Pilot stirbt, Bewohner hatten viel Glück

Vor 50 Jahren: Flugzeug stürzt auf Luttum

Im Dach eines Nebengebäudes sind zwei große Löcher. Dachsparren sind durchschlagen, Dachpfannen heruntergefallen,
+
Pilot und Schleudersitz durchschlugen das Dach eines Nebengebäudes.
  • Düsenjäger verliert Tragfläche und stürzt mitten ins Dorf
  • Haltetross des Luttumer Fernsehturms touchiert
  • Wie durch ein Wunder bleiben Bewohner unverletzt

Ich stand gerade am Küchenfenster. Es sollte geputzt werden, weil sich Besuch angekündigt hatte. Den Lappen in der Hand, hörte ich einen lauten Knall, fast gleichzeitig sah ich einen großen Feuerball am Horizont – nicht weit weg von uns. Ich bin sofort losgelaufen, um zu sehen, was passiert war. Es brannte zwei Straßen weiter, Luftlinie keine 400 Meter.

Als ich mich näher herantraute, hatte die Feuerwehr schon alles abgesperrt. Kurze Zeit später war die Bundeswehr dort und ließ niemanden ohne zwingenden Grund mehr in das Dorf hinein.

Luttum – Auch der damalige Feuerwehrmann Heinz-Hermann Hoops hatte vom Feld aus alles mitangesehen. „Ich hab’ den Mais gedüngt und hatte überhaupt keine Zeit, denn auf unserem Hof sollte die Meisterprüfung stattfinden. Als ich das Flugzeug so tief über der Erde trudeln und über dem Dorf abstürzen sah, bin ich gleich mit dem Streuer losgefahren. Meine Frau hatte schon alles bereitgelegt, und dann bin ich los.“ Der Landwirt erinnert sich, dass die Pferde auf der Weide wegen des Lärms über ihnen völlig durchdrehten. „Das Flugzeug war geradezu ins Dorf reingeschossen, hatte Bäume abgesägt und sich durch die Gärten gearbeitet.“

Zwölfjährige bei den Hausaufgaben als es ganz in der Nähe nur so krachte

Es dauerte also, bis durch ohrenbetäubenden Lärm die Nachbarschaft aufmerksam wurde. Edith Otten, damals hieß sie noch Edith Rosebrock, hatte als knapp Zwölfjährige gerade ihr neues Zimmer im Obergeschoss bezogen und machte Hausaufgaben. Ihre Mutter saß im Freisitz am Haus mit einer Nachbarin zusammen und schälte Spargel. Edith Otten: „Wir haben erst was gemerkt, als es brannte. Der laute Knall kam später, als sich das Flugzeug durch die Gebäude gefressen hatte.“ Als das ganze Ausmaß zu sehen war, wurde ihr klar, wie viel Glück sie gehabt hatte. Nur ein paar Meter entfernt war das Dach des Stalles teilweise zerstört. Tragischer Grund: Der Pilot hatte sich viel zu spät noch mit dem Schleuderzitz aus der abstürzenden Maschine retten wollen und landete auf dem Heuboden. Er war sofort tot. Vor Ort war später ein Arzt aus Verden, der allen riet, sich das besser nicht anzusehen. Es soll ein schrecklicher Anblick gewesen sein.

Edith Ottens Vater Friedhelm Rosebrock war an diesem Nachmittag als Versicherungskaufmann bei Kunden. Dort erreichte ihn die Nachricht, dass es ein großes Unglück in Luttum gegeben haben sollte. Als er zurückfuhr, hatte er Schwierigkeiten, überhaupt noch ins Dorf hinein zu kommen. Alle Zufahrtsstraßen waren abgesperrt. Den Stall auf der Hofstelle Rosebrock gibt es nicht mehr, er wurde zeitnah abgerissen. Edith Otten: „Wir brauchten ihn ja auch nicht mehr, wir hatten die Landwirtschaft aufgegeben.“

Mittelstück des Düsenjägers vom Typ F5 „Freedomfighter“ landet im Flur

Noch dramatischer war die Situation zwei Häuser weiter, wo die Familie Gutjahr wohnte. Das Mittelstück des Düsenjägers vom Typ F5 „Freedomfighter“ mit dem Triebwerk hatte das Dach durchschlagen und landete im Flur. Das Wunder: Niemand wurde verletzt. Im Gegenteil: Der Großvater, eigentlich gehbehindert, schaffte es aus eigener Kraft, aus dem Fenster ins Freie zu klettern. Die Bewohner hatten sich in den Zimmern zu beiden Seiten des Flurs aufgehalten. Die Familie hatte unglaubliches Glück. Nur der Schrecken saß tief und das Wohnhaus brannte ab. Sohn Karl-Heinz war zum Zeitpunkt des Unglücks nicht zu Hause. Der 16-Jährige hatte gerade eine Lehre begonnen. „Mein Schwager rief mich an und beruhigte mich erst mal, bevor er erzählte, was passiert war. Ich bin dann mit dem Fahrrad nach Hause gefahren. Alles war abgesperrt. Irgendwann durfte ich aber ins Dorf. Unser Haus brannte, das Dach war komplett weg. Durch die Löscharbeiten war auch der Rest zerstört. Meine Eltern erzählten mir, dass es einen höllischen Lärm gegeben habe, Nachbarn hätten einen Feuerball über dem Haus gesehen.“

Das Haus Gutjahr wurde völlig zerstört.

Zu dieser Zeit wohnte Schwester Roswitha schon nicht mehr Elternhaus. Sie war verheiratet und hatte mit ihrem Mann ein kleines Haus in der Luttumer Dorfstraße bezogen. Hier sollten nun einige Familienmitglieder untergebracht werden. „Es war eine heftige Zeit“, erinnert sie sich, „wir hatten ja viel zu wenig Platz.“ Die Großeltern habe man bei Verwandten in Eitze unterbringen können, Bruder Karl-Heinz sei kurze Zeit später von der Familie Quast in Hohenaverbergen aufgenommen worden. Sie erinnert sich nicht so ganz genau, aber ein Jahr habe es bestimmt gedauert, bis die Familie ihr neues Haus in der Sophienstraße beziehen konnte.

Auch das Haus der Familie Helmke nebenan war in Mitleidenschaft gezogen worden. Die ganze Familie war im Haus, als das Unglück passierte. „Es knallte, und schon brannte es im Garten, Fensterscheiben flogen heraus“, beschreibt Hanna Helmke den Moment, als das Flugzeug auf die Häuser traf.

Im Nachhinein wurde gerätselt, warum sich der Pilot zu seinem Nachteil erst so spät mit dem Schleudersitz aus der Maschine herauskatapultiert hatte. Er habe wohl mit letzter Kraft versucht, die Maschine über die Häuser hinweg in die Allerwiesen zu lenken, wurde vermutet. Heinz-Hermann Hoops: „Egal wie früh oder in welche Richtung er den Schleudersitz benutzt hätte, aus dieser Höhe hatte er so oder so keine Chance.“

Holländischer Pilot muss sehr tief geflogen sein

Wie tief der 45-jährige holländische Oberstleutnant Wilhelm Pieter Vogelaar geflogen war, lässt sich ungefähr sagen. Der Fernsehturm, dessen Spannseil der Düsenjäger touchiert hatte, war seinerzeit 222 Meter hoch. Damals saß obenauf noch die 22 Meter hohe Antenne, erst darunter waren die Befestigungen für die Stahltrossen angebracht. Es musste also sehr tief geflogen sein. Heinz-Hermann Hoops: „Noch bis zum Wochenende flogen immer wieder Militärflugzeuge die Strecke ab. Wohl, um nachzuvollziehen, warum es überhaupt zu dem Unglück gekommen war.“

Ein Haltetross am Fernsehturm in Luttum riss eine Tragfläche des Düsenjägers ab.

In der Luttumer Dorfchronik wird dieses Ereignis ausführlich beschrieben. „Am Donnerstag, den 13. Mai 1971, startete der 45-jährige holländische Oberstleutnant Wilhelm Pieter Vogelaar mit dem Düsenjäger vom Typ F5 ,Freedomfighter" von der Fliegerbasis Twente bei Enschede zu einem Übungsflug in Richtung Bundesrepublik Deutschland. Beim Tiefflug streifte der Düsenjäger in der Gemarkung Luttum eine der stählernen Haltetrossen des Fernsehturmes. Dabei wurde die rechte Tragfläche des Flugzeuges abgerissen. Die schwer beschädigte Maschine fing sofort Feuer und raste Sekunden später auf den Ortskern von Luttum zu.

Der Pilot hatte sich mit dem Schleudersitz aus dem Flugzeug herauskatapultiert und durchschlug das Stalldach von der Hofstelle Nr. 11. Er war sofort tot. Es waren zwei Löcher von der Straßenseite aus gesehen im Stalldach, eins durch den Piloten und eins durch den Schleudersitz. Der Pilot und der Schleudersitz blieben auf dem Stallboden liegen. Die Dachpfannen auf der Rückseite des Daches wurden durch den Druck abgedeckt. Das Flugzeug war durch einen Freiraum zwischen dem Wohnhaus und Stall hindurch geflogen. Dann rasierte das Flugzeug den kleineren Kastanienbaum im Hof ab, der direkt neben dem Schuppen von Claußens steht. Dadurch wurde das Flugzeug heruntergezogen und schlug vor dem Wohnhaus Gutjahr in den Boden.“

Die Feuerwehr Verden berichtet in ihrer Chronik anlässlich des 125-jährigen Bestehens im Jahre 1994 ebenfalls ausführlich vom Flugzeugabsturz in Luttum und ergänzt aus Sicht der Einsatzkräfte: „ . . . Eine besondere Gefahr stellte die herumliegende und explodierende Bordmunition dar. Es mussten umfangreiche Absperr- und Sicherungsmaßnahmen durchgeführt werden.“

Das Flugzeug schoss durch die Gärten zwischen den Häusern Rosebrock und Gutjahr. Heute ist die Welt hier wieder in Ordnung.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Prächtige Hortensien? Mit diesen Tricks klappt es bestimmt

Prächtige Hortensien? Mit diesen Tricks klappt es bestimmt

Spanien: Wo Formentera sogar Mallorca schlägt - und wo nicht

Spanien: Wo Formentera sogar Mallorca schlägt - und wo nicht

Brütende Hitze in Deutschland - Zum Wochenstart Abkühlung

Brütende Hitze in Deutschland - Zum Wochenstart Abkühlung

Brandschutzprüfung: Polizei bricht in „Rigaer 94“ Türen auf

Brandschutzprüfung: Polizei bricht in „Rigaer 94“ Türen auf

Meistgelesene Artikel

Kleiner Anbau: Ein Hausschwein oder ein Bad mit Toilette

Kleiner Anbau: Ein Hausschwein oder ein Bad mit Toilette

Kleiner Anbau: Ein Hausschwein oder ein Bad mit Toilette
Beim Tag der Architektur stellt Manuel Reichel das „Haus F“ in Achim vor

Beim Tag der Architektur stellt Manuel Reichel das „Haus F“ in Achim vor

Beim Tag der Architektur stellt Manuel Reichel das „Haus F“ in Achim vor

Kommentare