FSJ in Wittlohe: Bewerber dringend gesucht

Forschung als Teil der Freiwilligenarbeit

Eine junge Frau steht neben einer Info-Wand, auf der unter anderem ein vergrößerter, handgeschriebener Brief zu sehen ist.
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Judith Wieters zeigt die Grundlagen ihrer Recherche zu einem Angriff auf die Kleinbahn 1945: Ein Brief von Maria Steinwede beschreibt das Ereignis, bei dem viele Menschen verletzt und zwei Frauen getötet wurden.

Es ist ein ungewöhnliches Freiwilliges Soziales Jahr in der Kirchengemeinde St. Jakobi in Wittlohe. Im Rahmen eines Projektes erforschen die jungen Menschen geschichtliche Ereignisse, die sich in ihrer unmittelbaren Umgebung zugetragen haben. So hat Judith Wieters den Namen von zwei Frauen herausgefunden, die 1945 bei einem Fliegerbeschuss bei Neddenaverbergen getötet wurden.

Wittlohe – Das FSJ war ganz anders, als Judith Wieters sich das vorgestellt hatte. Der Grund war die Corona-Pandemie. All die geplanten Treffen und Unternehmungen mit den Kindern und Jugendlichen der St.-Jakobi-Kirchengemeinde waren kaum möglich. Trotzdem zieht die Armserin nach zwei Dritteln des Freiwilligen Sozialen Jahres ein positives Fazit: „Für mich persönlich ist es ein Erfolg“, sagt sie. Das hat auch damit zu tun, dass das FSJ in Wittlohe einen besonderen Aspekt hat, der von der Pandemie nur wenig beeinflusst wird: die historische Forschungsarbeit gemeinsam mit der Zeitgeschichtlichen Werkstatt im Kapitelhaus.

Jeder Wittloher FSJler muss sich zu Beginn des Jahres für ein Projekt entscheiden, für das er, normalerweise gemeinsam mit den Konfirmanden, recherchiert. Die Vorgängerinnen von Judith haben zum Beispiel die Geschichte des Fliegergrabes in Stemmen aufgearbeitet oder die der Kinderverwahranstalt in Armsen. Das Lesen alter Dokumente gehört ebenso dazu wie das Führen von Interviews mit Zeitzeugen. Damit am Ende ein sichtbares Ergebnis, wie zum Beispiel eine Gedenktafel, dabei herauskommt, müssen die FSJler außerdem mit der Verwaltung zusammenarbeiten – oder sich durchaus auch schon mal mit Widerständen aus der jeweiligen Ortschaft auseinandersetzen. „Die lokale Forschungsarbeit zwingt die Menschen dazu, Position zu beziehen“, sagt Timme. „Das macht es ja so interessant.“

Judiths Thema betrifft die Kleinbahnstrecke zwischen Neddenaverbergen und Armsen. Im Februar 1945 wurde die Bahn bei einem feindlichen Tieffliegerangriff beschossen. Viele Menschen wurden verletzt, zum Teil schwer. Zwei Frauen kamen ums Leben. „Über sie war bisher fast nichts bekannt“, erzählt Judith. „Das lag sicher auch daran, dass es sich um Ausgebombte aus Hamburg handelte, die nicht viele Kontakte hier vor Ort hatten.“

Judith hatte sich vorgenommen, so viele Informationen über das Unglück wie möglich einzuholen – und auch die Namen der verstorbenen Frauen herauszufinden. Sie sprach unter anderem mit Jürgen Clasen, der damals elf Jahre alt war und bei dem Angriff schwer verletzt wurde. Ursula Bergmann war beim Beschuss der Kleinbahn 1945 zwar nicht dabei, aber sie konnte ihre Erinnerungen darüber teilen, wie das Leben als Ausgebombte aus der Stadt in der Gemeinde Kirchlinteln war.

Dass Judith mittlerweile weiß, wie beiden getöteten Frauen hießen – Irma Henni Hein und Anna Martha Stender – ist ein großer Erfolg. Klar, dass diese Namen auf einer Informationstafel zu lesen sein sollen, die Judith zum Ende ihres FSJs am Bahnhof in Neddenaverbergen aufstellen möchte.

„Die FSJ-Stelle unserer Kirchengemeinde unterscheidet sich von den meisten anderen. Die Projektarbeit mit der Zeitgeschichtlichen Werkstatt ist sehr spannend. Deswegen denke ich, die jungen Menschen müssten eigentlich in Strömen zu uns kommen. Zu meiner großen Überraschung und Enttäuschung passiert das nicht“, sagt Pastor Wilhelm Timme. Er hatte eigentlich gehofft, dass sich schon im Frühjahr eine Nachfolge für Judith findet, damit genug Zeit für die amtierende FSJlerin bleibt, diese einzuarbeiten. Doch bisher hat sich niemand gemeldet. Das ist ein Problem: Die vergleichsweise kleine Kirchengemeinde könnte mit ihren finanziellen Mitteln so ein FSJ gar nicht anbieten, ist deshalb auf eine Förderung der Landeskirche angewiesen. Doch diese steht auf der Kippe, wenn sich nicht bald – möglichst bis Ende April – ein Bewerber findet.

Die FSJler erhalten ein Taschengeld in Höhe von monatlich 390 Euro. Ihr Arbeitsplatz ist ein eigenes Büro, das sich im Gemeindehaus neben der Zeitgeschichtlichen Werkstatt befindet. „Es ist eigentlich gar nicht so wichtig, dass man sich für Geschichte interessiert“, sagt Judith. Das Interesse käme bei den Forschungsarbeiten fast wie von alleine. Lediglich Entdeckergeist müsse man haben, so Timme. „Und zu entdecken gibt es bei uns genug.“ Eigene Ideen für ihr Jahresprojekt müssten die FSJler auch nicht mitbringen. Es gebe noch reichlich historische Themen aus der Gemeinde, die sich anbieten würden. „Wir geben gerne Impulse und bieten auch Unterstützung an“, so Timme. „Aber am Ende, wenn die Ergebnisse sichtbar werden, bekomme ich oft selbst Gänsehaut.“

Aber es geht nicht nur um Geschichte. „Wichtig ist auf jeden Fall, dass man Lust auf die Arbeit mit Menschen hat“, sagt Judith. Denn wenn die Entwicklung in Sachen Pandemie es erlaube, sei auch die Arbeit mit den Konfirmanden, den Jakobi-Kids sowie mit dem Seniorenkreis wieder ein wichtiger Teil des FSJ.

Mehr Informationen über das FSJ in der Kirchengemeinde Wittlohe gibt es bei Judith Wieters unter Telefon 04238/943492. Wer sich bewerben will, wendet sich an Pastor Wilhem Timme, 04238/493.

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