Bericht eines Kirchlintlers aus Singapur / „Sommerurlaub in der Heimat fällt wohl flach“

„Lockdown heißt hier Circuit Breaker“

Als alles noch gut war: Familie Richter in den Gardens by the Bay. FotoS: Röttjer

Kirchlinteln/Singapur - Von Harald Röttjer. „Wer konnte vor einem guten halben Jahr schon ahnen, dass sich die Welt durch den Coronarvirus so komplett ändert. Wir sitzen in Singapur in einem fremden Land in unserer Wohnung, die wir seit einigen Wochen nur zum Einkauf, zu sportlicher Betätigung oder zu kurzen Spaziergängen verlassen können.“

So kommentiert Jan Richter aus Kirchlinteln die aktuelle Situation der fünfköpfigen Familie, die seit Ende des vergangenen Jahres in dem globalen Finanzzentrum lebt. Der bei der Norddeutschen Landesbank beschäftigte Richter hatte Ende 2018 von seinem Arbeitgeber das Angebot erhalten, für drei Jahre die Stelle des Revisors für die Region Asia/Pacific der Nord/LB in Singapur zu übernehmen. Nach reiflicher Überlegung entschied sich das Ehepaar dafür, für sich und die drei Kinder die einmalige Chance zu nutzen, für drei Jahre eine neue Kultur und eine ganz andere Region der Welt kennenzulernen.

„Als wir Ende des Jahres 2019 ins Flugzeug gestiegen sind, hatte zu dem Zeitpunkt kaum jemand vom Covid-19-Virus gehört oder sich auch nur vorstellen können, wie schnell und grundlegend sich die Welt ändern kann“, so der Bankkaufmann. Er nahm seine Arbeit in der Bank in Angriff. Der mit sieben Jahren älteste Sohn wurde in der Internationalen Deutschen Schule eingeschult, den vierjährigen Sohn meldeten die Eltern im der Schule angeschlossenen Kindergarten an. Ehefrau Svenja kümmerte sich um das Mitte vergangenen Jahres geborene dritte Kind und richtete die Wohnung gemütlich ein.

Aber schon nach wenigen Wochen gab es die ersten Einschränkungen, während im überwiegenden Teil der Welt nur die Virologen ahnten, was auf die Menschen zukommt. „Am letzten Januarwochenende setzte die Regierung das lokale Krisenlevel von gelb auf orange“, berichtet Richter. „Und seitdem arbeiten wir schon in getrennten Teams“. Eine weitere, noch gültige Maßnahme ist es zum Beispiel, beim Betreten von öffentlichen Bürogebäuden die Temperatur zu messen. Außerdem standen überall Spender mit Handdesinfektionsmitteln zur Verfügung, die viel genutzt wurden.

Für die Kinder galt es, morgens vor Schulbeginn die Temperatur zu messen und beim Einsteigen in den Schulbus die Hände zu desinfizieren. In der Schule wurde dann bei jedem erneut Fieber gemessen. Ansonsten lief das Leben nach den Eindrücken von Richter noch ziemlich normal weiter: „Es gab zwar Einreisebeschränkungen, zum Beispiel hätten wir nach einer Ausreise nicht wieder in das Land zurückkehren dürfen.“ Die Fallzahlen hätten sich in einem geringen Rahmen gehalten und Singapur sei für sein Management der Pandemie gelobt worden.

Dank der modernen Kommunikation erlebten die Familien und Freunde in der Heimat aus erster Hand von den Maßnahmen zur Eindämmung des Virus. Aber auch das Ehepaar erfuhr durch diesen regelmäßigen Kontakt sowie durch die Nachrichten der auch in Singapur zu empfangenen Sender aus Deutschland von der Entwicklung in der Heimat. So auch von den rasant steigenden Fallzahlen des Coronavirus, die schon bald zu massiven Einschränkungen führten und das tägliche Leben „auf den Kopf stellten“.

Als höchstentwickelter Staat in Südostasien hatte das wohlhabende Singapur während der Corona-Oandemie zunächst wie ein Musterland dagestanden. Schnell bekam die Regierung des Stadtstaates von der Größe Hamburgs die Ausbreitung des Virus unter Kontrolle. Aber auch dort verschärften sich die Maßnahmen. Jan Richter arbeitet mittlerweile nur noch im Homeoffice. Ende März zog die Regierung die Osterferien um eine Woche vor, und vorsichtshalber haben die Kinder haben alle nötigen Materialien mit nach Hause bekommen. Wie sich sehr schnell zeigen sollte, zu Recht.

Anfang April habe sich die Situation deutlich verschlechtert, nachdem noch im März die Zahl der Infizierungen durch Heimkehrer eher moderat gewesen sei, erläutert Richter. Dieser rasante Anstieg der Fälle sei auf ausländische Arbeiter aus dem Billiglohnsektor zurückzuführen, die hier größtenteils in Mehrbettzimmern mit Gemeinschaftsküchen und sanitären Anlagen für zig Menschen auf äußerst beengten Raum in noch höflich ausgedrückt sehr bescheidenen Verhältnissen leben. Unter diesen Arbeitsmigranten, geschätzt mehrere Hunderttausend aus der Region, habe sich das Virus schnell verbreitet. Bemerkenswert sei, dass es bisher bei knapp 20 000 Infizierten insgesamt erst zu 18 Todesfällen gekommen sei.

„Seit nunmehr Anfang April ist das tägliche Leben sehr stark von den Anfang April in Kraft getreten Maßnahmen des Circuit Breaker, wie hier der Lockdown genannt wird, beeinflusst“, schildert Richter die Situation: Maskenpflicht beim Verlassen der Wohnung für alle ab dem Alter von zwei Jahren. Öffentliche Einrichtungen, wie Spielplätze oder Grünflächen, Parkbänke, aber auch Einrichtungen in den Wohnanlagen, wie Pools und Spielplätze, seien gesperrt.

Geöffnet sind nur Lebensmittelmärkte und andere sogenannte „essential services“, bemerkt Richter. Hier seien nur die zur Aufrechterhaltung des Geschäftsbetriebes absolut notwendigen Mitarbeiter im Büro (immer mit Maske und unter Wahrung der Abstandsregeln) erlaubt. Der Rest arbeite von zu Hause.

Als sehr, sehr gut bezeichnet Richter das „home based learning“ der Gess (German European School Singapore) wie die deutsche Schule in Singapur heißt. Die Kinder erhielten jeden Morgen über ihr Schul-iPad ein kurzes Video des Klassenlehrers oder es finde ein kurzer Videocall mit der ganzen Klasse statt. Dann gebe es für jeden Tag einen Lernplan für Deutsch, Mathe und Sachkunde. Am Ende des Tages bestätigten die Eltern die Erledigung der Aufgaben. Es gebe immer zeitnah ein Feedback der Lehrer.

Im virtuellen Kindergarten würden tagtäglich verschiedene freiwillige Anregungen bereitgestellt und die Kinder seien mit ihren Betreuern verbunden: „Sie lesen eine Geschichte vor oder es wird gesungen oder gemalt und gebastelt. Außerdem gibt es Bewegungsspiele und Musik“, freuen sich die Eltern über das Angebot.

Erste Anzeichen für eine Lockerung gebe es auch in Singapur: So öffneten bald die Friseure und es gebe erste Andeutungen, wie das Hochfahren der Wirtschaft laufen könne. Familie Richter bereut trotz Corona nicht, den Schritt zu einem Wechsel gewagt zu haben. Nach der Pandemie werde noch Gelegenheit bestehen, die Region kennenzulernen.

Den für den Sommer gebuchten Urlaub in Kirchlinteln könnten sie sich wohl abschminken. Was fehle, seien Familie, Freunde und der eigene Garten. Aber auch die Feuerwehr – hier ist Jan Richter zurzeit „beurlaubtes aktives Mitglied“. Auch gebe es eine gewisse Sehnsucht nach gutem deutschen Brot und Brötchen von Wöbse und Rotermund: „Eigenes Brot backen wir übrigens nach Rezepten aus der VAZ“, so Richter abschließend.

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