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„Ich wollte es einfach wissen“

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Von: Heinrich Kracke

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Mann im Laufdress.
Zuversicht pur vor dem Start: Wilfried Müller im Pulk der 16 000 beim Halbmarathon in Hannover. © Sabine Müller

Kirchlintelner Wilfried Müller läuft sieben Monate nach Schlaganfall einen Halbmarathon.

Kirchlinteln – Doch, das muss er einräumen, die letzten Kilometer fielen ihm schwer, der letzte besonders. „Ich habe mich sehr erschöpft gefühlt“, sagt der Kirchlintelner Wilfried Müller. Aber dann tauchte das Neue Rathaus vor ihm auf, nur noch ein paar Meter, dann war es geschafft. Und eine Mutmachergeschichte der etwas anderen Art war geboren. Nur sieben Monate nach einem Schlaganfall absolvierte Müller einen Halbmarathon. „Ich hab’s gemacht, ich hab’s geschafft.“ Das waren die ersten Gedanken, die ihm nach den 21 Kilometern durch den Kopf schossen. „Ein Supergefühl.“

Und ein wichtiger Schritt nach diesem Vorfall, der den inzwischen 73-Jährigen aus der Bahn geworfen hatte. „Ein Schlag aus heiterem Himmel“, beschreibt er die Vorfälle vom 18. August vergangenen Jahres. Er könne sich nur bedanken. Bei seiner Ehefrau Sabine, die so schnell reagiert hatte, als er zusammengebrochen sei, wie er es beschreibt, beim Notarzt, der so schnell eingetroffen sei, bei Ärzten und Pflegern im Krankenhaus, die so schnell die Operation einleiteten. Seine Stimme stockt ein wenig. „Sie alle haben maßgeblich dazu beigetragen, dass ich meinen zweiten Geburtstag feiern durfte.“

Eine Herzoperation habe er durchführen lassen, die Ursache des Schlaganfalls habe beseitigt werden müssen, im Oktober war das. „Aber danach habe ich mich irgendwie besser gefühlt.“ Also begann er über eine Leidenschaft nachzudenken, die ihn nicht erst mit der Teilnahme am Halbmarathon vorvergangenes Wochenende in Hannover ereilte. „Seit fast 20 Jahren befinde ich mich im Lauftraining.“ Er hat sogar schon Halbmarathons absolviert, er ist auch die königlichen 42,195 Kilometer gelaufen, die Marathonstrecke, er war schon in Hannover, in Berlin, in Bremerhaven. Alles erfolgreich. Beim Lindhooplauf sozusagen vor der eigenen Haustür gilt er in seiner Altersklasse als Seriensieger. Alles aber eben auch vor dem Schlaganfall.

„Ich hab’s einfach mal wieder mit dem Laufen probiert“, sagt er, und schmunzelt. Und so ging es hinaus, mochte das Wetter im Dezember sein, wie es wollte, oder im Januar. Drei- bis viermal die Woche, mal über fünf Kilometer, mal über zehn. Manchmal auch auf dem Rennrad. Wilfried Müller zog seine Bahnen fast wie damals. Nur, dass er sozusagen ein Netz in seine Bemühungen eingebaut hat und einen doppelten Boden. „Ich hab auf meine innere Stimme gehört“, sagt er, „wie fühle ich mich im Moment?“ Das war die entscheidende Frage, die ihn auf den Strecken begleitete.

Er kontrollierte laufend die Herzfrequenz, neuer Technik am Handgelenk sei Dank. „Ich war einigermaßen überrascht. Früher ging der Puls höher, jetzt fiel er konstanter aus.“

Aber deshalb gleich einen Halbmarathon wagen? Gewarnt habe ihn niemand, sagt er, nicht die Ärzte, nicht das häusliche Umfeld. Wäre vielleicht auch sinnlos gewesen. Wer ihn kennt, der weiß, was er sich in den Kopf setzt, das wird auch gemacht. Bestärkt hat ihn allerdings auch niemand. „Nein, ich stand vor der Entscheidung, mache ich es, oder lasse ich es. Ich allein.“

Irgendeine innere Stimme mahnte ihn zur Vorsicht. Muss das sein nur sieben Monate nach dem Schlaganfall? Eine nächste Stimme meldete sich. Wenn du das schaffst, dann bist du einen nächsten Schritt in Richtung zurück ins Leben gegangen, Pardon: gelaufen. Dann hast du dir selbst wichtige Fragen beantwortet, die du dir den Rest deines Lebens stellen würdest. Oder einfacher, wie er es formuliert: „Ich wollte es einfach wissen.“

Für sich wissen, nicht für andere, die vielleicht einen ähnlichen Schicksalsschlag erlitten hatten. Nicht nach einer Mutmacherrolle stand ihm der Sinn, nicht Vorbild sein für andere, es ging um ihn und um die Herausforderung in einer schwierigen Konstellation. Am Ende hielt er das Ergebnis schwarz auf weiß in seiner Urkunde in Händen. In zwei Stunden und zwölf Minuten absolvierte er die 21 Kilometer, als elfter unter 70 Teilnehmern bei den Ü-70 kam er ins Ziel.

Und das nach einer Hängepartie. „Die letzten Kilometer waren ein schwerer Kampf des Kopfes gegen die Beine.“ Die Beine, die ihm signalisierten, hör auf; der Kopf, der forderte, mach weiter.

Ob er ans Aufgeben gedacht habe? Auf den Metern, als der Halbmarathon nicht enden wollte? „Nein, das war kein Thema.“ Er sagt es mit fester Stimme. Als stünde viel mehr auf dem Spiel als nur eine Urkunde, als ginge es um eine wichtige Bestätigung, eine Art Plazet für kommende Pläne. „Ein unglaubliches Glücksgefühl, das mich im Ziel überkam.“

Ganz am Ziel ist er noch nicht. Das Laufen mag eine seiner Leidenschaften sein, das Fliegen, sagt er, ist „mein Leben“. Noch haben ihm Flugmediziner nicht fit „geschrieben“. Ihn, den Fluglehrer, den Prüfer bei Fluglizenzen, den Beauftragten der Landesluftfahrtbehörde. Noch nicht. Aber er arbeite daran. Aufgeben komme jedenfalls nicht in Frage.

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