber es hat sie nur noch stärker gemacht“, so Hermann Deuter.

Die Zigarrenarbeiter, in Langwedel dazu noch die Arbeiter der Eisenbahn und der Post – da kamen Menschen, die so ganz anders waren, als die ländliche Bevölkerung. Die Zigarrenmacher gründen ihre eigenen Vereine. Der erst vor wenigen Jahren aufgegebene Gesangsverein „Hilaritas“ entsteht schon 1893. Dann gibt es die SPD-Wahlvereine, die die Partei unterstützen sollen. In Langwedel „wohl“ schon 1903, so Hermann Deuter. Ganz sicher gibt es den Wahlverein 1906, 1. Vorsitzender ist Adolf Meyer. Der junge Mann stammt aus der Nähe von Hildesheim. Seine Mitstreiter sind Zigarrenmacher, die aus Verden kamen: unter anderem Johann Stünker und Albert Hüneke.

Letzterer taucht auch wieder auf, als nach dem Ende des Kaiserreiches 1919 in Langwedel gewählt wird. Hüneke steht mit Fritz Maaß noch auf einer Bürgerliste. Die SPD gewinnt in der Weimarer Republik immer mehr Einfluss. Adolf Meyer, inzwischen umgezogen, ist von 1919 bis 1933 im Gemeinderat Daverden. In Daverden und Langwedel kommt die SPD bei Wahlen auf über 30 Prozent der Wählerstimmen, in Etelsen auf annähernd so viele. Noch bei der letzten freien Wahl im November 1932 wird die SPD in Langwedel und Daverden mit deutlichem Abstand stärkste Partei, Deutschnationale und Nazis verpassen die gemeinsame absolute Mehrheit. Vom Nazi-Regime wird die SPD verboten, ihr Mitglieder verfolgt, verhaftet, ermordet. Und trotzdem ist die Partei nach dem Zweiten Weltkrieg wieder da. Bernhard Roseland wird in Etelsen erst Bürgermeister und dann langjähriger Gemeindedirektor, in Langwedel wird Heinrich Sündermann 1. Vorsitzender des Ortsvereins, in Daverden Gottlieb Wössner.

Den Wandel von der Klassen- zur Volkspartei erlebt die SPD am Ende der 60er Jahre, Anfang der 70er-Jahre mit Bundeskanzler Willi Brandt. Im Flecken Langwedel prägen sozialdemokratische Bürgermeister die Entwicklung ganz entscheidend mit: Herbert Glander, Wilhelm Möller und Joachim Stünker führte Hermann Deuter ins Feld, dazu Ortsbürgermeister wie Annedore Brennecke, Irmtraud Kutscher und Johann Intemann und vergaß nicht die Verdienste von Joachim Stünker als Bundestagsabgeordneter („alles andere als ein Hinterbänkler“) und Christina Bührmann als niedersächsische Ministerin.

Von den Zeiten absoluter Mehrheiten vor Ort oder über 40 Prozent im Bund ist die SPD aktuell weit entfernt.

„Eine Volkspartei ist und bleibt man nur, wenn man sich der Alltagssorgen der Menschen annimmt und sich dann darum kümmert. Und da ist die SPD im Flecken Langwedel ein Vorbild“, befand Landrat Peter Bohlmann (SPD).

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