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Ukrainische Heimkinder in Kirchlinteln: „Wir können sie auf keinen Fall trennen“

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Von: Reike Raczkowski

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Drei kleine Kinder, von hinten fotografiert, gehen Arm in Arm eine Straße entlang.
Haben einander, und das soll auch so bleiben: Insgesamt neun unbegleitete Kinder aus der Ukraine sind derzeit in Verdenermoor untergebracht. Damit sie zusammenbleiben können, sucht die Jugendhilfe Sirius eine Immobilie, die sie anmieten kann. © Sirius

Um neun Kinder unterzubringen, sucht die Jugendhilfe Sirius aus Kirchlinteln dringend eine passende Immobilie in der Region. Trennen will man die unbegleiteten Kriegsflüchtlinge im Alter von fünf bis 16 Jahren nicht, denn sie brauchen einander in dieser schweren Zeit.

Verdenermoor – Unter den über 60 Kriegsflüchtlingen, die vergangene Woche von Ehrenamtlichen aus der Ukraine in die Gemeinde Kirchlinteln geholt wurden, waren wie berichtet auch Kinder und Jugendliche aus einem Heim in der Westukraine. Wie viele Bewohner die Einrichtung evakuieren würde, war bis zum Tag der Übergabe unklar, ebenso die Frage, ob auch Betreuer mitreisen würden.

Mittlerweile steht fest: Es handelt sich um neun Kinder im Alter von 5 bis 16 Jahren, die unbegleitet nach Deutschland gekommen sind. Wie geplant, hat die Kirchlintler Jugendhilfe Sirius die Kinder in ihre Obhut genommen und zunächst in Verdenermoor untergebracht. Sirius sucht jetzt aber dringend eine Immobilie, in der diese Kinder dauerhaft betreut werden können.

Sirius ist gut vernetzt und kann die Betreuung gewährleisten

Was genau auf ihn zukommen würde, wusste Jens Dreger, der Leiter von Sirius, eigentlich erst, als die Busse der Ehrenamtlichen nach dem Hilfstransport am vergangenen Freitag wieder auf den Parkplatz der Zimmerei Bischoff in Kirchlinteln rollten. Dabei war er selbst mitgefahren. Doch zum einen wurde die Kolonne, die auf dem Heimweg Flüchtlinge „geladen“ hatte, im Grenzgebiet getrennt, und die Fahrzeuge sind „auf eigene Faust“ zurückgefahren. Zum anderen war während der Fahrt noch nicht zu klären, welche der zahlreichen mitgereisten Kinder allein waren und welche mit ihren Erziehungsberechtigten kamen. Unbegleitete Minderjährige dürfen in Deutschland weder in Sammelunterkünften, noch bei Privatpersonen untergebracht werden – es sei denn, es handelt sich um Pflegefamilien. Um die kindgerechte Unterbringung von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen kümmern sich Kinder- und Jugendhilfe beziehungsweise das Jugendamt.

Weil Sirius gut vernetzt ist, konnten schnell erwachsene ukrainische Kriegsflüchtlinge mit pädagogischem Hintergrund gefunden und für eine ehrenamtliche Mitarbeit bei der Jugendhilfe gewonnen werden, so dass es jetzt möglich ist, mit den Kindern zu kommunizieren. Ob es sich bei allen neun Kindern um Waisen handelt oder ob ihre Eltern sich aus anderen Gründen nicht um sie kümmern können, sei nicht ganz geklärt. „Sie wurden zwar bereits durch Mitarbeiter des Jugendamtes registriert und feinfühlig befragt, aber manche fangen schon an zu weinen, wenn man sich nur nach Mama oder Papa erkundigt“, berichtet Dreger. Klar sei aber, dass diese Kinder bereits in der Ukraine in der Obhut des örtlichen Jugendamtes waren. „Wir wissen noch nicht, was sie erlebt haben. Sie sind sehr zurückhaltend, aber dankbar, sicher und gut versorgt zu sein“, so Dreger.

Aktuelle Unterkunft ist auf Dauer zu klein

Der Sirius-Geschäftsführer ist ein erfahrener Pädagoge, der seit vielen Jahren mit Kindern und Jugendlichen aus schwierigen Lebensverhältnissen arbeitet. „Wir kümmern uns schon immer um Kinder, denen es nicht gut geht, aber das hier ist noch einmal etwas anderes.“ Insbesondere die Bilder aus dem Grenzgebiet von den dortigen Flüchtlingsströmen bekommt Dreger nicht aus dem Kopf. Der Anblick der vielen Kinder, die dort in der Kälte ausharren mussten, hätten ihn berührt. „Ich bin ja selbst vierfacher Vater. So etwas lässt einen nicht kalt.“

Aber jetzt gehe es darum, sich bestmöglich um die Kinder zu kümmern, die in der Obhut von Sirius sind. Ehrenamtliche leisteten derzeit viel Hintergrundarbeit. Ein Reiterhof in der Nähe habe angeboten, den Kindern kostenlos Reitunterricht zu geben. Das sei toll, freut sich Dreger. „Und wir sind sehr dankbar, dass wir eine Vermieterin gefunden haben, die uns in Verdenermoor Wohnungen zur Verfügung stellt, die sie sonst an Monteure vermietet.“ Aber ehrlicherweise sei die Unterkunft in Verdenermoor zu klein. Übergangsweise möge es gehen, aber langfristig werde wohl auch die Heimaufsicht ihre Bedenken äußern, fürchtet Dreger.

Die Kinder halten fest zusammen

Die Kinder auf andere Heime aufzuteilen – das komme aber auf keinen Fall in Frage. „Es ist normal, dass sich in solchen Krisensituationen sogenannte Schutzgemeinschaften bilden, und das ist auch bei diesen Kindern so: Auch, wenn es einen großen Altersunterschied gibt, halten sie fest zusammen, die Größeren kümmern sich um die Kleinen. Wir dürfen sie auf keinen Fall trennen.“

Deshalb bittet Dreger Immobilienbesitzer, in Betracht zu ziehen, der Jugendhilfe schnellstmöglich passenden Wohnraum zu vermieten. Gesucht wird ein Haus, das mindestens sechs, besser sieben Zimmer hat, die als Schlafräume für Kinder und Personal geeignet sind. Im günstigsten Fall hat das Haus zwei Vollbäder und ein Außengrundstück. Die Anmietung würde langfristig erfolgen. „Wir suchen schon etwas für mindestens ein Jahr.“

Auch ein Bufdi, FSJler oder Minijobber wäre eine Hilfe

Bei Jugendherbergen und ehemaligen Gasthäusern in der Umgebung hat Dreger schon angefragt, aber da sei nichts zu machen. „Wir gucken auch über die Gemeinde Kirchlinteln hinaus, suchen im ganzen Landkreis Verden und mittlerweile auch in angrenzenden Landkreisen.“ Wer eine entsprechende Immobilie zur Verfügung stellen kann und mehr wissen möchte, kann sich an das Sirius-Büro unter Telefon 04236/9435930 wenden.

Ein Anliegen hat Dreger noch: In der auch für die Jugendhilfe neuen Situation wäre ein Bundesfreiwilligendienstler (Bufdi) oder ein FSJler hilfreich. Wer also Lust auf die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen hat – und im Besitz eines Führerscheins ist – darf sich gern melden. „Auch ein Minijobber mit Führerschein wäre im Moment hilfreich.“

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