Gedenkort für das Ehepaar Reh eingeweiht

Kirchlinteln: Berührende Mails über zwei Lebensretter

Besucher an einer Straßenkurve.
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Begrüßte die Gäste am neuen Gedenkort auf dem Heidberg: Bürgermeister Wolfgang Rodewald.

Kirchlinteln – Dieser Gedenkort ist schon etwas Besonderes. Besonders deshalb, weil es hier nicht um Opfer geht, sondern um ein Ehepaar, das mit ihrer Tat weitere Opfer verhinderte. In Kirchlinteln ist am Sonnabend eine dritte Gedenkstätte feierlich eingeweiht worden. Nach der Kriegsgräberstätte auf dem Friedhof und dem Hinrich-Heitmann-Weg gedenkt die Gemeinde Kirchlinteln nun dem mutigen Handeln von Carl und Hedwig Reh. Am 16. April 1945 gingen die beiden mit einer weißen Fahne anrückenden britischen Soldaten entgegen und verhinderten so eine weitere Zerstörung der Ortschaft. Die Rehs gingen über den Heidberg, und darum ist der Gedenkort auch hier geschaffen worden.

Aber wie ist es dazu gekommen, 76 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs? Olaf Wunder, Chefreporter der Hamburger Morgenpost (Mopo), hat das in seiner Laudatio herausgearbeitet. „Nicht weil ich so heiße – aber ein Wunder ist es, dass wir heute hier stehen. Dass wir hier heute stehen und einen Platz einweihen, der dem Ehepaar Reh gewidmet ist. (...) Wunder geschehen nicht einfach so. Wunder widerfahren nur Leuten, die ein Wunder verdienen. Hermann Meyer ist so ein Mensch“, erinnerte sich der Reporter an den Kirchlintler, der sich per E-Mail an die Zeitung in der Heimatstadt der Rehs gewandt hatte. Diese E-Mail, sie habe ihn fasziniert, elektrisiert, so Wunder: „Bei jedem Hamburger Journalisten muss da der Sportsgeist erwachen, finde ich.“

Wunder schrieb einen Artikel, den auch der Historiker Gerrit Aust und der Familienforscher Matthias Kruse lasen – und zu forschen begannen. Als er dann ein paar Tage später per E-Mail Dokumente, Schriftstücke, Akten und Informationen der Rehs vorfand, habe er seinen Augen nicht getraut.

Weil es Hinweise gab, dass das Paar nach Schweden ausgewandert sein könnte, nahm die Mopo Kontakt mit schwedische Behörden auf. „Ich stieß auf wahnsinnig freundliche Menschen in schwedischen Ämtern“ berichtete Olaf Wunder. „Mit einem Mal meldeten sich Leute, die Hedwig Reh in Schweden kennengelernt hatten. Eine schwedische Freundin von ihr, die noch lebt und leider heute nicht hier sein kann, meldete sich. Sie gab uns Fotos.“ Das letzte Puzzlestück, ein Foto von Carl Reh, habe schließlich eine Verwandte aus der Schweiz beigesteuert.

„Wow, was für eine Geschichte“, fasste der Journalist zusammen. Seit 40 Jahren im Beruf, habe ihm keine andere Recherche so viel Freunde gemacht. „Und bin ich so dankbar, dass es Helfershelfer gab, die dazu beigetragen haben, dieses Wunder möglich zu machen. Hermann Meyer, Gerrit Aust, Matthias Kruse. Die drei sind es, die unseren Dank verdienen.“

Viele Kirchlintler machten sich am Sonnabend auf den Weg, den die Rehs gegangen sind. Sie erfuhren dabei, dass Hedwig Reh nach dem Ende des schrecklichen Kriegs Kindern Englisch beibrachte. Drei von ihnen waren bei der Einweihung dabei: Malehne Hoffmann und Margret Junge, beide geborene Wöbse, und Horst Barning. Sie konnten sich noch gut an den Unterricht erinnern. „Es war ein lustiges Beisammensein, manchmal haben wir draußen auf dem Rasen gesessen“, sagte Malehne Hoffmann.

Lernten Englisch bei Hedwig Reh (v.l.): Margret Junge, Malehne Hoffmann und Horst Barning.

Bürgermeister Wolfgang Rodewald bedankte sich bei Maik Meyer für die gute Umsetzung der Idee für eine Gedenkstätte. Eine stilisierte Fahne aus Metall weist nun auf das mutige Hamburger Ehepaar hin. Ferner gibt es auf dem Platz einen Halter mit Infos über die Geschichte.

Abschließend sprach Hermann Meyer Bürgermeister Wolfgang Rodewald und Bauamtsleiter Manuel Rampelmann sowie den Mitarbeitern des Bauhofs einen großen Dank aus. „Es war eine unkomplizierte und vertrauensvolle Zusammenarbeit, um dieses anspruchsvolle Projekt zu realisieren.“  

Hedwig und Carl Reh „entnervt und enttäuscht“ nach Schweden ausgewandert

Er habe „das gemacht, was ein Journalist so macht: eine Geschichte erzählt“, so Morgenpost-Chefreporter Olaf Wunder bei der Einweihung des Gedenkortes für Carl und Hedwig Reh. Es sei allerdings „eine überaus spannende Geschichte“, so der Journalist. Hier sein Bericht:

„Carl Reinhard Reh wird 1881 in Bremen geboren, geht 1913 in die USA, heuert als Seemann an. 1915 wird sein Schiff vor der britischen Küste von einem deutschen U-Boot aufgebracht. Carl Reinhard Reh und die übrige Crew retten sich rudernd in den nächsten Hafen, wo Reh – der Deutsche, der Kriegsgegner – verhaftet wird. Bis Kriegsende ist er in den Niederlanden interniert. Zurück in Hamburg wird er Journalist, ist entsetzt, als die Nazis an die Macht kommen, weigert sich, NSDAP-Mitglied zu werden, hängt den Job an den Nagel, macht einen Knochenjob im Hafen und trifft dann die Frau, die ihm nicht mehr aus dem Kopf geht.

Morgenpost-Chefreporter Olaf Wunder vor der Fahne aus Metall an dem neuen Gedenkort.

Hedwig Abenroth wird 1897 in Hamburg geboren, arbeitet in staatlichen Kindergärten, bis sie – weil sie ebenfalls nicht NSDAP-Mitglied werden will – entlassen wird und ihren privaten Kindergarten gründet. Der wird 1943 ausgebombt. 1944 heiraten die beiden und kommen in Kirchlinteln unter. Im April 1945 nähern sich britische Truppen. 16-, 17-jährige deutsche Marinesoldaten eröffnen das Feuer – und die Briten antworten mit Flammenwerfern. Die ersten Höfe am Ortsrand brennen schon, als das Ehepaar Reh das Versteck im Keller ihres Hauses verlässt und den Briten entgegengeht. Sie retten Kirchlinteln.

Nach dem Krieg wollen sie in Hamburg neu anfangen, stellen aber fest, dass dort in den Behörden immer noch die alten Nazis am Ruder sind. Daraufhin wandern sie entnervt und enttäuscht nach Schweden aus, wo Carl Reinhard bereits 1951 stirbt. Hedwig betreibt einen Kindergarten, redet nicht viel über ihre Vergangenheit. Mancher glaubt, sie sei Jüdin und deshalb weg aus Deutschland. Sie stirbt 1991.“ hm

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