Von Panzerwracks, Kartoffeldiebstählen und Bückware

Buch über Kirchlintler Nachkriegsjahre veröffentlicht

Zwei Frauen und ein Mann sitzen auf einer Bank im Grünen und blättern in einem Buch.
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Stellen das Buch vor, an dem insgesamt 20 Autoren und Zeitzeugen beteiligt waren: Dr. Monika Schwarz, Renate Hogrefe-Müller und Wilhelm Hogrefe (v.l.).

Nachkriegszeit: Was kommt einem dabei in den Sinn? Trümmer, Hunger, Flüchtlinge? Sicher, aber Menschen, die in diesen Jahren in der Region aufgewachsen sind, erinnern sich an so viel mehr: an Kartoffeltransporte unter Polizeischutz zum Beispiel, an verlassene Panzer im Wald, an Lebensmittelmarken und Fußball auf Sandplätzen. An harte Arbeit, starke Frauen und große Herausforderungen.

Kirchlinteln – Wie die Jahre vom Kriegsende bis zum Anfang der 60er-Jahre in Deutschland und besonders in der Gemeinde Kirchlinteln aussahen und wie die politischen Entscheidungen der Alliierten das Leben der Menschen vor Ort geprägt haben, stellt das Buch „Unsere Heimat in der Nachkriegszeit“ dar, das Wilhelm Hogrefe aus Luttum jetzt mit Unterstützung zahlreicher Zeitzeugen und Autoren herausgibt.

Wilhelm Hogrefe fand mehrere hundert Feldpostbriefe seines Vaters

Hogrefe, selbst Jahrgang 1949, der sich seit vielen Jahren für Heimatkunde interessiert und sich auch politisch für Erinnerungskultur im Landkreis engagiert, trägt die Idee für ein solches Buch noch gar nicht so lange mit sich herum. „Die Hauptarbeiten dafür liefen erst in diesem Frühjahr“, berichtet der Luttumer, der in den Wintermonaten viel geforscht hat. „Im Nachlass meiner Mutter fanden wir mehrere hundert Feldpostbriefe und Briefkarten aus der Gefangenschaft, geschrieben von meinem Vater und seinem Bruder. Die Inhalte gehen sehr zu Herzen.“ Aus der Familie seiner Frau Renate Hogrefe-Müller weckten Dokumente über die Geschichte ihres Hofes sein Interesse: Buchführungsunterlagen, Steuerbescheide und weitere Dokumente eines Zeitraums, der sich über fast 200 Jahre erstreckt. Die Nahrungserzeugung in den Jahren nach dem Krieg ist zudem ein persönliches Steckenpferd für den Landwirt.

Zeitzeugenberichte wechseln sich mit Kapiteln über politische Zusammenhänge ab

In dem Buch wechseln sich Berichte über damalige politische Zusammenhänge mit Zeitzeugenberichten ab. Insgesamt 20 Autoren leisteten Beiträge. Anneliese Müller erinnert sich zum Beispiel an ihre traumatische Flucht aus Ostpreußen, die in der Gemeinde Kirchlinteln endlich ein Ende fand. Erika Jacobs aus Weitzmühlen erzählt für das Buch, wie sie einen jungen Mann heiratete, der aus Schlesien geflohen war. Hansi Müller aus Weitzmühlen erinnert sich, wie er und sein Kumpel Herbert als Kinder ein Panzerwrack in einem Birkenwäldchen bei Kirchlinteln auseinandernahmen, weil sie scharf auf die Einzelteile waren.

Helmut Meyer berichtet, wie der neue Luttumer Bürgermeister nach dem Einmarsch der britischen Truppen ernannt wurde: Heinrich Elfers sei im April 1945 auf der Dorfstraße unterwegs gewesen, als ein britischer Jeep neben ihm hielt. Die Soldaten hätten nach seiner Parteizugehörigkeit gefragt und, als seine Englisch sprechende Tochter diese verneinte, gesagt: „Now you are the mayor!“ Wer danach zum ersten frei gewählten Gemeinderat gehörte und vor welchen Herausforderungen die Lokalpolitiker damals standen, berichtet Meyer ebenfalls.

Themen von Flucht über Landwirtschaft bis hin zu Pferdezucht

Wie die Situation für Frauen nach dem Krieg war, dazu recherchierte Dr. Monika Schwarz, die unter anderem Rosa Hellwinkel (geboren 1929) interviewte, die in der Nachkriegszeit gemeinsam mit ihrem Mann eine Gaststätte in Luttum betrieb.

Interessant auch die Aufzeichnungen von Ingeborg Lange, geborene Krancke, aus Kirchlinteln, die informiert, wie es damals im Kolonialwarenladen ihrer Eltern aussah und erklärt, woher der Ausdruck „Bückware“ kommt. Dr. Klaus Tietje hat ein umfangreiches Kapitel zur Entwicklung der Jagd nach 1945 geschrieben, Rainer Kiel befasste sich intensiv mit der Pferdezucht in der Gemeinde Kirchlinteln.

Grundlagen für die heutige Demokratie gelegt

So geht es in dem 204 Seiten starken Werk um verschiedenste Themen aus der Sicht von ganz unterschiedlichen Menschen. Es gehe um eine Generation, die damals „erstaunliche und sehr beachtenswerte Leistungen vollbracht“ habe, findet Hogrefe. „Sie haben unser zerstörtes Land wieder aufgebaut. Mit der Hilfe kluger britischer Besatzungsoffiziere haben sie die Grundlagen für unsere stabile Demokratie gelegt, für das erste deutsche Wirtschaftswunder und für unseren sozialen Rechtsstaat.“

Hogrefe weiß, dass er nicht der erste Hobbyhistoriker ist, der die Idee hatte, über diese Zeit zu recherchieren. „Dieses Buch versteht sich als weiterer Beitrag zur Erinnerung an die Nachkriegszeit. Willi Bunke und viele ehrenamtliche Heimatforscher haben in den Ortschroniken ihrer Dörfer dieser Zeit große Aufmerksamkeit gewidmet. Es lohnt sich, ihre Berichte in den Chroniken nachzulesen.“

Das Buch erscheint in einer Auflage von 1 000 Stück. Wenn das Interesse an dem Druckwerk groß genug sei, könne sich Hogrefe vorstellen, auch noch einen zweiten Band rauszubringen. „Wir haben ja noch längst nicht alle Aspekte verarbeitet. Ich habe beinahe noch ein Dutzend weitere Themen im Kopf.“ Spontan falle ihm die Landjugend ein, die bisher noch gar keine Erwähnung gefunden habe. „Dabei gibt es hier in der Gegend unzählige Ehen, wie meine eigene, die durch die Landjugend entstanden sind“, so der Luttumer schmunzelnd.

Viele Verkaufsstellen

Das 204-Seiten starke Buch kostet 24 Euro und ist erhältlich in der Buchhaltung Mahnke; Lintler Laden in Bendingbostel; Dorfladen Otersen; Wolff in Neddenaverbergen; bei den Tankstellen in Hohenaverbergen und Kirchlinteln sowie bei den Ortsvorsteherinnen: Ingrid Müller, Schafwinkel; Chatarina Luttmann, Groß Heins; Helma Rippe, Holtum; Karin Wiedemann, Brammer-Kreepen, und beim Ortsvorsteher Hermann Ramme, Armsen.

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