Raus aus der Abhängigkeit am Lintler Trockendock

Kirchlintler gründen Selbsthilfegruppe für Alkoholkranke

Zwei Männer stehen an einem Hauseingang mit Blumenschmuck, an der Außenwand steht ein Schild mit der Aufschrift „Gemeindehaus“.
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Gemeinsam geht vieles leichter, wissen Marco Diercks (l.) und Hendrik Ziegeler. Deswegen gründen die beiden das „Lintler Trockendock“ für Alkoholkranke, die sich untereinander in geschütztem Rahmen austauschen wollen.

Bisher gibt es noch keine offizielle Selbsthilfegruppe für Alkoholabhängige in der Gemeinde Kirchlinteln. Das wollen Marco Diercks und Hendrik Ziegeler ändern: Ihr „Lintler Trockendock“ startet am 26. April.

Kirchlinteln/Brunsbrock – So richtig „Klick“ gemacht hat es bei Hendrik, als er sich selbst beim Einkaufen beobachtet hat. „Wenn ich feststelle, dass ich regelmäßig die Supermärkte wechsle, oder jedes Mal zusätzlich etwas auf das Band lege, was ich eigentlich gar nicht brauche, nur damit niemand merkt, wie oft ich Alkohol kaufe ... Dann muss ich mir eingestehen: Hier läuft etwas gewaltig schief, ich habe ein Problem.“ Hendrik hat das erkannt, sich seiner Sucht gestellt, sich Hilfe geholt. Heute ist der Kirchlintler erleichtert, wenn er sagt: „Ich bin seit dem 25. August 2019 trocken.“ Bei seiner Therapie hat er Marco aus Bendingbostel kennengelernt. Jetzt wollen die beiden anderen Suchtkranken helfen, dauerhaft vom Alkohol loszukommen.

Offener Austausch über Erfahrungen

Wer seine Sucht bekämpfen möchte, hat heutzutage viele Möglichkeiten. Entgiftung, Reha, Therapie… Doch wer unter der Krankheit leidet, weiß: Damit ist das Problem noch nicht aus der Welt. Nach dem Entzug gilt es, den Alltag zu bewältigen, sich den eigenen Problemen zu stellen – und das nüchtern. Keine einfache Angelegenheit. Hilfe finden viele trockene Alkoholabhängige in Gesprächen mit anderen Betroffenen, zum Beispiel in Selbsthilfegruppen. Eine solche gründen Marco Diercks (45) und Hendrik Ziegeler (35) jetzt in der Gemeinde Kirchlinteln. Am „Lintler Trockendock“ können all diejenigen anlegen, die sich offen über ihre Erfahrungen austauschen wollen.

Ich habe festgestellt, dass ich gar nicht wusste, wie man nüchtern Musik macht.

Hendrik Ziegeler

Hendrik und Marco wissen genau, vor welchen Herausforderungen Betroffene stehen können, denn sie sind selbst noch gar nicht so lange „weg vom Stoff“. Alkohol, sagt Hendrik, sei wie eine weiche Decke, die man über seine Probleme lege. „Aber davon verschwinden sie nicht.“ Wenn man wieder nüchtern sei, seien sie wieder da. Das Leben nach der Sucht habe also seine ganz eigenen Herausforderungen. Hendrik erzählt, dass er Gitarrist in einer Rockband gewesen sei. Da habe der Alkohol kein Problem dargestellt, im Gegenteil. „Da fühlt man sich auf der Bühne cool und wie der Obermacker, im Grunde ist das natürlich nur Fassade.“ Und nach der Therapie dann: „Ich habe festgestellt, dass ich gar nicht wusste, wie man nüchtern Musik macht.“ Viele Alkoholkranke machen nach der Therapie ähnliche Erfahrungen. „In der Gruppe kann man sich darüber austauschen.“

Bei den Gesprächen muss es nicht zwingend um die Sucht gehen

Strategien gegen Stress und Suchtdruck seien weitere Themen. „Aber es muss auch gar nicht jedes Mal um Alkohol gehen“, sagt Marco. „Wir reden über alles, was die Teilnehmer seit dem letzten Treffen bewegt hat, das können auch Behördenprobleme sein oder Ärger zuhause.“ Manchmal helfe es schon, zu wissen, dass man nicht alleine sei mit seinen Problemen.

Die Offenheit im Umgang mit der Alkoholsucht, berichtet Marco, würde ihm dabei helfen, mit der Krankheit umzugehen. Er ist seit dem 11. Januar 2020 trocken. Und wenn ihm heute jemand einen Drink anbietet, antwortet er wahrheitsgemäß: „Danke, aber ich hab meinen Teil schon weg.“ Es sei für ihn leichter, den Mitmenschen offen zu sagen, dass er ein Problem mit Alkohol habe, als sich jedes Mal in Ausreden zu flüchten. „Die meisten Menschen wissen ja, dass das eine ernste Krankheit ist, aus der man nicht so einfach rauskommt“, sagt Marco. Er habe festgestellt, dass das Verständnis oft größer sei, als man erwarten würde.

Teilnehmer unterzeichnen Schweigepflichtserklärung

Offenheit – die soll auch in der neuen Gruppe auf der Tagesordnung stehen. Dabei ist aber klar: Jeder, der dabei sein möchte, muss eine Schweigepflichtserklärung unterschreiben. Nichts von dem, was die Teilnehmer in der Gruppe preisgeben, darf nach außen dringen. Es sei darüber hinaus eine „geschlossene“ Gruppe, was bedeutet, dass Spontanbesuche nicht möglich sind.

Besonders geeignet ist die Gruppe für alle Alkoholabhängigen, die sich in der Nachsorge befinden, also bereits trocken sind und im Miteinander Unterstützung suchen. Wer dagegen noch voll am Stoff hängt, für den sei das Angebot nicht das richtige. „Marco und ich sind keine Therapeuten und wir können den Menschen in dieser Situation eher nicht ausreichend helfen“, sagt Hendrik. „Aber sie dürfen sich trotzdem gerne bei uns melden, denn wir können sie beraten und an die richtigen Stellen vermitteln, denn wir haben alle Kontakte.“

Der erste Schritt raus aus der Abhängigkeit sei die Erkenntnis, dass man süchtig ist. Aber das reiche nicht: Die Bereitschaft, an sich und seinen Problemen zu arbeiten, gehöre auch dazu. Ein Satz, den Marco und Hendrik sich während ihrer Therapie eingeprägt haben, lautet: „Auf Veränderung zu hoffen, ohne selbst etwas dafür zu tun, ist wie an einem Bahnhof zu stehen und auf ein Schiff zu warten.“

Kontakt zum Trockendock

Die Treffen im Gemeindehaus Brunsbrock sind 14-tägig, immer montags. Start ist der 26. April. Eine Anmeldung für die Selbsthilfegruppe ist unbedingt erforderlich beim „Lintler Trockendock“ unter Telefon 0151/28302704 oder per E-Mail an lintler.trockendock@gmail.com. Willkommen sind alle Alkoholabhängigen, die sich miteinander austauschen wollen. „Mann, Frau, divers, egal“, sagt Hendrik. Auch das Alter spielt keine Rolle. Bei ihrem Vorhaben, eine Selbsthilfegruppe für Alkoholiker ins Leben zu rufen, werden Marco und Hendrik von der Fachstelle für Sucht und Suchtprävention unterstützt.

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