1. Startseite
  2. Lokales
  3. Landkreis Verden
  4. Kirchlinteln

Windkraft: Kreis kontert Kirchlinteln

Erstellt:

Von: Manfred Brodt

Kommentare

Windpark an Autobahn
Der Ausbau der Windenergie, wie an der Autobahn 27 zwischen Verden und Bremen, soll massiv vorangetrieben werden. Über die möglichen Standorte und Mindestabstände der Anlagen zu Wohnungen und Wald gibt’s allerdings immer wieder Auseinandersetzungen. © Wienken

Die Gemeinde Kirchlinteln ist bei der Ausweisung von Windenergieflächen unter den Vorgaben der Bundesregierung geblieben. Das löst Gegenwind aus dem Kreishaus aus.

Landkreis - Wegen des Klimaschutzes und der angestrebten Unabhängigkeit von russischem Gas, von Öl und Kohle will Deutschland die Nutzung der Windenergie massiv forcieren. Das Bundeswirtschaftsministerium strebt 80 Gigawatt durch Wind bis 2030 an. 55 Gigawatt können vorhandene Windkraftanlagen liefern, von denen bis 2030 aber wieder 20 Gigawatt vom Netz gehen, wie das Bundesumweltamt feststellt. Eine enorme Herausforderung, was auch daran deutlich wird, dass bis dahin 2,0 Prozent statt jetzt 0,5 Prozent der Fläche für Windenergie genutzt werden soll.

Nun kommt bei diesem gigantischen Vorhaben auch noch ein Streit zwischen dem Landkreis und Kirchlinteln dazwischen. Nachdem höhere Gerichte zig Raumordnungsprogramme in puncto Windenergie für unzulässig erklärt haben, hat der Kreistag nun zur Windenergie den Entwurf eines neuen Raumordnungsprogrammes bis 2027 beschlossen, um die Rechtslücke zu schließen. Dieser neue Entwutf liegt Kommunen und den sogenannten Trägern öffentlicher Belange zur Stellungnahme vor, und der Kirchlintelner Gemeinderat, der grundsätzlich nicht gegen die Energiewende ist, hat einiges zu kritisieren:

Der Kreistag akzeptiere noch 200 Meter Höhe für die Windkraftanlagen. Da tatsächlich solche Anlagen jetzt schon 240 Meter hoch seien, könnte die zugelassene Höhe noch nach oben geschraubt werden, sodass dann auch die Mindestabstände zu Wohngebieten nicht mehr eingehalten würden und der neue Plan angreifbar sei.

Landrat Peter Bohlmann, der jetzt in einer Kreisausschusssitzung zu allen Kirchlintelner Bedenken Stellung genommen hat, dazu:

Die Höhe passt. 207 Meter Höhe sei der Durchschnittswert der 2021 in Niedersachsen in Betrieb genommenen Anlagen. Vergangenes Jahr seien im Landkreis Verden vier Anlagen mit 200 Metern Höhe genehmigt worden. Und auch der Landkreis Rotenburg orientiere sich an den 200 Metern.

Zu Wohngebäuden im Außenbereich hat der Kreistag einen Mindestabstand von 500 Metern festgelegt. Kirchlintelns Bürgermeister Jacobs: „Das halten wir für zu gering.“

400 Meter fordert der Bund, der Kreistag hat das auf 500 Meter Mindestabstand erhöht, klärt Bohlmann auf. Zu Wohngebieten im Ort verlangt der Kreis mindestens 800 Meter Abstand gegenüber vom Bund vorgeschriebenen nur 500 Metern.

Kirchlintelns Gemeinderat gefällt weiter nicht, dass der Kreis zu pauschal die „Windmühlen“ in Waldnähe ausschließe und in den ausgewählten Vorranggebieten Vogel- und weiteren Artenschutz erst später prüfen will.

Der Bürgermeister: „Für uns bedeutet das im schlimmsten Fall, dass wir ewig Diskussionen über einen Standort führen mit Bürgern, Investoren, Naturschützern. Wir reden uns die Köpfe heiß und dann stellt sich nach Monaten heraus, dass an dieser Stelle ohnehin keine Windkraft möglich ist, weil dort der Rotmilan nistet.“

Der Kreis hat allerdings, so der Landrat, eine grobe Festlegung dieser Schutzgebiete nach dem niedersächsischen Leitfaden für Artenschutz schon getroffen. Allerdings könne der Betreiber beim Genehmigungsprozess dem noch mit Schutzmaßnahmen begegnen. Eine punktgenaue Untersuchung der sogenannten Avifauna brauche jedenfalls viel mehr Zeit.

Die Zeit ist für das Kreisoberhaupt wohl auch der entscheidende Punkt seiner Intervention im Kreisausschuss:

Kirchlinteln, das nach Angaben der Gemeinde von den 33 im Kreis ausgewiesenen Windkraftgebieten überproportional zwölf besitze, ist, so Bohlmann, die einzige hiesige Gemeinde im Kreis, die eine grundlegende und damit zeitverzögernde Neuaufstellung des Windenergiekonzeptes fordert.

„Der Neubau von Windenergieanlagen würde sich um Jahre verschieben. Wir müssten den ganzen Prozess auf Null stellen und alles wieder ganz von vorne beginnen, auch neue Sondergebiete ausweisen.“

In Langwedel und Ottersberg, die in ihren Flächennutzungsplänen keine großen Hemmnisse für Windkraft hätten, könne es Wildwuchs geben. Bürger berichten schon, dass Windkraftbetreiber für neue Projekte versuchen, Grundstücke zu erwerben oder zu pachten.

In den anderen Gemeinden des Kreises schließen die Flächennutzungspläne manches aus und sind noch härter als die neu geplante Regelung. Allerdings könnte auch das Thema Wind diese Flächennutzungspläne juristisch „umblasen“.

Der Landrat macht darauf aufmerksam, dass das nur ein Übergangsplan allein zur Windkraftnutzung ist und dann ab 2027 ohnehin ein neuer Regionaler Raumordnungsplan zu allen relevanten Feldern entwickelt werden muss. Bis dahin könne auch die von Kirchlinteln gewünschte differenzierte Betrachtung der Waldgebiete eingearbeitet werden.

Also viel Wind aus Kirchlinteln oder tatsächlich Gefährdung der Energiewende im Kreis?

Jedenfalls wird nach dem Konzept des Kreistags die Fläche für Windkraft von 700 auf 2 100 Hektar verdreifacht, 2,5 Prozent der hiesigen Fläche. Damit würde der Kreis die vom Bund geforderten zwei Prozent „auf dem Papier“ sogar noch übertreffen.

Auch interessant

Kommentare