Ehrenamtliche arbeiten historische Dokumente auf

Auf Spurensuche: Verschlossener Brief erzählt von Schmerz

Bis heute nicht geöffnet: Der Brief von Lilly Joost an ihren Sohn Alfred. Fotos: Raczkowski

Wittlohe – Auf dem Umschlag sind mehrere Stempel zu sehen, einer ist rot unterstrichen. „Vermisst“ steht da. Den Brief hat eine Mutter aus Groß Heins im Dezember 1944 an ihren 18-jährigen Sohn geschrieben. Der junge Soldat hat den Brief nie erhalten, er wurde zurück an die Absenderin geschickt. Was die Mutter ihm mitteilen wollte, weiß niemand. Die betreffenden Personen leben nicht mehr und die Mitglieder der Zeitgeschichtlichen Werkstatt im Kapitelhaus in Wittlohe (ZWiK), wo das Dokument aufbewahrt wird, haben es bisher nicht übers Herz gebracht, den Umschlag zu öffnen.

Dabei sind sie es gewohnt, mit zeitgeschichtlichen Dokumenten zu arbeiten. Es ist eine der Kernaufgaben, der sich die Ehrenamtlichen verschrieben haben. Zahlreiche Briefe, Postkarten und andere Aufzeichnungen haben sie bereits gesammelt, transkribiert, eingeordnet und aufgearbeitet, sodass die Inhalte nun der Öffentlichkeit zugänglich sind. Ziel ist es, heißt es im Flyer, der Heimatgeschichte ein Gesicht zu geben.

Das erste Gesicht, das der Besucher der Ausstellung im Kapitelhaus zu sehen bekommt, ist das von Willi Spöring. An einer Multimediastation erzählt der 92-Jährige aus Otersen in einem Video, wie er die Zeit von 1933 bis 1945 als junger Mensch erlebt hat. Interviewt wird er dabei von Harm Schmidt, einem der Ehrenamtlichen aus der Zeitgeschichtlichen Werkstatt. Schonungslos offen berichtet Spöring, wie er sich mit 17 Jahren begeistert freiwillig zur Wehrmacht meldete, sich 1944 der Elitedivision „Großdeutschland“ anschloss.

Doch die anfängliche Euphorie schlug schnell um, als er die grausame Realität des Krieges erlebte. „Wir hatten alle Angst. Soll keiner sagen, dass er im Krieg keine Angst hatte.“ Im Frühjahr 1945 wird er schwer verwundet und bekommt Heimaturlaub, um nach langer Zeit seine Eltern wiedersehen zu können. Doch die Freude währt nicht lange. Kaum daheim angekommen, wird er wegen seiner Ortskenntnis an die Aller-Front geschickt, um den Angriff der britischen Truppen bei Otersen abzuwehren...

Das alles erzählt Spöring auf Plattdeutsch. Jörn Meiners, der die Ausstellung besucht, kann den Ausführungen leicht folgen, denn er versteht die niederdeutsche Sprache gut. Er lebt seit vielen Jahren in Kiel, hat aber noch großes Interesse an seiner Verdener Heimat.

Viele Nachrichten in Sütterlin geschrieben

Als Nächstes wird er angezogen von einer Vitrine, die neben allerhand historischen Dokumenten auch ein metallenes Kochgeschirr eines Soldaten enthält, in das dieser seine verschiedenen Einsatzorte hineingestanzt hat. Auch eine Art Zeitdokument, weiß Harm Schmidt, der sich freut, dass immer wieder Bürger solcherlei Dinge dem Verein dauerhaft oder leihweise zur Verfügung stellen. Denn was für den einen aussieht wie alter Plunder, hat für die ehrenamtlichen Historiker oft unschätzbaren Wert.

So zum Beispiel eine ganz besondere Sammlung von Schriftstücken: Allein in der Zeit vom 1. Januar bis zum 17. April 1945 schreibt Maria Steinwede 24 Briefe an ihren Mann Wilhelm, der im Krieg ist. Die 74 in Sütterlin geschriebenen Seiten haben die ZWiK-Mitarbeiter transkribiert und aufgearbeitet. Die Wittloher Pastorengattin berichtet ihrem Mann, was in seinem Heimatort vor sich geht. Auf diese Weise lässt sich das örtliche Kriegsgeschehen gut nachvollziehen.

„Wir dokumentieren hier nur, wir interpretieren nicht“, sagt Harm Schmidt, der erklärt, dass gerade persönliche Briefe und Aufzeichnungen mit Vorsicht genossen werden müssten, weil sie eben subjektiv seien und der Wahrheitsgehalt oft nur schwer zu überprüfen sei. Die Angst vor Kriegszensur habe teilweise dazu geführt, dass sich der Absender sehr zurückgehalten habe.

Ob das wohl auch in dem Brief von Lilly Joost an ihren Sohn Alfred der Fall war? „Wir wissen es nicht“, sagt Harm Schmidt. Aber er kann berichten, wie das Dokument in die Hände der ZWiK geraten ist. Achim Hoops aus Luttum hat sich spezialisiert auf postalische Objekte, die etwas mit seiner Heimat zu tun haben. Auf einer Postkartenbörse in Hamburg wurde er fündig. Neben dem verschlossenen Brief entdeckte er noch mehr Karten und Briefe an den jungen Soldaten aus Groß Heins.

Aber warum öffnet niemand die letzte Nachricht der Mutter? „Wir haben da eine gewisse Scheu“, sagt Wilhelm Haase-Bruns aus dem ZWiK-Team. „Weil es ja etwas sehr Privates sein kann. Wir können die Beteiligten nicht mehr fragen, ob es für sie in Ordnung wäre.“ Irgendwann sei vielleicht der richtige Zeitpunkt, den Brief zu öffnen, das wolle man sich aber sehr genau überlegen. „Die Mutter muss große Trauer gefühlt haben, als der Brief ungeöffnet zu ihr zurückkam, mit dem Hinweis ,Vermisst’. Was immer sie ihm geschrieben hat, er konnte es nicht mehr lesen.“  rei

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