Lehringer Stoßlanze sorgt bis in die heutige Zeit für Diskussionen

Eine unendliche Geschichte

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Urzeitliche Szenerie im Domherrenhaus mit Speer.

Lehringen - Wutschnaubend bahnt sich der tonnenschwere Koloss seinen Weg durch die Baumsavanne, verfolgt von todesmutigen Jägern mit Stoßspeeren. Geschwächt durch die Wunden, die ihm von den einfachen Waffen beifügt wurden und erschöpft von der Jagd, watet er in eine moorige Kuhle, um seine Wunden zu kühlen und stirbt. So ähnlich könnte es wohl gewesen sein, als vor etwa 120000 Jahren die Gruppe den etwa 45 Jahre alten Waldelefanten jagte. Bis in die heutige Zeit sorgt die Geschichte immer wieder für Diskussionen.

Im März des Jahres 1948 wurde bei Abbauarbeiten in einer Mergelgrube, in der Nähe von Lehringen, einem Ortsteil von Neddenaverbergen, das fast vollständig erhaltene Gerippe des später als Waldelefanten erkannten Tieres geborgen. Bei den vom Verdener Rektor Alexander Rosenbrock geleiteten Ausgrabungsarbeiten wurde im Skelett noch eine vollständig erhaltene Stoßlanze entdeckt. Gut erhaltene Werkzeugteile aus Feuerstein deuteten darauf hin, dass an dieser Stelle der Koloss zerlegt wurde.

Diese Funde waren für die Archäologie eine Besonderheit, mit der sich ein für die damalige Zeit ungewöhnliches Jagdgeschehen rekonstruieren ließ: Die steinzeitlichen Jäger wagten sich hautnah an den mehr als vier Meter hohen Koloss heran und brachten ihm mit aus Eibenholz gefertigten Stoßlanzen die tödlichen Verletzungen bei. „Nicht die Jagd mit Lanzen auf Elefanten selbst war die Sensation – das taten Menschen schon lange vorher – sondern dass es eine Neandertal-Gruppe war, die in der Eem-Zeit, also der letzten Warmzeit zwischen den letzten Eiszeiten, Jagdwaffen führte und damit so viele technische und soziale Fertigkeiten bewies“, erklärt der Leiter des Domherrenhauses in Verden, Dr. Björn Emigholz. „Bis zur Entdeckung des Speeres hatte man noch geglaubt, der Neandertaler sei so etwas wie ein besserer Affe gewesen.“

Neuerliche Bewegung ist in die Diskussion um die Bedeutung des Speeres mit der Entdeckung eines etwa 300000 Jahre alten Waldelefanten-Skeletts bei Schöningen, nahe Helmstedt, gekommen. Emigholz winkt ab: „Es bleibt dabei, dass der Lehringer Fund weiter als einmalig gilt.“ Die Bedeutung der Schöninger Funde könne noch nicht abschließend beurteilt werden, da die Auswertung noch ausstehe. Allerdings stammt die bislang dort nachgewiesene Menschenart offensichtlich aus einer ganz anderen, früheren Epoche. Das unterstreiche sogar die Singularität der Lehringer Lanze eher noch, so Emigholz. Der Speer gelte nach wie vor als eines der ältesten Holzartefakte weltweit.

Sein Fund hatte bis Mitte der 50er-Jahre eine „Provinzposse“ befeuert, über die 1955 sogar der „Spiegel“ berichtete. Während Rektor Rosenbrock den Fund für das Verdener Heimatmuseum beanspruchte, wollte das Landesmuseum in Hannover das Artefakt in seinen Räumen sehen. Ein siebenjähriger erbitterter Konflikt um die Lanze von Lehringen wurde schließlich für Verden entschieden.

Auch knapp 70 Jahre danach stießen die „Lehringer Funde“ immer noch auf ein großes Interesse der Besucher und der Wissenschaft, so Emigholz. Außerdem sei diese urzeitliche Szenerie ein wichtiger Bestandteil der museumspädagogischen Arbeit.

Zurzeit ist dort nur eine Replik der Waffe zu sehen, das Original ist an das Landesmuseum ausgeliehen worden. Seit Anfang Oktober läuft dort eine Ausstellung zur Frühgeschichte der Menschheit. Der Speer spiele dabei eine zentrale Rolle.

Einen ähnlichen Streit über die Rückgabe wie vor 60 Jahren befürchtet Emigholz nicht: „Wir haben uns gut abgesichert“, so Emigholz schmunzelnd.

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