„Manche bedanken sich nach einer Fahrt sogar“

Mehr als nur ein Transportmittel: Kirchlintler Bürgerbusfahrer erzählen von ihrer Arbeit

Delfried Buse, Ilsemarie Bischoff, Renate Meyer, Erwin Joost und Rüdiger Klinge (v.l.), fünf von 19 Bürgerbusfahrern, berichten von ihrem Ehrenamt. - Fotos: Raczkowski
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Delfried Buse, Ilsemarie Bischoff, Renate Meyer, Erwin Joost und Rüdiger Klinge (v.l.), fünf von 19 Bürgerbusfahrern, berichten von ihrem Ehrenamt.

Kirchlinteln - „Als meine Enkelkinder noch kleiner waren, haben sie allen ganz stolz erzählt, dass ihre Oma den Bürgerbus fährt“, berichtet Renate Meyer und lächelt. Die 65-jährige Kirchlintlerin engagiert sich mittlerweile bereits seit sieben Jahren ehrenamtlich im Verein. Gemeinsam mit anderen Bürgerbusfahrern erzählt sie, was ihr an dieser Arbeit so gut gefällt, was sie während einer Schicht erlebt und warum noch mehr Menschen dieses Mobilitätsangebot in der Gemeinde Kirchlinteln unterstützen sollten.

„Als ich angefangen habe, steckte der Verein in der Krise. Ich wollte dabei helfen, das Projekt zu retten, weil es mich von Anfang an fasziniert hat.“ Sie habe früher mal zehn Jahre in Kreepen gewohnt, ohne Auto. „Da kam ich überhaupt nicht weg. Ich wäre froh gewesen, wenn es damals schon so ein Angebot gegeben hätte.“ Ihre erste Probefahrt im Bürgerbus habe sie noch mit dem ehemaligen Vorsitzenden Adolf Rademacher absolviert. „Viele sagten zu mir: Dass du dieses große Ding fährst – ich würde mich das nie trauen.“ Aber für sie habe sich das Lenken des Bürgerbusses von Anfang an gut und richtig angefühlt.

Delfried Buse, 64 Jahre, aus Kirchlinteln, ist noch nicht ganz so lange dabei. Im März hat er angefangen. „Mir ging es vor allem darum, dass ich in der Rente noch etwas für die Allgemeinheit tun wollte.“ Sein Kollege Erwin Joost, 67 Jahre, aus Hohenaverbergen, stimmt ihm zu. „Ich wollte noch etwas Sinnvolles machen – und nicht in ein tiefes Loch fallen.“ Und so habe er sich für dieses verantwortungsvolle Ehrenamt entschieden.

Verantwortung getragen hat Ilsemarie Bischoff, ehemalige Fachbereichsleiterin in der Kirchlintler Verwaltung, Jahrzehnte lang. „Warum also aufhören?“, fragt die 62-Jährige, die seit Kurzem in Rente ist. Sie habe schon lange gewusst, dass sie den Bürgerbus fahren will, wenn sie irgendwann aufhört, zu arbeiten. Sie sieht das ganz pragmatisch: „Die Bürger haben mich 40 Jahre lang bezahlt. Jetzt möchte ich etwas zurückgeben.“

Fahrerin Renate Meyer zeigt die Technik im Bürgerbus.

„Früher“, berichtet der Vorsitzende des Vereins, Rüdiger Klinge (76), „ist vieles schlecht geredet worden.“ Der Bus sei immer leer durch die Gegend gefahren, habe es geheißen. Das sei so nie wahr gewesen, auch wenn es stimme, dass die Fahrgastzahlen erst in den vergangenen Jahren so richtig in die Höhe geschossen seien. Das liege in seinen Augen vor allem daran, dass der zweite Vorsitzende, Peter Ziehm, so ein hervorragender „Linienmacher“ sei. „Er hat sich immer viele Gedanken gemacht und alles immer wieder so angepasst, wie die Leute das brauchten.“

Auch sei es eine gute Entscheidung gewesen, die Schülerbeförderung nicht abzulehnen. „Wir arbeiten nach dem Prinzip: Der Bürgerbus ist für alle da.“ Die Schüler hätten heute mehr Nachmittagsunterricht als früher und nutzten deswegen gerne das Bürgerbusangebot.

Zum anderen seien auch Flüchtlinge regelmäßig unter den Fahrgästen, weil diese oft von ihren Unterkünften in den entlegenen Dörfern nach Verden zu den Behörden müssten. „Als sie ganz neu hier waren, haben sie anfangs oft nicht einmal gewusst, wie die Bushaltestelle heißt, an der sie aussteigen müssen“, berichtet Klinge. Aber die Fahrer hätten da immer gern geholfen. Und so habe der Bürgerbus auch einen kleinen Teil zur Integration auf den Dörfern beigetragen.

„Es ist immer schön, zu sehen, wie die Jüngeren oder die Flüchtlinge den älteren Fahrgästen helfen, zum Beispiel, wenn sie Rollatoren haben“, erzählt Renate Meyer. Sie freue sich, wenn sich die Menschen im Bus unterhielten und untereinander Kontakte knüpften. „Viele der Stammgäste kennen wir mit Namen.“ Und fast alle Bürgerbusfahrer kennen diesen einen Fahrgast, der immer nach Bendingbostel fährt und seine Gitarre dabei hat. Manche hatten schon das Glück, etwas vorgespielt bekommen zu haben während der Fahrt.

Erwin Joost berichtet, dass er sich immer freue, wenn er am Steuer sitzt und ihn Fahrer der Linienbusse grüßen. „Die erkennen unsere Arbeit an, das ist wie eine kleine Gemeinschaft“, stimmt Rüdiger Klinge zu.

Fahrer Delfried Buse montiert einen Kindersitz. Der Bürgerbus ist für alle da, ob Senior oder Kleinkind.

Das Schönste sei aber, wenn die Bürger, vor allem Kinder, winken, wenn sie den kleinen Bus sehen, berichtet Renate Meyer. Der Bürgerbus sei für viele eben mehr als nur ein Transportmittel. „Manche bedanken sich sogar für die Fahrt nach Hause bei uns, besonders bei den Lumpensammlertouren.“ So solle sie die letzte Fahrt des Tages eigentlich nicht nennen, aber es rutscht ihr manchmal raus. „Wenn wir die Leute, die ganz weit draußen wohnen, bei Regen und Dunkelheit bis fast vor die Haustür fahren, dann sind sie schon froh, dass es uns gibt, das merkt man.“

Die Fahrer berichten von einer älteren Dame aus Heins. Die erzählte, dass sie oft von Bekannten angesprochen werde, wenn sie an der Bürgerbushaltestelle stehe. Die böten ihr dann an, sie mitzunehmen. „Aber sie lehne das dann immer ab, weil sie den Bürgerbus unterstützen wolle.“ Sie habe Angst, dass sonst das Angebot abgeschafft werden würde, auf das sie so angewiesen ist.

Negativ empfinden die Fahrer manchmal das Verhalten anderer Verkehrsteilnehmer. Es sei unvorstellbar, in welchen Situationen – im Dunkeln, vor Kurven und bei schlechten Witterungsverhältnissen – der Bus überholt werde. Auch die Regel, dass Autofahrer an Haltestellen einen blinkenden Bus vorlassen müssen, hätten viele Verkehrsteilnehmer anscheinend nicht verinnerlicht.

„Es ist schon so, dass man als Busfahrer eine Menge Verantwortung trägt“, sagt Renate Meyer. „Ich bin zum Beispiel bei diesem wirklich schlimmen Sturm letztes Jahr gefahren. Da sind die Bäume abgeknickt und auf die Straße gefallen. Ich denke heute, dass ich vielleicht besser nicht gefahren wäre. Aber die Alternative wäre gewesen, die Menschen stehen zu lassen – bei dem Wetter. Das kam für mich dann auch nicht Frage.“

„Man muss sich als Busfahrer schon sehr konzentrieren“, berichtet Klinge. Ihm sei nach sieben Jahren als ehrenamtlicher Fahrer aufgefallen, dass er mittlerweile auch privat deutlich regelkonformer fahre als früher. Erwin Joost stimmt ihm zu: Er achte jetzt mehr auf Regeln und Schilder als früher. „Man entwickelt da eine ganz andere Fahrdisziplin“, so Klinge.

Er findet es schade, dass der Bürgerbusverein nicht als gemeinnützig anerkannt werden kann. „Obwohl wir alle ehrenamtlich tätig sind.“ Das liege daran, dass der Verein von Allerbus abhängig sei, einem wirtschaftlichen Unternehmen. „Das ist der Grund, warum wir keine Spendenquittungen ausstellen können.“

Im Moment sei der Verein sehr gut mit ehrenamtlichen Fahrern ausgestattet. „Das war früher mal anders, also ist das eine tolle Entwicklung“, so der Vorsitzende. Allerdings wäre es schön, so sagt er, wenn mehr Menschen dem Verein beitreten würden, um ihn mit einem Jahresbeitrag zu unterstützen. „Irgendwann ist man vielleicht mal selbst auf den Bürgerbus angewiesen.“ Deswegen sei es wichtig, dabei zu helfen, das Angebot aufrecht zu erhalten.

Nächstes Jahr, so berichtet Klinge, stehe dem Verein ein freudiges Ereignis ins Haus. „Wir feiern Zehnjähriges“, sagt er und freut sich sichtlich, dass das früher oft verspottete Projekt heute nicht mehr aus der Gemeinde wegzudenken ist. - rei

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