Judith Wieters präsentiert Gedenktafel für bei einem Fliegerangriff getötete Frauen

„Es passierte ganz in unserer Nähe“

Enthüllung einer  Gedenktafel mit den Zeitzeugen.
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Enthüllung der Gedenktafel mit den Zeitzeugen Ursula Bergmann (l.) und Jürgen Clasen (r.) sowie Judith Wieters, Rebecca Landwehr und Zoé Blank (v.r.).

Neddenaverbergen – Es war nach den Schilderungen von Zeitzeugen ein schöner Wintertag im Februar 1945, als bei einem Tieffliegerangriff auf die zwischen Verden und Stemmen verkehrende Kleinbahn, knapp einen Kilometer vor dem Bahnhof Neddenaverbergen, zwei Frauen getötet und weitere Fahrgäste teils schwer verletzt wurden. Die Namen der beiden getöteten Frauen waren bis vor Kurzem noch unbekannt, die Erinnerungen der Überlebenden aber blieben. Nach mehr als 76 Jahren wurde den beiden Frauen mit einer Gedenktafel auf dem Bahnhofsgelände wieder Name und Würde gegeben. Judith Wieters, deren Freiwilliges Soziales Jahr in der St. Jakobi-Kirchengemeinde jetzt endet, hatte sich dieses Themas angenommen.

18-jährige Judith Wieters arbeitet Geschichte auf

„Mir hat es sehr viel bedeutet, diese Recherchen machen zu dürfen, wobei die Arbeit im Archiv schon spannend war, aber noch mehr haben mich die persönlichen Gespräche mit den Zeitzeugen berührt.“ So schildert die 18-Jährige aus Armsen ihre Empfindungen bei der Arbeit an einer Ehrentafel, die jetzt auf dem Bahnhofsgelände in Neddenaverbergen enthüllt wurde.

Die Tafel ist zum Einen eine Erinnerung an die beiden Frauen, die im Februar 1945 bei dem besagten Fliegerangriff starben, aber gleichzeitig an die Fahrgäste, die teils schwerstverletzt dieses unselige Ereignis überlebten. „Berührend war es für mich außerdem, wie diese Erfahrungen und Schicksalsschläge das Leben der Menschen prägten und noch immer belasten.“

Beide Frauen starben bei einer alltäglichen Zugfahrt in den Kriegsjahren, ihre Namen wusste niemand

Warum Wieters sich dem Thema angenommen hat? „Der erste Grund war, dass beide Frauen bei einer alltäglichen Zugfahrt in den Kriegsjahren starben, ihre Namen wusste niemand – nur der vormalige Wohnort Hamburg war bekannt – und auch ihr Tod wurde einfach vergessen.“ Während an gefallene Kriegsteilnehmer regelmäßig erinnert und gedacht werde, würden Opfer in der Zivilbevölkerung eines Krieges dagegen oft vergessen, das wolle sie ändern. „Der zweite Grund war, es passierte ganz in unserer Nähe.“

„Regionalgeschichtliches Forschen ist manchmal wie ein Puzzle, von dem manche Puzzleteile nicht mehr auffindbar sind“, schilderte Pastor Timme die recht schwierige Recherche, in erster Linie die Namen der beiden getöteten und bisher namenlosen Frauen ausfindig zu machen. Ein Brief der Frau des damaligen Pastors Steinwede, in dem sie über dieses Ereignis berichtete, gab erste Hinweise. Es waren zwei Hamburgerinnen, Irma Hein und Anna Stender, die dem Inferno in Hamburg entkommen waren und in Otersen einquartiert wurden. Dass sie im ländlichen Umfeld bei einem Angriff aus der Luft getötet wurden, ist eine ganz besondere Tragik.

Regionalgeschichtliches Forschen ist manchmal wie ein Puzzle7

Etwa 80 jüngere und ältere Einwohner aus Neddenaverbergen und der Umgebung fanden sich zur Feierstunde und der Einweihung der Gedenktafel ein. Sie wurden Zeuge, wie die beiden 1945 getöteten Hamburgerinnen Irma Hein und Anna Stender ihren Namen und etwas Würde zurückerhielten.

Judith Wieters fand es wichtig, die Jugend bei der Forschung mitzunehmen und zu informieren, denn „Geschichte geschieht nicht nur überall in der Welt, sondern wird auch immer vor Ort, also quasi vor der eigenen Haustür geschrieben.“ Im Grunde war es ein Trio, das sich mit der Gestaltung der Tafel und den Recherchen beschäftigt hatte, denn die Konfirmandinnen Zoé Blank und Rebecca Landwehr aus Otersen halfen mit.

Informationen zum Geschehen lieferte Jürgen Clasen aus Hiddestorf, der als Elfjähriger bei dem Fliegerangriff schwer verletzt wurde. Als weitere Zeitzeugin berichtete Ursula Bergmann über die Situation ausgebombter Familien in Hamburg. Die heute über 90-Jährige war 1943 nach Nedden gekommen und geblieben.

Als Elfjähriger bei dem Fliegerangriff schwer verletzt

Ein weiterer Zeitzeuge war aus Harsefeld angereist, der zum Abschluss der Feierstunde die Ereignisse schilderte. Noch ganz genau erinnerte sich der 82-jährige Hans Warncke an diesen 14. Februar 1945, an dem seine Mutter schwer verletzt wurde: „Damals sechs Jahre alt, wartete ich mit meinem zwei Jahre jüngeren Bruder auf die Rückkehr unserer Mutter, die wie so oft zum Einkauf mit dem Zug nach Verden gefahren war.“ Bis heute erinnert er sich noch daran, dass er bei der Wartezeit einige Flugzeuge ziemlich weit oben am Himmel kreisen sah.

Sie litt bis ans Lebensende an ihren Verletzungen

Zwischenzeitlich im Luftschutzbunker untergekommen, sah er seine schwer verletzte und aus mehreren Wunden blutende Mutter nebst weiteren verletzten Fahrgästen auf einfachen Tragen liegen. Sie wurden provisorisch ärztlich versorgt, später wurde sie mit einer Schubkarre in ihre Wohnung gebracht. „Es dauerte einige Zeit, bis sie einigermaßen genesen war, aber sie litt bis ans Lebensende an ihren Verletzungen“, so Warncke.

„Dankbar bin ich dafür, dass die Recherche dazu beitragen konnte, einen Teil der vor Ort geschehenen Geschichte in Erinnerung zu rufen und zu dokumentieren“, äußerte sich die Abiturientin stolz. Neben den beiden Konfirmandinnen sowie Jürgen Clasen und Ursula Bergmann zählen auch noch Pastor Wilhelm Timme und Harm Schmidt von der Zeitgeschichtlichen Werkstatt im Kapitelhaus zu Wittlohe zu den Helfern bei dem Projekt. Für das Layout der Tafel sorgte Rolf Thoenelt und das Holzgestell fertigte Helmut Dreyer, Tischlermeister aus Armsen. Musikalisch wurde die Feierstunde von Marleen Westermann (Saxophon) umrahmt.

Das Schicksal von Menschen nicht vergessen, nur weil ihr Tod schon so lange zurückliegt

Bürgermeister Wolfgang Rodewald freute sich über den guten Besuch der Feierstunde, zu der etwa 80 Einwohner aus der Region gekommen waren. Er würdigte es, dass gerade junge Menschen sich des Themas angenommen hätten und so Brücken zwischen den Generationen bauten. Ortsvorsteher Uwe Panten fand es ermutigend, dass das Schicksal von Menschen nicht vergessen werde, nur weil ihr Tod schon so lange zurückliege.

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