Die Horror-Nacht im Pastorenhaus

Vor 350 Jahren: Tagelöhner ermorden Pastoren-Ehepaar und Sohn – Hinrichtung auf dem Scheiterhaufen

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Blick auf die Hofstelle Joost-Carstens, auf der vor 350 Jahren Richtfest gefeiert wurde. Die Gebäude sind neueren Datums, die meisten stehen heute aber auch nicht mehr. Das Bild wurde Ende der 1990er-Jahre aufgenommen.

Das Richtfest auf der Hofstelle Joost-Carstens gegenüber der Kirche nutzten zwei Tagelöhner zu einer grauenvollen Tat. Vor 350 Jahren, am 22. Mai 1669, war wohl das ganze Dorf auf der Hausböhrung, wie das Richtfest damals genannt wurde, anwesend. Essen, trinken, tanzen – ausgelassen wurde die Errichtung eines neuen Hauses gefeiert.

Kirchlinteln - Von Hermann Meyer. Gut 20 Hofstellen und das Pastorenhaus reihten sich damals um die Kirche und bildeten den Ort Kirchlinteln (damals Lintheln). Johann Burdorff und Hermann Fricke, die beiden Tagelöhner, waren auch auf dem Fest. Gegen Mitternacht schlichen sie sich davon. Sie hatten mitbekommen, dass der Pastor Hinrich Busch eine größere Geldlieferung aus Minden erhalten hatte. Während die fünf älteren Pastorenkinder auf dem Richtfest waren, blieb der Pastor mit seiner Frau Gertrud und dem vierjährigen Sohn Eilert zu Hause. Burdorff und Fricke drangen ins Pastorenhaus ein und töteten das Ehepaar und den kleinen Sohn. Sie nahmen das Geld an sich. Um alle Spuren zu verwischen, zündeten sie das Haus an.

Pfarrhaus stand in hellen Flammen

Die Feiernden auf dem Richtfest wurden gegen Mitternacht durch den Schreckensruf „Füerjo! Füerjo!“ jäh aus ihrem lustigen Treiben gerissen. Auf der gegenüberliegenden Seite des Kirchbergs loderten die Feuergarben in die Höhe – das Pfarrhaus stand in hellen Flammen. Der nächste Morgen brachte ans Tageslicht, was alle befürchtet hatten. Aus den noch rauchenden Trümmern wurden die bis zur Unkenntlichkeit verkohlten Leichen von Pastor Busch, seiner Frau und dem Sohn geborgen. Noch wusste niemand, was geschehen war.

Geständnis unter Folter durch den Scharfrichter

14 Tage später wollte einer der Täter, Johann Burdorff, einen Goldgulden bei Lüdecke Lange aus Verden wechseln lassen. Lange kannte den Tagelöhner und konnte sich nicht vorstellen, dass dieser auf ehrliche Weise in den Besitz des wertvollen Goldstücks gelangt sei. Bei genauerem Hinsehen, gab Lange später zu Protokoll, habe er es als jenen Gulden wiedererkannt, den seine Frau dem Pastorensohn als Patengeschenk vermacht hatte.

Lange wandte sich an Andreas Scharnhorst, den schwedischen Kriegskommissar des Amts Verden. Burdorff wurde festgenommen. Nach anfänglichem Lügen, gestand er dann nach mehreren Vernehmungen und unter Folter durch den Scharfrichter den Tathergang und gab zudem Frickes Namen preis. Mit einem Messer und einem Beil hatten sie das Pastoren-Ehepaar und das Kind erstochen und erschlagen.

Der Osterberg südlich von Kirchlinteln war vor 350 Jahren Richtstätte für die Pastorenmörder. Sie wurden unter großer Teilnahme der Bevölkerung durch Verbrennen auf dem Scheiterhaufen hingerichtet. Fotos: Meyer

Kriegskommissar Scharnhorst war in diesem grausamen Fall überfordert. Er holte sich rechtlichen Rat, wie weiter zu verfahren sei, in der Universität Rinteln und in der juristischen Fakultät der Julius-Universität Helmstedt. Die Helmstedter Juristen kamen am 14. Juli 1669 zu dem Urteil, dass Burdorff „das Leben hinwieder verwürcket und deßhalber ihm zur wolverdienter Straffe / andern aber zum abscheulichen Exempel / mit dem Feuer von dem Leben zum Todte zu straffen sey“. Auf einem Wagen soll er öffentlich zur Richtstätte gefahren werden und sein „Leib mit glüenden Zangen und zwar mit dreyen Grieffen gerissen werden“.

Hinrichtung auf dem Scheiterhaufen

Scharnhorst verkündete das Helmstedter Urteil am 28. Juli 1669. Fünfzig Tage später, am 16. September, folgte auch das Todesurteil für Hermann Fricke. Beide wurden auf dem Osterberg in der Nähe der alten Weitzmühlener Straße, unter großer Teilnahme der Bevölkerung durch Verbrennen auf dem Scheiterhaufen hingerichtet.

Titelseite der Broschüre, in der die schreckliche Tat festgehalten wurde.

1674 wurde das Vorkommnis in einer 54-seitigen Broschüre, gedruckt bei Johann Pilern in Minden, für die Nachwelt festgehalten. Der Kirchlintler Pastor Rüppell schrieb in der Kirchenchronik von 1900: „Eine solche Greuelthat ist heute hier schlechterdings undenkbar.“ Aber man erinnere sich der damaligen „allgemeinen Verrohung des Volkes während und nach der Zeit des 30-jährigen Krieges, um die Möglichkeit der damaligen Tat verstehen zu können.“ 

Zwölf Jahre nach dem Dreißigjährigen Krieg (1618–1648) wurde 1660 in Kirchlinteln der erste Rübenmarkt gefeiert. Nachfolger Buschs wurde Pastor Peter Sabel aus Hamburg, der bis 1675 in Verden wohnen musste, da die Gemeinde nicht in der finanziellen Lage war, ein neues Pfarrhaus zu bauen.

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