Peter Stelling stirbt an den Folgen von Covid-19-Erkrankung

Nachruf auf einen musikalischen Kirchlintler

So wird Peter Stelling vielen Menschen in Erinnerung bleiben: mit seiner Quetschkommode in den Händen. Hier spielt er vor dem Eichenhof ein Ständchen für seine Frau Maria. Ihre Zweisamkeit hat er während des Lockdowns besonders vermisst.
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So wird Peter Stelling vielen Menschen in Erinnerung bleiben: mit seiner Quetschkommode in den Händen. Hier spielt er vor dem Eichenhof ein Ständchen für seine Frau Maria. Ihre Zweisamkeit hat er während des Lockdowns besonders vermisst.

Kirchlinteln – Nun spielt er nicht mehr und seine Handharmonika ist verstummt. Darüber sind die Bewohner des Seniorenheims Eichenhof in Kirchlinteln sehr traurig. Peter Stelling, der musikalische Senior, der für sein ehrenamtliches Engagement von der Gemeinde Kirchlinteln ausgezeichnet wurde, starb am 1. Januar an den Folgen einer Covid-19-Infektion.

Seine Familie hat der VAZ einen Nachruf auf den Verstorbenen zur Verfügung gestellt. Und berichtet darin, dass sich am Ende für den sympathischen Senior noch einmal ein großer Wunsch erfüllte.

Peter Stelling wurde am 27. Mai 1927 als jüngstes von fünf Kindern in Ostendorf bei Bremervörde geboren. „Die ländliche Region mit ihrer moorigen Landschaft, den immer wiederkehrenden starken Überschwemmungen und der Kampf der Menschen hier mit den Elementen der Natur wird ihn zeitlebens prägen und seine Persönlichkeit formen“, heißt es im Nachruf der Familie.

Mit 13 Jahren beginnt Peter 1941, inmitten der Wirren des Zweiten Weltkrieges, eine Ausbildung zum Schriftsetzer. Mit 17 Jahren wird er in den Kriegsdienst eingezogen und an die Ostfront versetzt. Er erlebt das Blutvergießen auf beiden Seiten und den Verlust vieler Kameraden. „Diese Erinnerungen an die Unmenschlichkeit des Krieges fanden immer wieder Platz in seinen Erzählungen.“

Als Peter zurückkommt aus dem Krieg, sind zwei seiner älteren Brüder gefallen. Er soll den elterlichen Hof übernehmen und beginnt eine Ausbildung zum Landwirt an der Ackerbauschule in Bremerhaven. Er hat sich nun darauf eingestellt, seinen neuen Platz im Leben in der heimischen Landwirtschaft zu finden. Als dann doch nach Jahren sein ältester Bruder Hermann aus russischer Gefangenschaft heimkehrt, steht dem ursprünglichen Lebensentwurf von Peter nichts mehr im Wege und so kehrt er zurück zu seinem Beruf als Schriftsetzer bei der Bremervörder Zeitung.

Schon mit zwölf Jahren bekommt Peter eine Handharmonika geschenkt und bringt sich selbst das Musizieren bei. Auf einer Verlobungsfeier, auf der er als Musiker für Unterhaltung sorgt, verliebt er sich in seine zukünftige Frau Maria Saul aus Iselersheim. „Und so fällt es an diesem Abend auf, dass der eingeladene Musiker plötzlich verschwunden ist. Auf der Suche nach Musik und Musiker entdeckt man Maria und Peter in trauter Zweisamkeit hinter dem warmen Ofen, abseits vom Geschehen“, erzählt die Familie diese romantische Anekdote.

Am 17. Oktober 1952 heiraten Peter und Maria und ziehen in ihr neu gebautes Häuschen in Bremervörde. 1955 und 1962 werden ihre Töchter Marion und Petra geboren. Peter beginnt seine Tätigkeit im Außendienst des Verlages. Er berichtet als Mitarbeiter der Redaktion über lokale Ereignisse und bleibt selbst im Rentenalter als Korrektor dem Zeitungsverlag treu. Es sind glückliche Jahre, Peter und Maria pflegen gute Kontakte zur Nachbarschaft, Familie und einem großen Freundeskreis. „Peter ist auf Feiern mit seiner Quetschkommode ein gern gesehener Gast und mit seiner humorvollen Art bereichert er jede Geburtstagsrunde.“

Von ihren beiden Töchtern bekommen Peter und Maria sechs Enkelkinder geschenkt. 1986 erfüllt sich für Peter ein langersehnter Lebenstraum, als er sich mit einem entscheidenden Treffer zum Schützenkönig von Bremervörde schießt.

„Aber wie das Leben so spielt, ist das Glück nicht immer ein verlässlicher Partner. Oft können wir das Leid nicht vermeiden und das Glück nicht festhalten“, schreibt seine Familie in dem berührenden Nachruf. Als es Maria gesundheitlich schlechter geht, übernimmt er ihre Aufgaben im Haushalt und betreut sie liebevoll. Im Jahr 2015 entscheiden sich beide, zu ihren Töchtern nach Kirchlinteln zu ziehen. Sie verkaufen ihr Zuhause, Maria zieht in das Seniorenheim Eichenhof in Kirchlinteln und Peter zu seiner ältesten Tochter Marion nach Bendingbostel, die in der Nähe seiner Tochter Petra wohnt.

Täglich fährt Peter mit dem Auto nach Kirchlinteln, um Maria zu besuchen. Die Nachmittage verbringen sie zu zweit. Samstagnachmittags spielt er Woche für Woche im Seniorenheim für eine Gruppe von Musikfreunden auf seiner Quetschkommode.

2018 wird er für sein ehrenamtliches Engagement von der Gemeinde Kirchlinteln auf einer Feier geehrt. Ein letztes Mal steht er im Rampenlicht und spielt seine Musik in einem größeren Kreis.

Als die Corona Pandemie Anfang 2020 das gesamte Land lähmt und Peter seine Maria nicht mehr besuchen kann, wird im Rückblick auf diese Jahre deutlich, wie wertvoll diese Zeit für beide war. Die Corona-Pandemie stellt Peter und Maria vor neue Herausforderungen. Ihre Begegnungen reduzieren sich nun auf einen wöchentlichen Besuch von Peter, an dem er draußen vor der Dielentür seine musikalischen Darbietungen zur Freude aller Zuhörer präsentiert.

An Marias 90. Geburtstag, im Juli 2020, spielt Peter ihr zu Ehren vor den Toren des Heims. Es ist ein bewegender Nachmittag, fast die ganze Familie hat sich versammelt, um Lieder zu singen und mit Peter zu musizieren. In Marias Geburtstagskarte schreibt er, dass es sein sehnlichster Wunsch sei, sie noch einmal berühren zu dürfen.

Im November erkrankt Peter an Covid 19, als es ihm immer schlechter geht, muss er im Krankenhaus medizinisch versorgt werden. Er verbringt zweieinhalb Wochen alleine und isoliert auf der Corona-Station, Besuche sind nicht möglich und die Einsamkeit setzt ihm sehr zu. Peter überwindet die Krankheit, ausgezehrt und kraftlos kann er das Krankenhaus verlassen und zur Kurzzeitpflege zu Maria in den Eichenhof ziehen, denn inzwischen sind seine Tochter Marion und ihr Mann Berthold ebenfalls an Covid 19 erkrankt. Peters sehnlichster Wunsch, noch einmal Maria sehen und berühren zu können wird ihm erfüllt, eine kurze Zeit dürfen sie zusammen sein.

Am 1. Januar, in den frühen Morgenstunden, schließt sich in aller Stille Peters Lebenskreis. „Er ist so gegangen, wie er gelebt hat, und wie wir ihn alle in Erinnerung behalten werden: Als einen treu sorgenden Ehemann, Vater, Großvater, Freund und Kollegen, als ein Mensch, der wusste, dass es nach jedem Scheitern einen Neuanfang gibt, dass das Leben durch alle Widerstände hindurch weiter geht und kostbar ist, und dass das Wichtigste im Leben die Liebe ist.“

Bei einem Dankeschön-Konzert für das Pflegepersonal des Hauses Eichenhof während des ersten Lockdowns wird Peter Stelling von seinen Töchtern Marion (links) und Petra unterstützt.

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