Schiedsfrau Renate Kroll berichtet

Wenn aus Nachbarn verbissene Streithähne werden . . .

Renate Kroll an ihrem berühmten runden Tisch in der Wohnzimmerecke. Hier hat sie schon häufiger ihr Ziel erreicht: Frieden stiften zwischen zwei zerstrittenen Parteien. - Foto: Wennhold

Neddenaverbergen - Von Erika Wennhold. Vor mehr als zehn Jahren hat sich die Neddenaverbergerin Renate Kroll dazu entschlossen, Streithähne an einen Tisch zu bringen. Die resolute, aber auch verständnisvolle ältere Dame traute es sich zu, Wogen zu glätten oder gemeinsam mit den Kontrahenten nach Lösungen zu suchen. Nicht immer ist es ihr gelungen, mit einer Schlichtung die Gerichte zu entlasten. Dennoch bleibt es das erklärte Ziel eines Schiedsamtes, das seit 2010 einer gerichtlichen Auseinandersetzung gesetzlich vorgeschaltet ist.

„Sie können sich gar nicht vorstellen, was sich hier schon alles abgespielt hat.“ Renate Kroll blickt hinüber zu ihrem runden Tisch in der Wohnzimmerecke, wo zerstrittene Nachbarn, feindlich gestimmte Verwandtschaft oder aneinandergeratene Vereinsmitglieder aufeinandertrafen.

„Manchmal musste ich aufstehen und dazwischengehen, wenn sich Beteiligte mit erhobenen Armen beschimpften und so richtig in Rage gerieten. Aber das ist nicht die Regel, die meisten lasse ich erst einmal reden, um einen Eindruck von der Sachlage zu bekommen.“

Jetzt herrscht erst einmal Ruhe im weihnachtlich geschmückten Wohnzimmer der Schiedsfrau, die nicht immer nachvollziehen kann, warum ein kleiner Disput zu so viel Hass führen kann. „Am Anfang hat mich das sehr belastet, inzwischen bin ich abgebrühter.“

Etwa 20 Fälle gehen pro Jahr über den Tisch von Renate Kroll, die in Extremfällen auch die Möglichkeit hat, ihre Klienten an einem neutralen Ort zu treffen. Meistens guckt sie sich vor Ort an, worum es eigentlich geht. Corpus Delicti kann schlicht der Ast eines Baumes, der zu weit in das Nachbargrundstück hineinragt, sein. Laub oder Unkraut, das nebenan nicht entfernt wird, zu laute Musik, die zu jeder Tageszeit nervt oder bei manchen Neuzugezogenen der Ärger über die nicht immer angenehme Landluft führen ebenso häufig zum Streit.

„Manches kann man schnell regeln. Ich habe schon einmal selber dafür gesorgt, dass der Streitgrund entfernt wurde. Und dann war Ruhe.“ Gleichzeitig könnte sie so manches Mal aber auch verzweifeln, weil gar nicht mehr nachvollziehbar ist, worum es ursprünglich einmal ging.

„Ich vermute, dass tiefe Verletzungen, die ihren Ursprung woanders haben, dahinter stecken.“ In diesen Fällen kann die Schiedsfrau nicht weiterhelfen.

Und auch dann nicht, wenn die eine Seite gar nicht erst erscheint oder schimpft: „Mit dem setz ich mich nicht an einen Tisch!“, 50 Euro Ordnungsgeld freiwillig auf den Tisch wirft und verschwindet. „Die sehen sich dann vor Gericht wieder. Das wird aber teurer.“

Ämter haben es auf die inzwischen über 70-jährige Renate Kroll irgendwie abgesehen. Als sie noch in Hohenaverbergen lebte, übernahm sie noch vor der Gebietsreform das Gemeindebüro, später war sie mit 32 Jahren die jüngste und erste weibliche Ortsvorsteherin im Landkreis Verden. Sie sammelte Erfahrungen, die ihr später als Schiedsfrau durchaus weiterhalfen. Aber noch eine Hilfe ist ihr wichtig: Stellvertreter Wilhelm Haase-Bruns aus Luttum, der immer dann einspringt, wenn Renate Kroll zu viel um die Ohren oder auch einmal mit sich selbst zu tun hat.

Was für ein Fazit würde sie heute ziehen? „Ich habe festgestellt, dass zu wenig geredet wird. Die Leute müssen von Anfang an aufeinander zugehen, reden, reden, reden und sich selbst nicht so wichtig nehmen. Wie oft habe ich schon Sätze gehört wie ,Hätte ich das vorher gewusst...’ Manchmal denke ich, die Leute werden immer sturer und pochen auf ihr Recht.“

Dass es auch anders geht, davon will die Schiedsfrau auch weiterhin ihre Streithähne überzeugen und deshalb ist ihr Lieblingsabschiedsgruß: „Hoffentlich sehen wir uns nicht wieder.“

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