Keine Chance auf richtigen Abschied

Freiwilligendienstler Josh Bartels und Jonah Schmidt aus Quito und Bogotá evakuiert

Josh Bartels (l) und Jonah Schmidt trafen sich am Karibischen Meer in Kolumbien, bevor der Virus die Pläne änderte. Foto: privat/Schmidt
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Josh Bartels (l) und Jonah Schmidt trafen sich am Karibischen Meer in Kolumbien, bevor der Virus die Pläne änderte.

Kirchlinteln - Die beiden Kirchlintler Jonah Schmidt und Josh Bartels sind nach ihrem Schulabschluss vergangenen Sommer für den Internationalen Jugendfreiwilligendienst und ein Freiwilluges soziales Jahr (FSJ) nach Kolumbien und Ecuador gereist, um dort ein Jahr in einem sozialen Projekt mitzuarbeiten (wir berichteten). Eigentlich wollten sie noch bis August dort bleiben. Nun mussten auch sie wegen der Coronakrise ihre Pläne ändern. Die beiden Abiturienten mussten fünf Monate früher abreisen, weil sie wie viele deutsche Staatsbürger evakuiert wurden.

Beiden jungen Heimkehrern ist es wichtig, ihren Unterstützern, die ihnen im Vorfeld mit ihren Spenden die Teilnahme am Projekt überhaupt erst ermöglicht hatten, zu danken. Unserem Mitarbeiter Henning Leeske schilderten sie ihre Erlebnisse.

Wie läuft so eine Evakuierung aus Südamerika durch das Außenministerium ab?

Jonah: In meinen Fall war es so, dass wir von unserer Organisation und dem Auswärtigen Amt eine E-Mail bekamen. Von den jeweiligen Ministerien kam die Ansage, dass alle Organisationen ihre Freiwilligen nach Hause holen müssen. Die nächste Woche gab es viel hin und her, da Ecuador sehr schnell und vorerst ohne Ausnahmen die Grenzen und somit auch die Flughäfen geschlossen hat. Alle Flüge wurden gestrichen und uns wurde gesagt, dass wir Freiwilligen keine Priorität bei der Evakuierung hätten, da wir im Gegensatz zu vielen europäischen Touristen eine sichere Unterkunft hätten. In der letzten Woche gab es dann noch zwei kommerzielle Flüge, die durch die Botschaft von der ecuadorianischen Regierung genehmigt wurden und zwei Rückholflüge vom Auswärtigem Amt. Dort sind die meisten Freiwilligen, darunter auch ich, untergekommen.

Josh: Die knappen Flüge wurden tatsächlich für viele meiner Mitfreiwilligen und auch für mich zu einem Problem. Die Lufthansa hatte relativ schnell den Dienst nach Kolumbien aufgegeben. Deshalb bin ich im Endeffekt mit einer etwas umständlicheren Verbindung über Mexiko und Kanada geflogen. Das Schlimmste war, dass die Reise sehr lang und somit auch unglaublich langweilig war. Die Reisedauer vom Verlassen der Wohnung in Bogotá bis zum Ortsschild Kirchlinteln lag bei 33 Stunden.

Erleichtert sah Jonah Schmidt, dass sein Flug nach Amsterdam startet.

Wie war der Alltag in Zeiten von Corona in Kolumbien und Ecuador, auch Stillstand allerorts?

Jonah: Als die ersten Fälle in Quito bestätigt wurden, hat die Regierung blitzschnell reagiert und sehr strikt durchgegriffen. Die Woche in meiner Schule ging für die Kinder ganz normal los. Als die Regierung die Ansage machte, dass alle Schulen bis auf Weiteres geschlossen werden, hielten wir die Situation für etwas übertrieben. Ich verabschiedete mich nicht einmal richtig von meinen Kindern und Kollegen, da ich davon ausging, alle in ein paar Wochen wieder zu sehen. Als die folgenden Tage wirklich alles verboten wurde, wie Kinos, Cafés, Restaurants, Nationalparks, Strände und so weiter wurde allen langsam bewusst, dass die Regierung Ecuadors es sehr ernst meint. Auf die Verbote folgte eine nächtliche Ausgangssperre, die mittlerweile schon mittags anfängt. Wer das Haus verlässt und erwischt wird, dem drohen hohe Geldstrafen oder sogar Gefängnis. Die letzten zwei Wochen in meinem Gastland habe ich also Zuhause gesessen und auf meinem gepackten Koffer gewartet, dass die E-Mail vom Auswärtigen Amt kommt. Ich konnte mich zum Glück in Ruhe von meinen Gasteltern verabschieden, aber meine Gastonkel, Tanten, Großeltern und auch meine Schüler und Kollegen habe ich nie wieder gesehen.

Josh: Gearbeitet habe ich im Hogar AmaneSer, einer Art Hort von der YMCA. Dort kamen Kinder von 5 bis 17 Jahren entweder vor oder nach der Schule und wir haben ihnen Essen gegeben und mit ihnen Unterricht und Workshops gemacht. Die Corona-Krise hat man dort zu meiner Zeit tatsächlich fast gar nicht gemerkt. Da es in Kolumbien erst sehr viel später ankam als in Deutschland, waren wir noch am Anfang der Schutzmaßnamen. Das hieß für uns, dass wir keine Kinder mit Fieber mehr aufgenommen haben, Kinder mit Grippe mussten einen Mundschutz tragen, um reingelassen zu werden, wir haben ihnen beigebracht, sich gründlich die Hände zu waschen, und Umarmungen und Handschläge wurden verboten. Jetzt stehe ich immer noch viel in Kontakt mit meinen Kollegen und sie erzählen mir, dass sich das sofort geändert hat, nachdem ich weg war. Da nun Ausgangssperre besteht, gehen die Kinder natürlich auch nicht zum Hogar und die Mitarbeiter sind quasi einen Monat lang arbeitslos und müssen jetzt echt stark rationieren.

Von meiner Gastfamilie musste ich mich sehr plötzlich verabschieden, was auch sehr schwierig war, da ich sie die sieben Monate wie meine Eltern angesehen habe. Allerdings war der Abschied im Projekt noch schwieriger. Da ich fast jeden Tag im Hogar verbracht habe, sind mir die Kinder und auch die Mitarbeiter teilweise wie meine eigene Familie ans Herz gewachsen, was es sehr schwierig gemacht hat, zu begreifen, dass es vom einen Tag auf den Anderen vorbei war.

Trotzdem habt ihr sicher viel erlebt und Erfahrungen gesammelt?

Jonah: Wir haben natürlich alle sehr viele neue Erfahrungen gemacht. Wir haben viele schöne Orte gesehen und waren an vielen Orten von der Pazifikküste bis hin zum berühmten ecuadorianischen Vulkan „Cotopaxi“, wo wir es bis auf 4 800 Meter über normal Null geschafft hatten. Dieses kleine Land hat unglaublich viel schöne Natur zu bieten und jeder spontane Wochenendtrip wurde zu einer witzigen oder aufregenden Geschichte.

Josh: Gelernt habe ich vieles in Kolumbien und auch menschlich habe ich mich durch diese Erfahrung, denke ich, sehr weiter entwickelt. Die stärkste Veränderung hat, glaube ich, darin stattgefunden, wie ich bestimmte Menschen jetzt sehe. Ich habe in Bogotá in dem Viertel „Santa Fe“ gearbeitet, dem einzigen Viertel, in dem Prostitution erlaubt ist, und deshalb sieht man dort auch viele Drogen und viel Gewalt. Da ich hier aus dem schönen heilen Kirchlinteln komme, wurde ich in meinem Leben nie mit diesen Themen konfrontiert und habe auch nie darüber gesprochen. Deshalb bin ich auch die ersten paar Tage eher mit dem Blick nach unten gerichtet durch die Straßen gegangen, nach dem Motto ich hab nichts gesehen, ich störe euch nicht. Nachdem ich aber immer mehr mit Leuten aus dem Viertel in Kontakt kam, habe ich gelernt, dass es gar nicht so ist, wie man sich es vorstellt. Schon nach sehr kurzer Zeit bin ich deutlich offener durch die Straßen gegangen. Natürlich wurden mir immer noch unschöne Dinge gesagt und mir sind Sachen passiert, auf die ich auch verzichten konnte, aber das Gesamtbild war anders. Ich habe fast immer jemanden getroffen, den ich kannte und mit dem ich quatschen konnte. Selbst die Leute, die ich nicht kannte, waren oft nett zu mir. Die Obdachlosen, die ich fast jeden Tag beim Drogenkonsum gesehen habe und deshalb vorher immer in großem Bogen umgangen habe, haben dann auf einmal angefangen mir einen schönen Tag zu wünschen und mir gedankt für die Arbeit, die ich für die Community mache.

Sicher habt ihr euch auf den persönlichen Kontakt mit euren Freunden in Kirchlinteln gefreut und nun muss das auch noch warten, wegen des Kontaktverbots. Wie steckt ihr das weg?

Jonah: Das ist momentan das frustrierende an der ganzen Sache. Es war unglaublich traurig, das Gastland und all die Menschen, die man dort kennengelernt hat, zu verlassen, aber jetzt mussten wir zurück, haben hier allerdings nicht mal die Chance, uns wieder normal einzuleben mit unseren Freunden und Verwandten.

Josh: Nach meiner Rückkehr nach Deutschland hatte ich eigentlich vor, eine große Tour durch Niedersachsen zu machen, um alle Freunde und Verwandten mal wieder zu sehen, aber daraus wurde jetzt leider so gar nichts. Mit meinen Verwandten hatte ich jetzt noch gar keinen Kontakt und mit den Freunden bleibt es dann auch immer beim Videochat. Das ist natürlich nicht optimal, aber auch nicht so unglaublich schwer, weil ich mich immerhin darauf eingestellt hatte, sie noch weitere fünf Monate nicht zu sehen.

Am glücklichsten waren sicher eure Familien, dass ihr wieder zurück seid, oder?

Jonah: Meine Familie war natürlich sehr glücklich, mich wieder zu sehen, auch wenn alle es mir von Herzen gewünscht hätten, dass ich das Jahr dort vollenden kann.

Josh: Meine Familie war natürlich froh, dass sie mich wieder sicher bei sich hatten, sie wären aber glücklicher gewesen, wenn ich hätte bleiben können, da sie mich immer voll und ganz unterstützt haben und wissen, was es jetzt für mich bedeutet, nicht mehr dort sein zu können.

Ist nach Corona vor der nächsten Fernreise oder bleibt ihr doch lieber erst mal in der Heimat?

Jonah: Ich hoffe sehr, dass der Virus nicht mehr allzu lange anhält und ich vielleicht noch dieses Jahr zurückkehren kann. Der Freiwilligendienst ist allerdings zu Ende, dann heißt es nur, noch etwas herumzureisen und wenigstens noch einmal die ganze Gastfamilie, Freunde und alle Schüler und Kollegen wiederzusehen. Das war nämlich doch das Traurigste an der Sache. Man konnte niemanden wirklich „Auf Wiedersehen“ sagen und das macht den Abschied schwieriger als ohne hin schon.

Josh: Nach der Corona Krise liegt mein Main Focus auf jeden Fall wieder darauf, nach Kolumbien zu gelangen, auch möglicherweise nicht nur als Reiseziel. Die restlichen Details stehen allerdings noch am Anfang ihrer Planung. Ich bin mir auf jeden Fall sicher, dass dieser Abschied nicht der letzte war.

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