Enthüllung einer Gedenk- und Informationstafel auf dem Friedhof Hohenaverbergen

Verstorbenen ein Gesicht gegeben

Mit der gerade enthüllten Tafel (v.l.):
 Mariella Hoffmeister, Judith Wieters, Pastor Wilhelm Timme, Joshua Paul, Birgit Söhn und Yvonne Mari. 
Fotos: Röttjer
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Mit der gerade enthüllten Tafel (v.l.): Mariella Hoffmeister, Judith Wieters, Pastor Wilhelm Timme, Joshua Paul, Birgit Söhn und Yvonne Mari.

Hohenaverbergen – Die Feierstunde zur Enthüllung einer Gedenk- und Informationstafel auf dem Friedhof Hohenaverbergen hatte im Frühjahr eigentlich der Auftakt zur 700-Jahr-Feier der Ortschaft sein sollen. Auf der Tafel finden sich die Namen der an dieser Stelle kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs beerdigten Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter sowie weitere Informationen über diese Zeit. Durch Corona kam alles ganz anders. Trotzdem war die Freude am Freitag groß, dass die Gedenktafel enthüllt werden konnte.

„Damit setzt der Ort ein starkes und deutliches Zeichen der Erinnerung an die hier ruhenden Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter, die zum Kriegsende ums Leben kamen“, hob Bürgermeister Wolfgang Rodewald hervor. Er würdigte insbesondere das große Engagement von jungen Menschen. Im Rahmen des jährlichen Projekts der Kriegsgräberpflege hatten sich Konfirmandinnen der St.-Jakobi-Kirchengemeinde Wittlohe sowie Joshua Paul, der bei der Kirchengemeinde ein Freiwilliges Soziales Jahr absolviert, mit der Realisierung befasst.

Rodewald lobte aber auch die Unterstützung von weiteren Helfern bei der Umsetzung des Projekts. So hätten Dr. Lars Hellwinkel von der Gedenkstätte Lager Sandbostel und Dr. Joachim Woock viele historische Forschungsdaten beigetragen. Bei ihren Recherchen seien sie auf etliche interessante Details gestoßen, die bisher unbekannt gewesen und jetzt Bestandteil der regionalen Zeitgeschichte seien.

Als Zeitzeuge habe sich der 90-jährige Helmut Dreyer an die damalige Zeit erinnert. Er habe wertvolle Gedanken beigesteuert. Rodewalds Dank galt schließlich Rolf Thoenelt für die grafische Gestaltung und der Tischlerei Deyer für die Holzarbeiten.

Ortsvorsteherin Birgit Söhn lobte das Projektteam mit den vier Konfirmandinnen Leonie Haase, Svea Meyhoff, Yvonne Mari und Mariella Hoffmeister sowie Joshua Paul und Judith Wieters. Söhn schilderte kurz, wie die Idee für eine Tafel entstanden war. Die Hohener Konfirmanden hätten bereits an der Recherche für eine Gedenktafel in Armsen teilgenommen. Daraus sei der Gedanke gewachsen, so etwas auch in Hohen auf die Beine zu stellen. Die Grabstelle schien dort etwas in Vergessenheit geraten zu sein, denn auf Fragen, wer dort beerdigt worden sei, habe es oft nur geheißen, dass hier einige Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter ihre letzte Ruhe gefunden hätten, die in den letzten Kriegstagen gestorben seien.

Der Dorfchronik war nur ein kurzer Hinweis zu entnehmen, dass am 14. und 15. April bei den Kampfhandlungen in und um den Ort zwölf Polinnen und zwei Polen, deren Namen nicht bekannt seien, zu Tode gekommen waren.

Fazit von Söhn: Es habe an sichtbaren Informationen über die Grabstellen in Reihe 20 gefehlt. Das Projekt zur Erinnerung an die Verstorbenen sei entstanden und habe die Zustimmung des Bürgermeisters, von Pastor Wilhelm Timme sowie der zeitgeschichtlichen Werkstatt gefunden.

Bei den Recherchen von Hellwinkel und Woock seien einige überraschende Details zu Tage gekommen, erfuhren die Besucher der kleinen Feierstunde. So seien hier neun Menschen zur letzten Ruhe gebettet worden, deren Namen ermittelt worden seien und denen durch die damals für jeden angelegten und später archivierten Personenakten ein Gesicht zugeordnet werden konnte.

Die wohl größte Überraschung für die meisten sei die Mitteilung gewesen, dass hier auch ein elf Monate altes Mädchen von Pastor Meiners von der St.-Andreas-Gemeinde in Verden beerdigt worden war. Woock hatte in den Arolsen-Archives ein Dokument aus dem Jahr 1949 gefunden. Hier hatte der Pastor zu Protokoll gegeben, dass das uneheliche Kind auf Bitten der Mutter polnischer Herkunft mit Zustimmung und der Aufsicht der Besatzungsmacht beigesetzt worden sei. Dieses wurde in keiner Gräberliste des Ortes vermerkt. Das Todesdatum und die -ursache ließen sich nicht mehr feststellen.

Timme freute sich, dass mit Hilfe der Arbeit von Konfirmandinnen die Menschen einen Namen und ein Gesicht erhielten, die jahrzehntelang kaum Beachtung gefunden hätten. Es seien Menschen gewesen, von denen 75 Jahre nicht bekannt gewesen sei, dass es sie gegeben habe. Außerdem sei die Recherche ein markantes Beispiel dafür, dass geschichtliche Forschungsarbeit nie fertig sei und immer wieder Gänsehautmomente in sich berge.

„Es geht hier darum, aus unserer Vergangenheit zu lernen“, hob Rodewald hervor. Krieg und Gewalt müssten immer und überall verhindert werden. Besonders für die Deutschen gehöre es dazu, bewusst mit ihrer Vergangenheit umgehen, ohne Schuldzuweisungen auszusprechen.

Vor allem die Jüngeren, die nicht auf eigene Erfahrungen zurückblicken könnten, sollten sich stark für diese Erinnerungskultur machen und nicht auf Propaganda, markige Sprüche oder sonstige menschenverachtende Parolen hören und sich auf einen Irrweg einlassen.

Seitens der Stiftung Gedenkstätte Sandbostel würdigte Hellwinkel das Engagement des Teams und weiterer Helfer. In der Nähe des Ortes in der Gemeinde Selsingen im Landkreis Rotenburg war 1939 das „Stalag“ Sandbostel errichtet worden, das nach Angaben der Stiftung bis Kriegsende mehr als 300 000 Kriegsgefangene und Internierte aus über 55 Ländern durchliefen. Die meisten waren in mehr als 1 100 Arbeitskommandos des Lagers in Nordwestdeutschland vor allem in der Landwirtschaft, aber auch in der Industrie und der Rüstungsproduktion eingesetzt; Hohenaverbergen gehörte zum Einzugsgebiet von Sandbostel.

„Wir sind froh sowie stolz und dankbar darüber, dass wir mit dieser Arbeit an dem Projekt diesen Menschen ihren Namen und ihre Identität wiedergeben konnten“, bemerkte im Namen des Projektteams Josuah Paul.

Die Feierstunde wurde von Salvija Sextro musikalisch umrahmt.

Mit im Team war auch Judith Wieters aus Armsen, die am 1. August das Amt des FSJlers von Joshua Paul übernimmt. Für sie sei es sehr spannend, aber auch eine besondere Herausforderung gewesen, sich gemeinsam mit den Konfirmanden mit der Geschichte vor Ort auseinanderzusetzen. In der Zeit als FSJler werde sie noch oft Gelegenheit haben, sich damit zu beschäftigen. Darauf freue sie sich.  rö

Zeitzeuge Helmut Dreyer (2.v.l. auf auf der Bank) erinnerte sich.
Bürgermeister Wolfgang Rodewald (l.) beim Blick auf die neue Gedenktafel auf dem Friedhof in Hohenaverbergen.

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