„Wie in einem Science-Fiction-Film“

Bürger aus Kirchlintelns Partnerkommune dürfen nur noch mit Mundschutz raus

Pflichtprogramm: In Tschechien ist seit dem 19. März Mundschutz vorgeschrieben. Weil es nicht genug Masken gibt, nähen die Bürger sie selbst, wie hier die Palbuchtas.
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Pflichtprogramm: In Tschechien ist seit dem 19. März Mundschutz vorgeschrieben. Weil es nicht genug Masken gibt, nähen die Bürger sie selbst, wie hier die Palbuchtas.

Letovice/Kirchlinteln - Er hat schon einiges mitgemacht in seinem Leben: Bohuslav Kuda hat den Prager Frühling 1968 erlebt und die Samtene Revolution 1989. Nun berichtet der 72-Jährige aus Letovice über die Coronakrise in Kirchlintelns tschechischer Partnerkommune. „Wir erleben eine Zeit, wie wir sie bislang nur in Science-Fiction-Filmen sehen konnten.“

Es würden Maßnahmen ergriffen, um die Ausbreitung des Virus zu verhindern. Veranstaltungen mit Menschenansammlungen würden abgesagt. Betroffen seien wie bei uns Kultur, Sport, Gottesdienste; geschlossen seien Kinos, Theater, Schwimmbäder, Restaurants und Pensionen. Wie in der Bundesrepublik sind nur Lebensmittelgeschäfte, Drogerien und Apotheken geöffnet.

„Seit dem 11. März haben Schüler und Studenten keinen Unterricht mehr. Seit dem 13. März gibt es ein pauschales Einreiseverbot für alle Ausländer. Seit dem 16. März ist der freie Personenverkehr in der gesamten Tschechischen Republik verboten.“ Aber wie bei uns gebe es Ausnahmen, wie die Wege zur Arbeit oder zum Einkaufen. „Seit dem 19. März ist es allen Personen untersagt, sich ohne Gesichtsmaske an einem Ort außerhalb ihres Hauses zu bewegen“, berichtet Kuda in einer E-Mail vom Dienstag.

Screenshot: Bürgermeister Petr Novotny während seiner Ansprache, links die Telefonnummern für die ältere Generation. 

Bürgermeister Petr Novotny informierte die Bevölkerung per Facebook: „Aus Sicht der Stadt möchte ich alle beruhigen, dass wir niemanden im Stich lassen. Ein Beispiel ist die Einführung des Seniorenhilferufs mit zwei Telefonnummern für unsere älteren Bürger, die keine Möglichkeit haben, ihren Grundbedarf selber zu sichern. Die Senioren, die diese Möglichkeit nutzen, werden dann von Mitarbeitern des Rathauses versorgt. Zum Thema erhöhte Hygiene: Respektiert bitte alle Maßnahmen, die jetzt für uns alle vorgeschrieben sind. Geht bitte nicht überflüssig zum Arzt, auch wenn ein Verdacht auf Ansteckung vorliegt, sondern nehmt telefonischen Kontakt auf. Zum Schluss möchte ich noch sagen, dass wir bei Einhaltung aller nötigen Maßnahmen diese Krise gemeinsam meistern.“ Kuda, der von 1993 bis 1994 Bürgermeister von Letovice war, ergänzt: „Unser Rathaus ist nur montags und mittwochs, von 14 bis 16 Uhr, für die Öffentlichkeit zugänglich. Ansonsten werden die Dinge per Telefon oder E-Mail erledigt.“

Kuda und seine Frau Hana gehen kaum in die Stadt. „Zum Glück haben wir einen Garten.“ Außerhalb des Hauses verwenden sie, wie alle anderen Bürger auch, Mundschutz. „Da diese Atemschutzmasken rar sind, werden sie für Sanitäter, Feuerwehrleute, Polizisten und Ladenbesitzer benötigt, die am meisten mit Menschen in Kontakt stehen.“

Modisch: Vladimir Stejskal mit Mundschutz im Leopardenlook.

Viele Bürger stellten mittlerweile selbst Masken her. Hierzu gebe es viele Anleitungen im Internet, berichtet Kuda. „Nach einer Wäsche in kochendem Wasser können sie wiederverwendet werden.“ Wer geschickt an der Nähmaschine sei, stelle die Masken in größeren Mengen her. „Sie spenden sie an Nachbarn, an Seniorenheime, Krankenhäuser.“ Kudas Frau Hana näht Masken für die ganze Familie. Hana Palbuchtová, die Frau des ehemaligen stellvertretenden Bürgermeisters Jiri Palbuchta, hängt ihre gefertigten Mundschutze ans Haus, sodass jeder sie im Vorbeigehen mitnehmen kann. In Tschechien erblickten momentan sogenannte Mundschutzbäume das Licht der Welt. Das seien improvisierte Ständer für Mundschutze, damit andere Menschen sie kostenlos mitnehmen können. Besonders kreativ und hilfsbereit sei auch Letovices vietnamesische Bevölkerung: Sie nähe nicht nur Mundschutze, sondern spende Getränke an Einrichtungen im Gesundheitswesen, nach dem Motto „Freunde müssen sich gegenseitig helfen“.

In den ersten Tagen schämten sich die Bürger von Letovice, mit ihren Gesichtsmasken nach draußen zu gehen, so Kuda. Mittlerweile hätten sich aber alle daran gewöhnt. „Wenn sich Leute treffen, begrüßen sie sich ohne Händedruck.“ Selbst in dieser noch nie dagewesenen Situation verlören die Menschen nicht ihren Optimismus, versuchten, sich anders zu unterhalten, und nutzen zur Kommunikation vermehrt Telefon oder E-Mails. „Es ist nun Zeit für Dinge, die in der hektischen Lebensweise nicht mehr im Vordergrund standen. Es scheint, dass die Bedrohung durch das Coronavirus die Menschen sowohl in den Familien als auch auf der politischen Bühne vereint“, betont Kuda. „Zumindest vorübergehend.“

Hana und Bohuslav Kuda wünschen den Kirchlintlern gute Gesundheit, „damit der Coronavirus euch meidet und wir uns wiedersehen können“.

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