„Es wäre ein Rückschritt“

Interview mit der Gleichstellungsbeauftragten Marlies Meyer

Marlies Meyer.

Kirchlinteln - Marlies Meyer (52), bisher Gleichstellungsbeauftragte der Gemeinde Kirchlinteln, wird zum 1. September ihre neue Stelle im Flecken Ottersberg antreten. Sie freut sich auf die neue Herausforderung, hat aber weiterhin die Zukunft ihrer Heimatgemeinde im Blick. Das wird in einem Interview deutlich, das wir mit ihr über ihre Arbeit und die Zukunft ihrer Stelle geführt haben.

Sie waren 15 Jahre in Kirchlinteln für die Gleichstellung tätig. Können Sie uns einige Beispiele nennen, was Ihre Aufgaben waren?
Marlies Meyer: Innerhalb der Verwaltung ist die Gleichstellungsbeauftragte verpflichtet, bei allen personellen Angelegenheiten mitzuwirken. Beratungen gehörten darüber hinaus zu meinem Aufgabenbereich und fanden statt zu Themen wie Vereinbarung von Beruf und Familie, Mobbing, Unterstützung für alleinerziehende Väter und Mütter, Trennungsberatung, Vernetzung bei Selbstständigkeit und vieles mehr. 

Zu Beginn meiner Tätigkeit 2002 musste noch um jede Ausweitung der Kindergartenzeiten gekämpft werden. Da hat sich schon ganz viel geändert. Ein großes Problem war – und ist es heute wieder – dass nicht genügend Tagesmütter und –väter hier in Kirchlinteln tätig sind, um die Nachfrage abzudecken. Da habe ich einige Jahre lang Tagesmütterkurse angeboten. Und dann das Frauenfrühstück: Diese Veranstaltungsform funktioniert bei uns in der Gemeinde hervorragend – vor allem, weil es mir 2006 gelang, den Kulturkreis Lintelner Geest im Müllerhaus mit einzubeziehen, der sich von Anfang an für das Frühstück verantwortlich gezeigt hat. Es ging bei diesen Veranstaltungen um Themen wie Gesundheit, unterschiedliche Kommunikation von Frauen und Männern, Arbeitsverteilung, Rollenbilder, Wegbereiterinnen, „Rabenmütter und Heimchenväter“ und vieles mehr. 

Stolz bin ich darauf, dass dieses Frauenfrühstück als Veranstaltungsform Patin gestanden hat bei dem ebenfalls sehr erfolgreichen Männerfrühstück, das es seit einigen Jahren in unserer Gemeinde gibt und das von Klaus Merkle initiiert wurde und organisiert wird.

Welche Bedeutung hat Ihr Job in einer eher dörflichen Gemeinde wie Kirchlinteln?
Marlies Meyer: Gerade im ländlichen Raum wie unserem gibt es eine Notwendigkeit für dieses Amt. Die vorherrschenden Rollenbilder bestehen weiter. Früher war es so, dass Frauen in der Regel zu Hause waren oder höchstens nebenher gearbeitet haben. Heute merken wir gerade in der Schule, dass es kaum noch möglich ist, Eltern zu motivieren, Aufgaben ehrenamtlich zu erledigen. Es liegt aber nicht daran, dass sie keine Lust hätten, sondern daran, dass alle – auch die Frauen – arbeiten. Diese Veränderungen sind aber noch nicht in allen Köpfen angekommen. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist auf dem Land anderen Anstrengungen unterworfen als in der Stadt. Frauen müssen hier viel mehr Wege überwinden, um Kindergarten- und Krippenplätze zu bekommen. Wir haben die bestqualifizierteste Frauengeneration und viele können nicht entsprechend ihren Kompetenzen arbeiten, weil es diese Möglichkeiten hier in der Region nicht gibt.

Wenn junge Paare sich zusammenfinden, haben vielleicht beide erst mal die gleichen Möglichkeiten und Chancen. Aber wenn dann das erste Kind kommt, ist es mit der Gleichberechtigung ganz schnell vorbei. Auf dem Dorf ist in den Köpfen noch mehr als woanders verbreitet, dass nur eine Mutter die richtige Bezugsperson für ein kleines Kind sein kann. Und damit ist der wirtschaftliche Nachteil von Frauen auf dem Land größer als woanders.

Wie viele Stunden haben Sie für Ihre Tätigkeit zur Verfügung gehabt? Wie viele halten Sie für angemessen?
Marlies Meyer: Im Oktober 2014 ist meine Stelle von 15 auf 10 Stunden gekürzt worden. Damit sind größere Projekte für mich nicht mehr machbar gewesen. Seit Ende 2014 machen wir eine Verwaltungsreform, an der ich mitarbeite. Für Bewerbungsgespräche benötige ich Zeit. In Sitzungen bin ich weniger präsent als vorher. Zehn Stunden reichen aufgrund der Themenfülle und -vielfalt einfach nicht aus. 15 Wochenstunden halte ich für eine Gemeinde in unserer Größenordnung für angemessen.

Es gibt seitens der CDU, die im Gemeinderat die absolute Mehrheit hat, die Idee, die Stelle ins Ehrenamt zu überführen. In der Ratssitzung am Mittwoch, 21. Juni, soll darüber diskutiert werden. Was halten Sie davon?
Marlies Meyer: Eine Ehrenamtlichkeit darf nicht infrage kommen. Es ist ein falsches Signal, 20 Jahre Gleichstellungsarbeit nicht wertzuschätzen und in eine Ehrenamtlichkeit zu überführen. Gerade auch aufgrund populistischer Tendenzen in unserer Gesellschaft, die in den letzten Jahren zugenommen haben, besteht die Gefahr von gesellschaftlichen Rückschritten, die erfahrungsgemäß zu Lasten von Frauen und Mädchen gehen. So lange Frauen immer noch weniger verdienen, ihre Rente erheblich niedriger ausfällt als die von Männern und Familienarbeit nicht gleichmäßig auf Männer und Frauen verteilt wird, brauchen wir Gleichstellungsbeauftragte. Nur wenn eine Gleichstellungsbeauftragte auch im Rathaus vor Ort ist, wird sie nicht übersehen und kann auch besser beteiligt werden.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft Ihrer Heimatgemeinde in Bezug auf das Thema Gleichstellung?
Marlies Meyer: Vor allem wünsche ich mir, dass sie nicht ins Hintertreffen gerät, falls sich diese Bestrebungen auf Ehrenamtlichkeit durchsetzen sollte. Frauen kämpfen seit Jahren um Gleichberechtigung und empfinden es nicht als Bagatelle, wenn die Stelle der Gleichstellungsbeauftragten gekürzt oder vielleicht sogar in die Ehrenamtlichkeit geschoben wird. Es wäre ein Rückschritt, den wir in der Gemeinde nicht benötigen.

rei

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