Klitzekleine Träne im Knopfloch

Bürgermeister Wolfgang Rodewald bereitet sich auf den Ruhestand vor

Ein Mann sitzt am Schreibtisch. Aktenberge liegen um ihn herum.
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Noch türmen sich Akten auf seinem Schreibtisch, im Herbst will Bürgermeister Wolfgang Rodewald sein Büro aufgeräumt und frisch gestrichen an seine Nachfolgerin oder seinen Nachfolger übergeben.

Kirchlinteln – „In Frieden, mit einer klitzekleinen Träne im Knopfloch“ bereitet sich Kirchlintelns Bürgermeister Wolfgang Rodewald langsam gedanklich auf seinen Ruhestand vor. „Ich bin 69 Jahre alt, da kann man schon mal aufhören, finde ich. Besser man geht, als dass man davongejagt wird“, sagt der Bendingbosteler, der seit 2006 Verwaltungschef ist, schmunzelnd. Im November wird seine Nachfolgerin beziehungsweise sein Nachfolger die Amtsgeschäfte übernehmen.

„Mitte Oktober verlasse ich das Rathaus, dann habe ich noch Resturlaub zu nehmen. So bleibt genug Zeit, das Büro streichen zu lassen, damit die neue Bürgermeisterin, der neue Bürgermeister einen frischen Start hat“, sagt Rodewald. Aber noch türmen sich Akten auf seinem Schreibtisch, außerdem ein altes Kuscheltier seiner mittlerweile erwachsenen Tochter Luisa. An der Wand, seinem Tisch gegenüber, hängen, neben einem großen Foto der Partnergemeinde Letovice, Kinderzeichnungen. Rodewald lächelt. Die kleine Luisa ist heute Ärztin und der Papa mächtig stolz.

Herzensprojekt Verbindung zum Finkenberg

Aber heute soll es um die Arbeit gehen. Seine erste Amtszeit sei von einem großen Herzensprojekt geprägt gewesen, erzählt der parteilose Rodewald von der Verbindungsstraße von Weitzmühlen zum Verdener Finkenberg. „Dass die Gemeinde mit ihrem Plan damals nicht weiter kam, lag mir quer im Magen.“ Das größte Problem sei die Flächenverfügbarkeit gewesen. „Da waren viele persönliche Gespräche zu führen, da habe ich stundenlang auf den Sofas der Eigentümer gesessen.“ Noch heute erinnere er sich jedes Mal daran, wenn er auf der Straße fahre, welch ein Kraftakt nötig war, um sie zu realisieren.

Viel Einsatz habe ihm auch die Realisierung des neuen Edekas in Kirchlinteln abverlangt. „Das war teilweise sehr unschön, weil es da auch persönlich wurde.“ Zeitweise habe er damals, wenn er nach Feierabend zu seinem Auto gegangen sei, schon geschaut, ob auf dem Parkplatz nicht jemand auf ihn warte. „Das waren dann die weniger guten Momente.“ Stress mit der Politik dagegen, der habe ihm nicht wehgetan. „Wenn sich einzelne Ratsmitglieder ausleben, sogar juristisch gegen einen vorgehen, das hat es ja hier gegeben – dann verletzt mich das nicht, das schärft nur meine Sinne. Aber es kostet eben viel Zeit und Kraft.“

Hoffen auf den Bahnhalt

Was Rodewald außerdem etliche Wochenenden gekostet habe, sei die Planungsvergabe für den Bahnhalt Kirchlinteln gewesen. „Da musste ich mich richtig reinfuchsen.“ Dass sich die Realisierung jetzt in die Länge ziehe, enttäusche ihn. „Ich hatte ja gehofft, ich würde die Einweihung noch als Bürgermeister erleben. Dann hieß es irgendwann, Fertigstellung sei Dezember 2024 – schade. Jetzt heißt es: 2026. Mittlerweile hoffe ich, dass ich die Einweihung überhaupt miterlebe“, sagt der Verwaltungschef.

Schöne Momente seiner Amtszeit seien vor allem Begegnungen mit engagierten Menschen gewesen. „Das fing schon mit dem Abriss des Glaspalastes an. Die Ehrenamtlichen, die sich damals ins Zeug gelegt haben, haben mich sehr beeindruckt. Ich freue mich noch heute jedesmal, wenn ich einen von ihnen treffe.“ Viele großartige Menschen habe er außerdem in den Reihen der Feuerwehr kennengelernt. „Da war ja zum Beispiel der Vorabend meiner Wiederwahl 2014, als uns nach einem Starkregenereignis fast das Rathaus abgesoffen wäre.“ Ohne den großen Einsatz der Feuerwehrleute hätte die Wahl am nächsten Tag vielleicht gar nicht stattfinden können. „So etwas vergisst man natürlich nicht.“

Freundschaften mit Partnern in Letovice

Echte Freundschaften seien aus der Partnerschaft mit der tschechischen Partnergemeinde Letovice entstanden – und er und seine Frau Sabine führen mittlerweile auch gerne für den privaten Urlaub nach Tschechien. „Unsere liebste Gegend ist das Elbsandsteingebirge, wir gehen da wandern. Ich fühle mich in den Bergen besonders wohl, denn da wird man im Kopf ein wenig zurechtgerückt, da weiß man, wie klein man ist.“

Stolz auf „Kunst,Kultur,Kirchlinteln“

Apropos klein: Oft seien es die vermeintlich kleineren Errungenschaften, die ihn heute froh machten, erzählt Rodewald. Wie die Querungshilfe am Ortsausgang Richtung Visselhövede oder die Einrichtung des Ruheforstes Kirchlinteln. Als Mitglied im Entscheidungsgremium für die Leader-Regionen Hohe Heide und Aller-Leine-Tal habe er sich auch über kleine Projekte gefreut, „wenn zum Beispiel jemand sein Reetdach machen lassen wollte oder es um eine neue Friedhofsmauer ging.“ Auch, dass er es war, der damals zu der Veranstaltung eingeladen hatte, aus der sich „Kunst, Kultur, Kirchlinteln“ entwickelt hat, mache ihn stolz. Er selbst sei ein Riesenfan des Festivals, vermisse jetzt in der Pandemie besonders die legendären Partys in der Mosterei.

Rodewald hinterlässt eine modernisierte Verwaltung; die Umstrukturierung, die vor einigen Jahren „mit Bordmitteln“ vollzogen wurde, habe sich ausgezahlt. „Wir haben uns breiter aufgestellt und ich kann ich mit gutem Gewissen sagen, dass hier ein hervorragend funktionierendes Team arbeitet. Das ist wohl die einzige, klitzekleine Träne, die ich bei meinem Abschied im Knopfloch haben werde: Dass ich mich von so superguten Leuten verabschieden muss.“

Was ist eigentlich dran an dem Gerücht, dass er ein Workaholic sei? „Wissen Sie, wir sind ein kleines Rathaus, 30 Mitarbeiter, davon viele in Teilzeit. Wenn sie dann mal Personalausfälle haben, aber weiter oben mitspielen wollen, dann muss die Arbeit irgendwie fertig werden. Ich bin halt der Typ, der macht es dann selbst. Einfach weil es mir immer wichtig war, dass wir weiter kommen.“ Dabei habe er sich aber immer eng mit seinen Amtsleitungen abgestimmt. „Ich glaube, dass das unser gutes Verhältnis ausmacht, dass man da keine Ein-Mann-Show draus macht.“ Natürlich müsse man als Hauptverwaltungsbeamter viel arbeiten, und ja, natürlich auch mal am Wochenende. „Die Leute müssen merken, dass man das ernst meint. Das muss man leben, das ist nicht einfach ein Job.

Umdenken bei Entwicklung von Baugebieten

Die wichtigste Herausforderung für seine Nachfolgerin oder seinen Nachfolger sei, laut Rodewald, schlicht „dafür zu sorgen, dass die Menschen weiterhin gerne in der Gemeinde leben. Dazu gehört auch die Entwicklung von Baugebieten.“ Da müsse aber ein Umdenken kommen. „Wir dürfen nicht mehr so viel Fläche verbrauchen, sondern auch den Menschen etwas bieten, die eben kein riesiges Einfamilienhaus mit 800 Quadratmetern Garten haben wollen.“ Das seien nicht nur junge Menschen, sondern auch Senioren. „An die müssen wir denken. Deswegen bedauere ich es sehr, dass wir es nicht geschafft haben, eine Tagespflege nach Kirchlinteln zu holen.“

Um attraktiv zu bleiben, sei es wichtig, die Breitbandversorgung auszubauen. „Dass das ein Riesenthema ist, haben wir spätestens im Lockdown gemerkt. Ich saß selbst eine Weile in Bendingbostel im Homeoffice und habe angesichts der Bandbreite mehr als einmal gedacht: ,Das darf doch jetzt nicht wahr sein‘.“

Auch müsse sich die Verwaltung digital neu aufstellen, dem Bürger einen besseren Online-Service bieten. „Da spielt, glaube ich, in den nächsten Jahren die Musik.“

Seinem nächsten Lebensabschnitt blickt Rodewald mit Zuversicht entgegen. „Meine Frau hat mich in den vergangenen Jahren sehr unterstützt, ich möchte ihr jetzt unbedingt etwas zurückgeben. Wir werden zusammen Sport machen, die eine oder andere Reise unternehmen.“ Er freue sich darauf, mal wieder handwerklich an Haus und Garten tätig zu werden. Das erste Projekt steht schon: „Ich baue uns ein neues Gewächshaus.“

Einen Wunsch für seinen Ruhestand hat er noch: „Ich träume davon, mit meiner Frau zusammen nach Bremen ins Theater zu fahren. Mit dem Zug von Kirchlinteln aus.“

Von Reike Raczkowski

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