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Kuscheltierspenden und Tuschepanzer: Besuch in der Kirchlintler Flüchtlingsunterkunft

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Von: Reike Raczkowski

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Panzer und brennende Häuser aus Tusche neben Osterhasen und Regenbögen.
Panzer und brennende Häuser aus Tusche neben Osterhasen und Regenbögen. © Raczkowski

Zu Besuch in der Schulturnhalle in Kirchlinteln, die zu einer Sammelunterkunft für Flüchtlinge umgebaut wurde. Im Flur hängen Kunstwerke an den Wänden, selbstgemalt mit Tusche von Kinderhand, und sie zeigen, was Kinderbilder eben so zeigen, also Regenbögen und Osterhasen – aber auch Panzer und brennende Häuser. Landrat Peter Bohlmann und Kirchlintelns Bürgermeister Arne Jacobs bleiben einen Moment stehen und betrachten die Bilder. Bohlmann berichtet, dass von den Ukraine-Flüchtlingen im Landkreis Verden mehr als 40 Prozent Kinder seien.

Kirchlinteln – In der Sammelunterkunft des Landkreises, die von den Johannitern betrieben wird, ist Platz für circa 90 Personen, derzeit leben 30 Flüchtlinge in der Halle, fast alle Frauen und Kinder, die vor dem Krieg in ihrem Heimatland geflohen sind. Der Eingangsbereich wurde zu einer Kinder-Spielzone umfunktioniert, für die Jüngeren gibt es hier Dreiräder und ähnliches, die etwas Älteren vertreiben sich die Zeit an einer Tischtennisplatte. In einer der Umkleiden stehen Waschmaschinen und Trockner.

In der Halle selber dann die Wohnbereiche: Mit Planen voneinander abgegrenzt, dürfen sie heute nicht besichtigt werden. Die Menschen, die hier wohnen, haben ein Recht auf Privatsphäre, sind Jacobs und Bohlmann überzeugt. Die Abteile seien je circa 20 Quadratmeter groß und böten Platz für sechs bis sieben Personen. „Das ist schon sehr großzügig“, sagt ein Mitarbeiter der Johanniter, der bereits in anderen Unterkünften gearbeitet hat und nicht genannt werden möchte.

Besonders toll sei der Boden aus PVC-Platten in Holzoptik, der nicht nur wohnlich aussehe, sondern den Lärm deutlich dämpfe: „Hören Sie mal, wie still es hier ist“, sagt er. Bohlmann: „Gut ist auch, dass man das PVC wieder problemlos zurückbauen und einlagern kann. Sobald eine neue Unterkunft eingerichtet werden muss, kann man es wiederverwenden. Denn was Flüchtlingsbewegungen angeht, müssen wir künftig wohl von einer gewissen Routine ausgehen.“

In der Turnhalle, die direkt neben der Schule liegt, seien tagsüber immer mindestens zwei Mitarbeiter der Johanniter vor Ort, fungierten als Ansprechpartner in allen Fragen. „Bei ernsten Sprachproblemen können wir auf Dolmetscher zurückgreifen, ansonsten arbeiten wir einfach mit dem Google-Übersetzer“, berichtet der Mitarbeiter. Nachts sei ein Securitydienst im Einsatz, sodass 24 Stunden immer jemand vor Ort sei. Dreimal täglich liefere ein Cateringdienst Mahlzeiten. „Es gibt jeden Morgen frische Brötchen.“

Ein wenig genutzter Sportplatz hinter der Halle steht den Flüchtlingen zur Verfügung. Hier können die Kinder Fußball spielen, die Frauen sich zum Yoga treffen. Eine Sitzecke im Freien gibt es auch. Jetzt freue man sich, so der Johanniter-Mitarbeiter, auf eine Spende der Gemeinde, die in Kürze geliefert werden soll: ein Gartenpavillon.

Drei Viertel der Flüchtlinge leben bereits in Wohnungen

Aber bei allem Einsatz, es den Flüchtlingen wohnlich zu machen, bleibe es natürlich eine Notunterkunft. Ziel sei es, die Menschen langfristig in Wohnungen unterzubringen. Insgesamt lebten in der Gemeinde derzeit 142 Flüchtlinge – damit liegt Kirchlinteln zahlenmäßig direkt hinter der Kreisstadt Verden. „Das Gros ist dezentral untergebracht“, so Jacobs. Das spiegele die kreisweite Lage wieder. Bohlmann: „Drei Viertel der Flüchtlinge im Landkreis Verden leben bereits in Wohnungen. Dahinter steht eine eindrucksvolle Bereitschaft der Bevölkerung, zu helfen.“ Viele Bürger hätten Gästezimmer oder Anbauten zur Verfügung gestellt und Flüchtlinge aufgenommen. „Es ist in den letzten Wochen so viel Wohnraum auf den Markt gekommen, das hätte man nicht für möglich gehalten.“ Hier wolle der Kreis unbedingt ansetzen und im Rahmen eines bald startenden Programmes Anreize schaffen, bisher ungenutzten Wohnraum umzubauen. Man wisse, dass gerade auf dem Lande eine „stille Reserve“ vorhanden sei, so Bohlmann. „Da ist sicher noch Potenzial“, ist auch Jacobs überzeugt, der berichtet, dass die Gemeinde derzeit überlege, die Landkreisgelder für eine entsprechende Förderung sogar noch aufzustocken.

Viel Fluktuation in der Unterkunft

Weitere Zuweisungen von Flüchtlingen an die Gemeinden erfolgten laufend, es herrsche gerade in der Sammelunterkunft eine hohe Fluktuation, da die Ukrainer bestrebt seien, schnell auf eigenen Beinen zu stehen. Bei vielen sei eine große Eigeninitiative spürbar, was das Lernen der Sprache und die Suche nach Wohnraum angehe, erzählt Jacobs. „Viele haben die Einstellung: Wir haben es aus dem Krieg hierher geschafft, dann schaffen wir das hier auch noch.“

Die ersten Kinder seien bereits in Kitas und Schulen angemeldet. Doch gerade im Kita-Bereich habe die Gemeinde keine ganz großen Platzreserven. „Wir sind in Gesprächen, zum Beispiel mit der Kirchengemeinde, ob wir, mit Mutter-Kind-Gruppen etwa, Betreuungsalternativen wenigstens bis zum nächsten Kita-Jahr anbieten können.“

Sportvereine zeigen sich solidarisch

Jacobs hat Deutsch-Lern-Mappen unter dem Arm und verteilt Flyer, auf denen die Flüchtlinge einen Überblick über die örtlichen Sportangebote bekommen. „Die Sportvereine müssen durch die Belegung auf Hallenzeiten verzichten und nehmen dies anstandslos hin. Ihnen gebührt großer Dank“, so Jacobs.

Auf der Tribüne, wo sonst Fans ihre Lieblingsmannschaft anfeuern, lagern gut sortierte Kleiderspenden neben Decken, Kissen und Kinderspielen. Eine Diddl-Maus thront auf einem Berg gespendeter Kuscheltiere und hat einen guten Überblick über das Geschehen. Jacobs: „Ein großes Dankeschön allen Spendern und Ehrenamtlichen. Es ist großartig, wie Solidarität hier gelebt wird.“

Machen sich ein Bild von der Unterkunft in der Schulturnhalle: Kirchlintelns Bürgermeister Arne Jacobs und Landrat Peter Bohlmann.
Machen sich ein Bild von der Unterkunft in der Schulturnhalle: Kirchlintelns Bürgermeister Arne Jacobs und Landrat Peter Bohlmann. © Raczkowski

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