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Ministerin Otte-Kinast hört in Kirchlinteln Kritik an neuer EU-Agrarpolitik

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Von: Katrin Preuß

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„Dreiergepsann“ mit Barbara Otte-Kinast: Imker Heinrich Kersten, Jäger Jürgen Luttmann und Landwirt Frederik von Bremen (v.r.) erklären der Ministerin ihr Blühfeld-Projekt, das sie durch die neue EU-Agrarpolitik gefährdet sehen.
„Dreiergepsann“ mit Barbara Otte-Kinast: Imker Heinrich Kersten, Jäger Jürgen Luttmann und Landwirt Frederik von Bremen (v.r.) erklären der Ministerin ihr Blühfeld-Projekt, das sie durch die neue EU-Agrarpolitik gefährdet sehen. © Preuß

Landwirte betrachten die neue Gemeinsame Agrarpolitik mit Sorge. Bei einem Besuch in Kirchlinteln hörte sich Niedersachsens Landwirtschaftsministerin Barbara Otte-Kinast die Befürchtungen an.

Kirchlinteln – Zum 1. Januar 2023 soll die neue Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) der Europäischen Union beginnen. Damit tritt in Deutschland die sogenannte Selbstbegrünungspflicht in Kraft. Landwirte mit mehr als 15 Hektar Acker müssen danach vier Prozent ihrer Agrarflächen brachliegen lassen, also stilllegen. „Das ist der absolute Tod der Blühstreifen“, prophezeite Jürgen Luttmann, Vorsitzender der Kreisjägerschaft, der niedersächsischen Landwirtschaftsministerin Barbara Otte-Kinast.

Die Christdemokratin war auf Einladung der Bienenfreunde Verden nach Kirchlinteln-Huxhall gereist. Dort, auf dem Hof der Familie von Bremen, arbeiten als selbsternanntes „Dreiergespann“ Imker, die Jägerschaft mit ihrem Blühstreifen-Programm und Landwirte, allen voran Frederik von Bremen, an einem umfangreichen Blühfeld-Projekt.

Otte-Kinast zeigte sich beeindruckt von dem, was Frederik von Bremen, Jürgen Luttmann und Imker Heinrich Kersten mit Unterstützung des Bienenkundlers Prof. Dr. Werner von der Ohe präsentierten. Das waren vor allem eingesäte Felder und Randstreifen, nicht mehr in voller Blüte, aber noch immer voller Leben.

Unerwünscht: Heinrich Kersten mit dem „Platzräuber“ Ampfer.
Unerwünscht: Heinrich Kersten mit dem „Platzräuber“ Ampfer. © Preuss

Ministerin macht Fotos für die Amtskollegen

Spontan zückte die Ministerin ihr Handy, machte Fotos von blühenden, von Bienen und Schmetterlingen umschwirrten Phazelien und kündigte an, diese in die „Minister-WhatsApp-Gruppe“ zu schicken. „Wenn das hier alle sehen könnten“, so die Ministerin mit Blick auf ihre Amtskollegen, würden diese vielleicht anders über die deutsche Strategie in Sachen GAP 2023 entscheiden.

Den Beteiligten am Blühfeld-Projekt mochte Barbara Otte-Kinast aber keine Hoffnung machen, dass sich die Selbstbegrünungpflicht noch abwenden lässt. „Wir finden die Mehrheiten dafür nicht“, sagte die Ministerin.

Keine Mittel für Landkreis Verden als Modellregion

Auch die von Jürgen Luttmann vorgetragene Bitte, dann doch wenigstens den Landkreis Verden zur Modellregion zu erheben, „damit wir an unserem Projekt weiterarbeiten können“, beschied Otte-Kinast erst einmal abschlägig. Dafür stünden im Landeshaushalt keine Mittel bereit. Sie kündigte jedoch an, in Sachen Förderung an Wissenschaftsminister Björn Thümler heranzutreten, da die Bienenfreunde ihr Projekt schließlich wissenschaftlich durch Werner von der Ohe begleiten lassen.

Bienenkundler und Biologe Prof. Dr. Werner von der Ohe begleitet das Blühfeld-Projekt wissenschaftlich – und hat der Ministerin dazu einiges zu berichten.
Bienenkundler und Biologe Prof. Dr. Werner von der Ohe begleitet das Blühfeld-Projekt wissenschaftlich – und hat der Ministerin dazu einiges zu berichten. © Preuß

Der hatte zuvor die Nachteile der Selbstbegrünung aus Sicht des Biologen erläutert. Zwar entwickelte sich auf Flächen, die sich selbst überlassen würden, binnen zwei Jahren ein enormes Samenpotenzial. Im vierten und fünften Jahr setze sich aber eine Monokultur durch, die eigentlich gewünschte Artenvielfalt gehe verloren. Wer bunte Flächen haben wolle, müsse es den Landwirten gestatten, diese zu managen, so der Biologe,

Gleichzeitig griff von der Ohe die Kritik der Landwirte an der Selbstbegrünungspflicht auf. Wer eine Brache wieder in die Feldfruchtfolge integrieren wolle, müsse dafür einen hohen mechanischen oder gar chemischen Aufwand betreiben. Schlecht für Böden und Umwelt. Und „wenn der normale fünfjährige Förderzeitraum vorbei ist, hat der Landwirt noch immer Kosten“.

Das Ziel, das sich das „Dreiergespann“ mit seinem Blühfeld-Projekt gesetzt hat, ist es, Ökologie und Ökonomie unter einen Hut zu bekommen. Beispielsweise durch spezielle Saatmischungen, deren schnelles Wachstum unerwünschte Pflanzen unterdrückt, bienen- und insektenfreundliche Blüher bietet, anderen Tieren als Rückzugsort dient und die gleichzeitig den Boden aufwerten.

Angst vor „landwirtschaftlichem Totalschaden“

Der Umfang des Projektes auf dem Betrieb von Bremen geht weit über die bislang von der EU geforderten ökologischen Vorrangflächen hinaus. Bis dato mussten Landwirte, deren Ackerland mehr als 15 Hektar beträgt, fünf Prozent des Landes dafür bereitstellen. Sonst erhielten sie keine Förderung. Das Einsäen von Blühstreifen war eine Möglichkeit, diese Greening-Auflage zu erfüllen. Flächen nach der neuen GAP brachliegen und verunkrauten zu lassen, führe aus der Sicht von Frederik von Bremen zu einem „landwirtschaftlichen Totalschaden“.

Christian Intemann und Holger Meier, die den Landvolk-Verband Rotenburg-Verden bei dem Ortstermin vertraten, befürchteten daher, dass viele ihrer Berufskollegen dann lieber auf EU-Gelder verzichten und ihre Flächen komplett bewirtschaften. Eine Einschätzung, die Barbara Otte-Kinast teilte. „Wenn es zu kompliziert wird“, so die Ministerin. „dann machen viele Landwirte nicht mit.“

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