Berührende Lesung aus den Erinnerungen eines Holocaustüberlebenden

„Freundschaft rettet Leben“

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Jakob Odinius las in der Schule am Lindhoop aus den Erinnerungen seines guten Freundes Solly Ganor. Der heute 85-Jährige überlebte den Holocaust in einem litauischen Ghetto und einem Arbeitslager bei Dachau.

Kirchlinteln - Vielleicht war es ein Schaukelpferd, das Solly Ganors Leben rettete. Vielleicht waren es viele Zufälle, die zusammenkommen mussten, damit der 85-Jährige noch heute seine Geschichte erzählen kann.

Der Holocaust-Überlebende schrieb seine Erinnerungen in dem Buch „Das andere Leben“ nieder. Gestern las sein guter Freund Jakob Odinius daraus vor, und die Jugendlichen der Schule am Lindhoop lauschten gespannt.

Es gibt immer weniger Menschen, die den Jugendlichen vom Dritten Reich berichten können. Denn selbst die Großeltern der meisten Schüler sind heutzutage zu jung, um diese Zeit selbst erlebt zu haben. Die Kirchlintler „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ hatte sich deshalb entschlossen, die Bildungsinitiative „Das andere Leben“ einzuladen. Die Patenschaft für die Lesung übernahm Wolfgang Rodewald. „Ich musste da keine zehn Sekunden drüber nachdenken“, so der Bürgermeister.

Weil der Buchautor, der in Israel lebt, aus Altersgründen nicht mehr reisen kann, zieht mittlerweile dessen Freund Jakob Odinius durch die ganze Republik, um über das Leben Solly Ganors zu berichten, oder konkreter: über dessen Überleben im Zweiten Weltkrieg, seine Erlebnisse im Ghetto in Litauen und in einem Außenlager des Konzentrationslagers Dachau.

Zu Beginn seines Vortrages fesselte Odinius seine jugendlichen Zuhörer aber zunächst mit einem kurzen Ausschnitt aus Steven Spielbergs Weltkriegs-Serie „Band of Brothers“. Es war jene Szene, in der amerikanische Soldaten ein KZ-Außenlager bei Kaufering befreien. Ein geschickt gewählter Auftakt, die erschreckenden Szenen berührten die Schüler offenbar so nachhaltig, dass sie die folgenden 90 Minuten aufmerksam bei der Sache blieben.

Mit ausgewählten Passagen aus dem Buch zeichnete Odinius die Erlebnisse seines jüdischen Freundes nach, beginnend mit dessen behüteter Kindheit in Litauen. Eine Schlüsselszene ist dabei die Erinnerung an den Abschied von seinem besten Kindheitsfreund. Dieser, der deutsche Nachbarsjunge Hansi, ist todunglücklich, als die jüdische Familie umzieht. Zum Trost schenkt Solly ihm sein geliebtes Schaukelpferd. Jahre später kreuzen sich die Wege der beiden erneut. Mittlerweile ist Hansi in der Hitlerjugend – und dafür bekannt, Juden „riechen“ zu können. Eine Begegnung mit Hansis neuer, bösartiger „Clique“ hätte leicht tödlich für Solly enden können. Doch Hansi erinnert sich an das verschenkte Schaukelpferd – und rettet dem jüdischen Jungen das Leben, indem er für ihn eine gewagte Lüge auftischt. „Freundschaft – ihren Wert dürft ihr nie unterschätzen“, riet Jakob Odinius seinen jungen Zuhörern an dieser Stelle eindringlich. „Freundschaft kann Leben retten.“

Die Geschichte endet im Arbeitslager 10 des KZ Dachau. Solly hat Glück und landet beim Küchendienst, während andere Insassen grausam sterben, bei der Arbeit an unterirdischen Bunkeranlagen entkräftet zusammenbrechen oder im Beton versinken. So überlebt er, bis amerikanische Soldaten das Lager 1945 befreien. Seine Geschichte, so hofft Odinius, wird noch lange erzählt werden.

Die Schüler bat er: „Ihr müsst jetzt nicht rausgehen und hinausposaunen, was ihr heute über den Holocaust gelernt habt. Ich würde mir wünschen, dass ihr es im Kopf behaltet und es abrufen könnt, wann immer euch jemand dummes Zeug darüber erzählt.“ rei

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