MIT DEM NABU UNTERWEGS / Streng geschützte Amphibien laichen in Sehlingen

Kirchlinteln-Sehlingen: Wo Molch und Moorfrosch Kinder kriegen

Laichen? Am Liebsten an den Gustav-Welge-Teichen, findet nicht nur der Kammmolch.
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Laichen? Am Liebsten an den Gustav-Welge-Teichen, findet nicht nur der Kammmolch.

Sehlingen – Was liegt denn da zwischen Glockenheide und Ginster? Eindeutig Kot, aber von welchem Tier? Könnte er von einem Waschbären stammen? Sylke Bischoff und Heinrich Lühmann zücken rasch ihre Handys und machen ein paar Fotos von dem Haufen. Sie wollen recherchieren, zu welchem Tier die Hinterlassenschaften gehören. Die beiden Naturschützer sind heute in der Sehlinger Heide unterwegs, einem der wertvollsten Amphibien-Biotope im Landkreis Verden, das sich im Besitz des Nabu befindet.

Einige streng geschützte Arten leben hier – der Waschbär gehört allerdings nicht dazu.

In Besitz des Nabu seit dem Jahr 2000

„Früher gehörte das Gelände zu den Munitionsbunkern von holländischen Streitkräften“, sagt Lühmann und weist in eine Richtung jenseits der Waldgrenze. „Die Bunker wurden dann von einer landwirtschaftlichen Lagergemeinschaft gekauft.“ Für das angrenzende Gelände hätten sich die Naturschützer bereits seit 1997 interessiert. „Bis Mitte 2000 hat es dann aber gedauert, bis der Nabu den Zuschlag bekommen hat“, weiß Bischoff. Schon früh sei eindeutig gewesen, dass es sich aus naturschutzfachlicher Sicht um ein ausgesprochen wertvolles Gebiet handele: Im Fachjargon heiße das Biotop „Zwergstrauchheide, Sumpf und naturnahe Kleingewässer“ und sei nach § 30 des Bundesnaturschutzgesetzes geschützt. Das Herzstück der circa 2,5 Hektar großen Heidefläche: die Gustav-Welge-Tümpel.

Arten von Kammmolch bis Moorfrosch

Hier laichen Jahr für Jahr gefährdete Amphibienarten. „Die wichtigsten sind wohl die Kreuzkröte, der Kammmolch und der Moorfrosch“, berichtet Bischoff. „Sie kommen aus ihren Überwinterungsgebieten hierher – und viele müssen dafür die Straße queren.“ Sie zeigt auf einen Amphibienschutzzaun. Dank des Einsatzes einiger Ehrenamtlicher würden in dieser Jahreszeit jeden Morgen zahlreiche Individuen an den Zäunen eingesammelt und sicher über die Straße gebracht. Wie Bischoff berichtet, habe der seit Jahrzehnten konsequent durchgeführte Amphibien-Taxi-Service noch einen weiteren wichtigen Nebeneffekt: „Die Tiere werden ja nicht nur eingesammelt, sondern auch die Art bestimmt und die Individuen gezählt. Seit 2007 werden die Amphibienbestände dokumentiert und die Daten an die Untere Naturschutzbehörde weitergegeben. Dadurch ergibt sich ein guter Überblick über die Bestände der einzelnen Arten, welche sich ausbreitet, welche rückläufig ist und ob die Teiche wieder ausgebaggert werden müssen.“

Der Wasserstand dürfte ruhig noch etwas höher sein, finden Heinrich Lühmann und Sylke Bischoff vom Nabu.

Nabu: Ohne Pflege funktioniert es nicht

Würde der Nabu das Gelände nicht konsequent pflegen – die Teiche wären wahrscheinlich längst verlandet. „Das ist ja eigentlich der natürliche Lauf der Dinge. Die Landschaft verändert sich und damit auch die Lebensräume.“ Nur durch die Pflege naturnaher Biotope werde zahlreichen Arten der dringend benötigte Rückzugsraum in der Kulturlandschaft erhalten.

„Amphibien haben verschiedene Ansprüche an ihren Lebensraum: fischfreie, eher flache Gewässer, einen Sommerlebensraum und Überwinterungsmöglichkeiten. Nur dann kann sich eine Art wohlfühlen und sich vermehren. Damit sich eine Population stabil entwickeln und vernetzen kann, müssten solche Biotope eigentlich alle ein bis zwei Kilometer vorhanden sein, da die meisten Amphibien nur kurze Strecken zurücklegen“, erklärt Bischoff. „Das ist der Mangel in unserer Zeit, da Deutschland dicht besiedelt ist und die Landschaft überwiegend intensiv genutzt wird“, erklärt Bischoff die Problematik, die zu einem Rückgang der Amphibien führt. Deswegen habe sich der Nabu Kirchlinteln auf die Fahnen geschrieben, das für die Fortpflanzung von Kröte und Co so wichtige Gebiet nach Kräften zu erhalten.

Der Moorfrosch ist streng geschützt. In der Sehlinger Heide findet er noch einen Lebensraum.

Heinrich Lühmann, der die Gustav-Welge-Teiche seit drei Jahren betreut, zeigt sich zufrieden mit der Entwicklung. Konsequentes Entkusseln, also das Entfernen von jungen Bäumen, habe in der Vergangenheit viel gebracht. In den trockenen Bereichen wächst wieder vermehrt Heide, tiefer im Gelände, wo das Wasser bis zu den Knöcheln reicht, finden die Naturschützer auch Torfmoos. Bischoff freut sich sichtlich, dass das Gebiet in einem relativ guten Zustand ist.

Nabu: Hoffnung auf ein nasses Frühjahr 2021

Die letzten Wochen waren vergleichsweise nass, sodass die Teiche ausreichend mit Wasser gefüllt sind. Durch die Verdunstung in trockenen Frühjahren kann es in den flachen Teichen zu erheblichen Problemen kommen. „Es war, glaube ich, 2018, da war es recht dramatisch“, erzählt Lühmann. Da sei wegen der warmen Witterung zunächst eine mit mehr als 3000 Tieren rekordverdächtige Anzahl Amphibien zu den Tümpel gewandert, um dort zu laichen. „Aber dann wurde es immer wärmer und es gab gar keine Niederschläge mehr.“ Die Tümpel wurden immer kleiner und kleiner – und der Laich war noch nicht weit genug entwickelt.

Aber in diesem Jahr sieht es bislang ganz gut aus für Molch und Co in der Sehlinger Heide. Lediglich die Hinterlassenschaften, die vielleicht auf einen Waschbären hindeuten, haben den beiden engagierten Naturschützern beim heutigen Spaziergang nicht so gut gefallen. Der Allesfresser stelle nämlich durchaus eine Gefahr für die Amphibien dar.

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