100 Jahre TSV Kirchlinteln / Zeitzeugen erinnern sich

Turnübungen in der Gastwirtschaft

Hilfestellung am Barren gibt hier Helmut Bentrup. Das Foto ist von 1948, aufgenommen während eines Sportfestes auf dem Mühlenplatz.
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Hilfestellung am Barren gibt hier Helmut Bentrup. Das Foto ist von 1948, aufgenommen während eines Sportfestes auf dem Mühlenplatz.

Kirchlinteln – Dieser Geburtstag sollte eigentlich groß gefeiert werden: Auf stolze 100 Jahre blickt der TSV Kirchlinteln zurück. Die Feierlichkeiten werden coronabedingt erst im kommenden Jahr stattfinden können. Grund genug für einen Rückblick auf die Vereinsgeschichte ist dieses Jubiläum aber allemal.

Der Erste Weltkrieg war im Gründungsjahr des TSV (damals noch MTV) ein gutes Jahr vorbei, und die Menschen wollten sich wieder erfreulicheren Dingen zuwenden. Da passte es ganz gut, dass ein Junglehrer aus der Nachbarstadt Verden nach Kirchlinteln kam. Er hieß Hermann Lackmann, wurde am 9. Oktober 1898 in Verden als Sohn des Sattlermeisters August Lackmann in der Brückstraße geboren. Lackmann besuchte in Verden von 1913 an die Präparande und das Lehrerseminar. Im Ersten Weltkrieg war er ab 1917 Soldat. Nach Kriegsende, bis Oktober 1919, befand er sich in britischer Gefangenschaft. Nach seiner Entlassung fand Lackmann eine Anstellung in der alten Kirchlintler Schule, die neben der Kirche stand.

Mit seiner Anstellung als Lehrer legte der mittlerweile 21-Jährige richtig los und engagierte sich im aufstrebenden Kirchlinteln. Dazu gehörte die Gründung des MTV, dessen Vorsitz er übernahm. Nur für eine kurze Zeit, denn im August 1920 wurde seine Stelle seitens der Landesbildungsbehörde durch den Lehrer Kurt Rennwanz besetzt. Dieser wurde damals nach Kriegsende von Polen aus dem sogenannten Weichselkorridor ausgewiesen und hatte als „Flüchtlingslehrer“ Anspruch auf die Stelle in Kirchlinteln. Junglehrer Lackmann musste sich fügen und bekam einen Arbeitsplatz in Meinershausen zugewiesen.

Der Sportplatz des TSV Kirchlinteln befand sich in den 1920er-Jahren an der alten Weitzmühlener Straße, am Osterberg. Die ersten Aktivitäten bestanden aus Geräteturnen und ab 1928 folgte Leichtathletik. Ab 1930 wurden auch weibliche Mitglieder aufgenommen. Aus der Gründungszeit gibt es leider keine Unterlagen, sodass erst zehn Jahre später, Anfang der 1930er-Jahre, zu lesen war, dass in Kirchlinteln mit dem Handballspiel begonnen wurde. Nicht, wie heute üblich, Hallenhandball, sondern Feldhandball. 1935 fanden erste Spiele statt: Gegen Scharnhorst und Intschede verloren die Kirchlintler jeweils knapp mit 2:3 Toren.

In dieser Zeit entwickelte sich der Verein mächtig: Es gab je eine Männer-, Frauen- und Jugendriege im Turnen. Wahrscheinlich trug wohl der Wechsel des Sportplatzstandortes zum Erfolg bei, denn der neue Platz befand sich in der Mitte der Ortschaft, auf dem Mühlenplatz. Politisch war diese Zeit geprägt durch den aufkommenden Nationalsozialismus, einer zwangsweisen Eingliederung des Vereins in den NS-Reichsbund für Leibesübung und einem Wechsel in der Vereinsführung des mittlerweile in Turnverein (TV) umbenannten MTV Kirchlinteln.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde wieder mit Geräteturnen, Gymnastik und Handballspiel begonnen. Für den Neuanfang sind besonders Käthe und Helmut Bentrup, Rudi Teuber und Edwin Krüger zu nennen. Die Schülermannschaft des TSV Kirchlinteln wurde Kreismeister. Walter Thies (84) erinnert sich: „Alle zehn Jahre habe ich was gewonnen: 1946 Schülermeisterschaft, 1956/57 Kreisligameister und 1966 Kreismeister mit den alten Herren und Pokalsieger im Großfeldhandball.“ Gespielt wurden zwei mal 30 Minuten mit elf Sportlern, und es durfte nicht ausgewechselt werden. „Für uns Jugendliche war es damals in den ersten Jahren nach dem Krieg eine trostlose Zeit. Um die Freizeit besser zu gestalten, wurde ich 1947 Mitglied im Turnverein und spielte als 15-Jähriger Handball“, notierte Hermann Bunke in seinen Erinnerungen. Es gab noch keine Turnhalle, darum fanden Geräteturnen und weitere Sportarten auf dem Saal des Lintler Krugs statt.

Bunke: „Ab 1950 spielte ich Tischtennis. Gastwirt Flottmeyer vom Lintler Krug stellte den Saal kostenlos zur Verfügung. Nur die Stromkosten von zwei Mark für einen Abend mussten vom Turnverein bezahlt werden. Nach einem Jahr wollte der Verein die Stromkosten (trotz unserer Mitgliedsbeiträge) nicht mehr bezahlen, mit der Begründung, nur Ausgaben und keine Einnahmen.“ Danach löste sich die Tischtennissparte auf.

Große Resonanz im „Handballdorf“

Eine Anekdote zum Turnen auf dem Saal des Lintler Krugs erzählt Dietmar Rettkowski, der fast 20 Jahre (1975 bis 1994) Vorsitzender des TSV war: „Die Bodenluke in der Decke wurde beim Turnen am Barren immer geöffnet, damit sich die Sportler während ihrer Übungen nicht an der nicht besonders hohen Decke verletzten.“

Die Leichtathletikabteilung des TSV hatte auf Kreisebene einen guten Namen. „Wir trainierten damals auf der Landesstraße in der Nähe des Mühlenplatzes“, erinnert sich Rettkowski. In den 1960er-Jahren begann die Bebauung des Mühlenplatzes. Der neue Sportplatz lag dann an der Schule. 1977 wurde eine Schulturnhalle gebaut, die auch vom TSV genutzt wurde. Im Laufe der Jahre kamen neue Sparten hinzu. Wie zum Beispiel wieder Tischtennis, Volleyball und Fußball. Im Frühjahr 1969 war es Alfred Burmeister und Hans-Jürgen Oelkers mit großem Engagement, viel Überzeugung und Haus-zu-Haus-Besuchen gelungen, dass auf der Jahreshauptversammlung eine Fußballabteilung ins Leben gerufen wurde. 25 Jahre später nahm zum ersten Mal eine Damenmannschaft aus dem „Handball-Dorf“ am Punktspielbetrieb teil. Tennis wurde ab 1981 als neue Sparte in den TSV integriert. Der Boris-Becker-Boom und Neubaugebiete sorgten für einen weiteren rasanten Anstieg der Mitgliederzahl.

Von rund 50 zahlenden Mitgliedern im Jahr 1950 nahmen 20 Jahre später bereits 170 Mitglieder die Angebote wahr. 1980 stieg die Mitgliederzahl auf 600 und 1987 konnte mit der Familie Möckel das 1000. Mitglied durch Rettkowski begrüßt werden. Wenige Jahre später – am 16. Mai 1992 – wurde das Vereinsheim am westlichen Dorfrand eingeweiht.

Handball war in all den Zeiten die dominierende Sportart. Viele Meisterschaften und Pokale wurden errungen. Franz Müller, seit mehr als 60 Jahren Mitglied im TSV, selbst Handballtorwart und langjähriger Spartenleiter, erinnert sich: „In Spitzenzeiten hatten wir 17 Handball spielende Mannschaften, darunter sechs Herrenmannschaften.“

Erwähnenswert sind auch die Fahrradwanderungen sowie die 1.-Mai-Wanderungen, die von Herbert Drewes und dem Ehepaar Gisela und Gerhard Worthmann ins Leben gerufen wurden. „Zeitweise hatten wir über 500 Teilnehmer“, erinnert sich Rettkowski. Aber auch viele Maskenbälle im Lintler Krug und Sommerfeste in der Gaststätte Meyer konnten als Ausdruck gesellschaftlicher und sozialer Nachholbedürfnisse bezeichnet werden.

Von Hermann Meyer

Die 1. Handballherren des TSV Kirchlinteln 1971 (von links, stehend): Jürgen Varrelmann, Walter Jäger, Joachim Müller, Artur Carstens, Dietmar Rettkowski, Horst Ermisch (kniend von links) Heinz Carstens, Rudolf Kettenburg, Franz Müller, Hermann Sauer und Rudi Düsterhöft. Repros: Hermann Meyer
Gründungsvater Hermann Lackmann: Der Junglehrer kam aus der Nachbarstadt Verden.

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