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Vor dem Frühstück Leben retten: Mit dem Kitzrettungsteam der Jägerschaft Verden unterwegs

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Von: Reike Raczkowski

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eine Frau hält ein Rehkitz in den Händen
Das erste Kitz des Tages, gesichert von Ines Kasdorf. © Raczkowski

3.30 Uhr morgens, der Wecker klingelt. Auf einmal scheint es gar keine so tolle Idee mehr, sich in aller Herrgottsfrühe mit dem Kitzrettungsteam der Jägerschaft zu treffen, auf einer Wiese im Wald irgendwo zwischen Heins und Idsingen. Aber: Jäger Jürgen Luttmann hat versprochen, dass wir die Chance haben, vor dem Frühstück ein paar Leben zu retten. Also was soll’s, schnell einen Kaffee und dann los.

Kirchlinteln – Das Team trifft sich an einer Jagdhütte, alle sehen recht frisch aus. „Normalerweise treffen wir uns noch früher, heute haben wir für die Zeitung eine Ausnahme gemacht“, sagt Carina Laupenmühlen schmunzelnd. „Aber jetzt müssen wir wirklich loslegen, wir haben kein großes Zeitfenster.“

Mit dabei sind noch Ines Kasdorf und Hegeringleiter Verden Süd, Eckhard Carstens. Der Vorsitzende der Jägerschaft Verden, Jürgen Luttmann, geht heute als Revierverantwortlicher mit. Die Grünlandfläche, um die es sich handelt, ist circa fünf Hektar groß. Der Landwirt will sie heute mähen. Deswegen hat er sich an das Kitzrettungsteam gewandt.

Während allerhand Zeug aus den Autos geladen wird, vom Drohnenzubehör über Handschuhe bis hin zu Wäschekörben, erklärt Luttmann, dass viele Wildtiere Jahr für Jahr durch Erntemaschinen verletzt oder getötet würden. Insbesondere Rehkitze, die sich bei Gefahr oft noch tiefer ins Gras drücken, seien in der Mahd gefährdet.

Zum Einsatz kommt moderne Wärmebildtechnik

Der Bildschirm einer Drohne
Drohnenpilotin Carina sucht das Gelände akribisch nach Wärmepunkten ab. © Raczkowski

„Ein Rehkitz zu überfahren – das gefällt keinem Landwirt“, sagt Carina Laupenmühlen, während sie die Drohne startklar macht. Davon abgesehen seien die Flächeneigentümer aus tierschutzrechtlichen Gründen dazu verpflichtet, Maßnahmen zu ergreifen, um die Wildtiere vor unnötigem Leid zu schützen. „Und da kommen wir ins Spiel.“ Verschiedene Teams im Landkreis stünden bereit, mit Drohnen die Flächen kurz vor der Mahd abzusuchen. Die Kitze und andere Tiere würden mit moderner Wärmebildtechnik gefunden. Die heutigen Helfer gehören zum Kitz- und Jungtierrettungsteam des Hegerings Verden Süd.

Laupenmühlen startet die Drohne, während am Horizont die Sonne höher steigt. „Wir müssen so früh morgens arbeiten, weil dann der Kontrast zwischen den warmen Kitzen und der kalten Umgebung besonders gut zu erkennen ist“, sagt sie und schickt die Drohne über das Gelände. Es dauert nicht lange, bis sie etwa 300 Meter entfernt etwas entdeckt, „das nach Kitz aussieht“.

Die Drohne weist den Weg

Ines Kasdorf und Jürgen Luttmann greifen sich mit geübten Händen Wäschekorb und Zeltstangen sowie überlange Handschuhe und einen Kescher. Sie sehen die Drohne in der Ferne, sie steht in der Luft, einige Meter über dem Boden. Dorthin laufen sie, ganz leise, um das Tier nicht aufzuschrecken.

Eine Drohne wenige Meter über einer Wiese, ein Mann und eine Frau.
Die Drohne weist den Weg. An dieser Stelle, verborgen im hohen Gras, liegt das Kitz. Ines Kasdorf und Jürgen Luttmann pirschen sich vorsichtig heran. © Raczkowski

Und dann geht es ganz schnell: Luttmann fängt das Kitz mit dem Kescher und hält es am Boden, während Kasdorf reichlich Gras aus der unmittelbaren Umgebung rausrupft. Gras und Handschuhe sollen dafür sorgen, dass das Kitz möglichst keinen Menschengeruch annimmt, denn dann könnte es sein, dass die Mutter es nicht mehr akzeptiert. Kasdorf packt das Kitz und trägt es rasch von der Fläche. Es wird unter einem umgedrehten Wäschekorb, der zusätzlich mit Stangen und Kabelbindern fixiert wird, in Sicherheit gebracht. Das Kitz lässt alles still über sich ergehen. Als wüsste es, dass in ein paar Stunden der Spuk vorbei ist und der Korb von den Helfern wieder entfernt wird. „Die Erfahrung zeigt, dass die Muttertiere bei diesem Vorgehen ihr Kitz wiederfinden“, so Laupenmühlen, die – zu normalen Tageszeiten – übrigens als Tierärztin arbeitet.

Manche Tiere sind alt genug, um zu flüchten

Ihre Jägerkollegin Ines Kasdorf, Berufsschullehrerin, freut sich, dass die Kitzrettung glattging. „Manche Tiere haben bereits einen Fluchtinstinkt. Die laufen weg, was nicht so toll ist.“ Aber wenn sie vor den Rettern weglaufen, würden sie dann nicht auch flüchten, wenn ein Trecker auf sie zukommt? Kasdorf zuckt die Schultern. „Das weiß man leider nie genau. Manche flüchten, aber vielleicht in die falsche Richtung.“ Ganz sicher seien die Tiere nur, wenn man sie für die Dauer der Mahd von der Fläche fernhält.

„Leute, ihr müsst nochmal ran“, sagt Laupenmühlen. Sie hat einen Wärmepunkt entdeckt, der nach ihrem geschulten Auge ein weiteres Kitz sein könnte. Während sich die beiden auf den Weg machen, versucht die Tierärztin, eine deutliche Darstellung auf ihrem Bildschirm zu bekommen. „Es scheint noch klein zu sein.“ Und tatsächlich: Ein wenige Tage altes Kitz versteckt sich unter dem Gras. Es lässt sich ohne Gegenwehr sichern. „Was wir hier tun, ist im rechtlichen Sinne Jagdausübung“, erklärt Luttmann. Deswegen sollte diese Arbeit unbedingt von Leuten gemacht werden, die etwas davon verstehen.

Auf dünnen Beinchen durch das hohe Gras

„In diesen Tagen finden wir einige relativ große Kitze. Aber es sind doch immer noch ein paar dabei, die so klein sind, dass sie keine Chance hätten, zu flüchten“, so Laupenmühlen, die sichtlich glücklich ist, dass es gelungen ist, ein weiteres Tier zu retten. „Es ist ja nicht so, dass wir gerne jeden Morgen um 3 Uhr aufstehen. Aber in solchen Momenten, da weiß man, dass es sich lohnt.“ Sie strahlt. Und sagt: „Ihr könnt übrigens schon wieder los, gleich in der Nähe liegt noch ein Kitz.“ Das dritte Jungtier des Tages hat allerdings keinerlei Absicht, sich retten zu lassen. Auf dünnen Beinchen hopst es durch das hohe Gras davon. „Hoffen wir, dass es nicht auf die Fläche zurückkehrt“, sagt Laupenmühlen.

Besondere Naturerlebnisse im Morgengrauen

Und schickt die Retter erneut los. Sie hat ein viertes Tier entdeckt. Es liegt in der Nähe eines kleinen Teiches. Die Sonne taucht die Wiese in goldenes Licht, die letzten Nebel lichten sich. In der Ferne erklingt das Rufen der Kraniche. Ines Kasdorf lächelt. „Auch dafür lohnt es sich, so früh aufzustehen.“

eine Frau hält ein schreiendes Kitz in den Armen
Will lieber zu Mama: Dieses Jungtier hat null Bock darauf, gerettet zu werden. © -

Sie schnappt sich geschickt das Kitz. Das hat aber überhaupt keinen Bock, gerettet zu werden. Es fiept lautstark und herzzerreißend. Etwa 100 Meter entfernt läuft eine ausgewachsene Ricke aufgeregt auf und ab, während das Kleine unter einem Wäschekorb verstaut wird. In ein paar Stunden, wenn die Wiese gemäht ist, werden beide wieder vereint sein. „Ich übernehme es heute selbst, die Kitze nachher wieder freizulassen“, so Luttmann. Diese Arbeit sollte im besten Fall jemand erledigen, der schon bei der Rettung dabei war, damit auch ganz sicher kein Tier vergessen wird.

Der Pressebesuch muss dann doch nicht mithelfen

Das Gelände ist zu 95 Prozent abgeflogen, als Laupenmühlen eine letzte Entdeckung macht. Oder besser: zwei. In wenigen Metern von einander entfernt liegen zwei Kitze, wahrscheinlich Geschwister. Und nun? Fängt man eines, wird das andere ziemlich sicher flüchten. Also muss sich auch der Pressebesuch die Handschuhe anziehen und zur Unterstützung bereitstehen. Doch dazu kommt es nicht. Die Tiere springen aus dem Gras und hopsen davon.

Die Jäger sind dennoch zufrieden. Drei Leben haben sie heute retten können, und das noch vor dem Frühstück. Auch die drei Kitze, die Reißaus genommen haben, haben die Mahd überlebt, berichtete Luttmann am Abend.

Zwei Frauen und zwei Männer an einem Drohnen-Start-und Landeplatz
Los geht’s: Carina Laupenmühlen, Ines Kasdorf, Hegeringleiter Verden-Süd Eckhard Carstens und Jagdpächter Jürgen Luttmann lassen die Drohne steigen. © Raczkowski

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