Carl und Hedwig Reh schwenkten 1945 die weiße Fahne

Helden haben endlich einen Namen: Historisches Rätsel in Kirchlinteln gelöst

Ein Zeitungsartikel in der Hamburger Morgenpost brachte letztendlich den Erfolg: Hermann Meyer weiß jetzt, wer die Menschen waren, die beim Einmarsch der Briten die weiße Fahne hissten.
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Ein Zeitungsartikel in der Hamburger Morgenpost brachte letztendlich den Erfolg: Hermann Meyer weiß jetzt, wer die Menschen waren, die beim Einmarsch der Briten die weiße Fahne hissten.

Kirchlinteln – Hermann Meyer hat ein frühes Weihnachtsgeschenk bekommen: Im Laufe der vergangenen Wochen hat er, Mitglied der Zeitgeschichtlichen Werkstatt, ganz unverhofft ein historisches Rätsel lösen können, das ihn schon eine ganze Weile beschäftigt hat: Er hat zwei Menschen, die eine ganz besondere Bedeutung für die Kirchlintler Geschichte haben, ja, vielleicht sogar Helden waren, Namen gegeben. Aber von Anfang an.

Am 16. April 1945 lief in Kirchlinteln ein Ehepaar über die heutige Straße Zum Heidberg in Richtung Osterberg, eine weiße Fahne schwenkend, den britischen Soldaten entgegen, die auf den Ort zu marschierten. An der Kükenmoorer Straße standen bereits zahlreiche Häuser in Flammen. Der übrige Ort blieb aber durch den Mut des Ehepaares verschont, denn die Briten stellten bei seinem Anblick die Kampfhandlungen ein.

Briten stellen Kampfhandlungen ein: Ehepaar schwenkt weiße Fahne

Hermann Meyer stellt eines klar: Dass Menschen mit weißen Fahnen den Briten in den letzten Kriegstagen entgegenliefen, um ihre Dörfer vor Zerstörung zu bewahren, sei häufiger vorgekommen, nachweislich in mehreren Orten des Landkreises und auch in der Gemeinde. Diese mutigen Bürger haben mit solchen Aktionen wahrscheinlich zahlreiche Menschenleben gerettet. Doch während es in anderen Dörfern oft bekannte Persönlichkeiten waren, Ortsvorsteher oder Bürgermeister, war über das Ehepaar in Kirchlinteln so gut wie nichts zu erfahren. „Ich habe viele Zeitzeugen befragt, aber kaum etwas herausgefunden.“ Das Ehepaar habe Reh mit Nachnamen geheißen, sei wohl aus Hamburg gekommen und habe im „Haus Tröger“ an der Alten Dorfstraße gelebt. Die Frau sei vielleicht Kindergärtnerin gewesen. Beide hätten gut Englisch gesprochen. Und das war es dann auch schon. „Ich fand es seltsam, dass niemand die beiden näher kannte. Dass noch nicht einmal ihre Vornamen herauszufinden waren.“ Meyer vermutete, dass die beiden vielleicht „politisch eher links“ einzuordnen gewesen waren – vielleicht seien sie deswegen nicht besonders beliebt gewesen.

Jedenfalls kam Meyer bei seinen Recherchen nicht weiter. Ohne Hoffnung auf schnellen Erfolg schrieb er E-Mails an Hamburger Tageszeitungen. Er bat darin, einen Aufruf an die Leserschaft zu starten, ob es Menschen in Hamburg gibt, die sich an das Ehepaar Reh erinnern können. Von der Morgenpost (Mopo) bekam Meyer noch am gleichen Tag einen Anruf, von Chefreporter Olaf Wunder. „Er zeigte sich interessiert, wollte noch mehr wissen.“ Wenige Tage später erschien ein großer Artikel in der Zeitung – und der sollte den Stein ins Rollen bringen.

Identität des mysteriösen Ehepaars offenbart sich nur langsam

Innerhalb weniger Tage meldeten sich verschiedene Personen bei Meyer. Besonders erwähnenswert sind Matthias Kruse, Familienforscher aus Hamburg, und Gerrit Aust, ein Historiker. Schnell führte eine Spur zu einer dritten wichtigen Person: Hannelore Besser, eine Schriftstellerin, mit der Meyer ebenfalls Kontakt aufnahm. Alle drei sorgten auf ihre Weise dafür, dass innerhalb weniger Tage das bis dahin mysteriöse Ehepaar immer mehr Konturen bekam.

Kruse hatte schnell zwei Personen als die Gesuchten identifiziert: Carl August Ludwig Reinhard Reh, geboren am 20. Februar 1891 in Bremen, gestorben 1951 Schweden, Journalist, in zweiter Ehe verheiratet mit Hedwig Marie Auguste Henny geborene Abendroth, geboren am 9. Juni 1897 in Hamburg, gestorben 1991, ebenfalls in Schweden, Kindergärtnerin. Der Familienforscher grub immer mehr Informationen aus: Mit seiner Erfahrung und seinen Zugriffsmöglichkeiten auf zahlreiche Dokumente – vom Hamburger Telefonbuch von 1943 bis hin zu standesamtlichen Unterlagen und Akten aus dem Staatsarchiv Hamburg – wurde das Bild immer klarer.

Schnell war herausgefunden, warum die Rehs im letzten Kriegsjahr und noch einige Zeit darüber hinaus in Kirchlinteln lebten: Das Haus in Hamburg, in dem Carl und Hedwig wohnten und in dem sie einen Privatkindergarten betrieb, wurde im Juli 1943 zerbombt. Das Paar wird nicht unmittelbar nach Kirchlinteln gegangen sein, denn es hat laut Akten noch am 10. Mai 1944 in Hamburg geheiratet.

Zerstörung des Dorfes abgewandt: Paar erinnert sich

Spannende Informationen fanden sich in der „Wiedergutmachungsakte“ des Carl Reh. Zum Beispiel ein Schreiben aus dem Jahr 1947, in dem der Journalist das jähe Ende seiner beruflichen Karriere erklärt: „Nachdem am 5. März 1933 das deutsche Volk durch die letzte freie und geheime Wahl über meine Zukunft in so verhängnisvoller Weise entschieden hatte, blieb auch mir nichts anderes übrig, als aus meinem journalistischen Beruf auszuscheiden, da ich es für unvereinbar hielt, ihn unter solchen Verhältnissen weiter auszuüben.“ Er berichtete, wie schwer es ihm, als Nicht-Parteimitglied, im Dritten Reich gemacht worden sei, Arbeit zu finden. Auch den schicksalshaften 16. April 1945 in Kirchlinteln schildert Reh: „Als die Engländer hier anrückten, haben wir im Endstadium noch mal ein kleines Risiko übernommen und die Zerstörung unseres Dorfes abgewandt, indem wir zu den anrückenden Engländern hinausgingen und sie veranlassten, die Niederbrennerei der Höhe, mit der sie schon begonnen hatten, wieder einzustellen...“

Kruse fand in den Archiven zahlreiche Schriftwechsel zwischen Hedwig Reh und verschiedenen Behörden. In einem undatierten Brief an einen Hamburger Senator, vermutlich Ende 1945, Anfang 1946 geschrieben, ist zwischen den Zeilen viel Wut zu spüren. Die Pädagogin konnte es demnach nicht ertragen, dass auch nach Ende des Dritten Reiches viele NSDAP-Mitglieder in wichtigen Posten saßen, „in Ämtern, Behörden, Landratsämtern, Bürgermeistereien“, schreibt sie. Währenddessen sie selbst mit großem Einsatz – aber letztlich erfolglos – versuchte, wieder einen Kindergarten in Hamburg zu eröffnen.

Die Verbitterung über diese Ungerechtigkeit mag es dann auch gewesen sein, die das Ehepaar im Jahr nach 1951 nach Schweden auswandern ließ, wo Carl Reh wenige Monate später starb. Hedwig überlebte ihn 40 Jahre.

Alter Ausschnitt aus einem Zeitungsbericht offenbart Gesicht

Und hier kommt Schriftstellerin Besser ins Spiel. Sie schrieb in einem Werk über Jugendbegegnungen, das Kruse bei seinen Recherchen entdeckte, folgenden Satz über einen Aufenthalt in Helsingborg in den 60er-Jahren: „Ich schlief wieder bei Hedwig Reh, der Deutschen mit dem Kindergarten in Schweden und den unverarbeiteten Hassgefühlen. Es wurde fast eine Freundschaft daraus, aber es blieb ein heimlicher Vorwurf, denn ich gehörte nach wie vor zum Tätervolk, auch wenn sie mir die ,Gnade der späten Geburt’ zugestand.“ Als Meyer diese Sätze las, meldete er sich sofort bei der Schriftstellerin, um mehr zu erfahren. Mit Erfolg: Besser konnte sogar das bislang einzige Foto von Hedwig Reh beisteuern. Es zeigt die Pädagogin im Jahr 1965 in Helsingborg. Es ist zwar nur ein alter Ausschnitt aus einem Zeitungsbericht, aber Meyer ist überglücklich, dass die Frau, die ihn so lange beschäftigt hat, nun endlich ein Gesicht bekommen hat. Von Carl Reh gibt es noch immer kein Foto.

Familienforscher Kruse, der die Webseite https://ahnen.kruse-hh.org betreibt, schreibt in einer E-Mail über das Ergebnis der Recherchen: „Insgeheim hatten wir uns wohl alle strahlende Helden mit geradlinigen Lebensabläufen und unangefochtenen Prinzipien gewünscht. Aber das Leben und die Geschichte sind selten schwarz-weiß, sondern meistens grau in allen Schattierungen. Für mich bleibt, dass dieses Ehepaar unter dem Strich in der Nazizeit auf der richtigen Seite stand und im Moment der drohenden Zerstörung des Ortes Kirchlinteln persönliche Größe und großen Mut bewiesen hat.“ Es sei traurig, dass sie Deutschland verbittert verlassen haben und dass Carl Reh bald fern der Heimat verstorben ist. „Ich hoffe, dass Hedwig Reh dann wenigstens in Schweden wirklich angekommen ist und dort ihre Erfüllung gefunden hat.“

Was wird Meyer nun mit den Informationen anstellen? Werden sie in einer vierten Auflage des Buches zum Kriegsende in Kirchlinteln in einem eigenen Kapitel aufgearbeitet? Der Hobbyhistoriker weiß es noch nicht. Aber ganz bestimmt wird er dafür sorgen, dass die Namen Hedwig Maria und Carl Ludwig Reh in Kirchlinteln nicht wieder in Vergessenheit geraten.

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