Flüchtlinge fürchten sich vor Abschiebung / Schlimme Erinnerungen an Ungarn

„Du kannst nicht glücklich sein, wenn du Angst hast“

+
Einen Funken Hoffnung haben die Schafwinkler Flüchtlinge und ihre Nachbarn noch. Von links (hinten): Cheick Doumbia, Helmut Diercks, Lacine Cisse, Sybille Pehlgrimm, Yaya Comara, Kirsi Knoop, Mori Fofana, (vorne): Salomon Pascal, Idriss Fofana, Abdoulay Wahid Coulibaly und Yao Boka-Jean Fabrice.

Schafwinkel - Von Reike Raczkowski. „Zuhause – das ist der Ort, an dem dir nichts Schlimmes passiert. Wo du keine Angst haben musst“, sagt Yaya Comara. Dieser Definition nach ist Schafwinkel sein neues Zuhause. Doch dem 36-Jährigen, wie noch acht weiteren Ivorern, Afrikanern von der Elfenbeinküste, droht die Abschiebung. Das macht nicht nur den Flüchtlingen Angst, sondern auch den Nachbarn, die sich in den vergangenen Wochen und Monaten um die Männer gekümmert haben.

„Lacine ist der erste, der gehen soll. Am 21. Oktober wird er abgeholt“, sagt die Schafwinklerin Sybille Pehlgrimm. „Er ist verzweifelt, er hat Angst.“ Auch drei weitere der neun Ivorer, die seit Juni in Schafwinkel leben, haben bereits ihren Abschiebebescheid erhalten. Die anderen warten noch. Nur einer muss vorerst nicht mit einem Brief rechnen: Er liegt mit einer gefährlichen Lungenerkrankung im Krankenhaus.

Hintergrund der drohenden Abschiebung ist das Dublin-Verfahren. Die Männer wurden bei ihrer Flucht, die teilweise mehrere Jahre dauerte, in anderen Ländern als Deutschland registriert, in Ungarn, Italien oder Bulgarien. Dorthin sollen sie nun zurück. Besonders jene, die über Ungarn gekommen sind, haben Angst. Sie wissen, was sie dort erwartet.

Die Flüchtlinge berichten, dass man sie in Ungarn gezwungen habe, sich registrieren zu lassen. „Sie haben uns erpresst, um unsere Fingerabdrücke zu bekommen“, sagt einer. „Sie haben uns wochenlang in Ungewissheit gelassen, wie es mit uns weitergehen soll.“ Das Camp sei im Prinzip ein Gefängnis gewesen, in dem es kein Gesetz gegeben habe, außer das Gesetz des Gefängnisses. Drogenhandel sei an der Tagesordnung gewesen. Wer sich nicht beteiligte, habe Demütigungen durch Mitinsassen erfahren, Drohungen, sexuelle Übergriffe und Gewalt. „Die Polizei konnte uns nicht schützen“, berichtet einer der Afrikaner, der bei einem Zwischenfall in einem Flüchtlingsbus von Polizisten dermaßen verprügelt worden sei, dass er eine Woche im Krankenhaus verbringen musste. Es seien zu viele Menschen im Camp gewesen, es habe zu wenig zu essen und kaum ärztliche Versorgung gegeben. Sehr schlimm sei die Zeit in Ungarn gewesen.

Ein anderer erzählt, wie er sich in Ungarn in seiner Zelle selbst verletzt habe – aus purer Verzweiflung. Er sagt: „Wenn ich wieder dorthin muss, dann ist mein Leben vorbei.“ Er habe nicht mehr die Kraft, um das erneut durchzustehen. Auch außerhalb der Camps erwarten die Afrikaner nichts Gutes von Ungarn. „Die Menschen dort hassen uns Schwarze“, ist sich einer der Männer sicher.

Anders ihre Erlebnisse, seit sie in Schafwinkel sind. „Wir haben Gott gedankt, als wir hier ankamen“, sagt Abdoulay Wahid Coulibaly (35). „Weil wir uns zum ersten Mal nach langer Zeit sicher fühlten. Und du kannst nicht glücklich sein, wenn du Angst hast“, ergänzt Yaya Comara.

Viele der Nachbarn kamen, um zu helfen. „Das Übliche“, sagt Helmut Diercks, der gegenüber der Flüchtlingsunterkunft wohnt. Man habe Fahrräder besorgt, ein Fest gefeiert, um die Flüchtlinge willkommen zu heißen. Bei Alltagsdingen geholfen. Die Afrikaner zu Behördengängen gefahren. Deutschunterricht organisiert, Fußballspiele in Sportvereinen ermöglicht. „Wir haben uns angefreundet“, erklärt Kirsi Knoop, eine weitere Nachbarin, Mutter von drei Kindern. „Sie haben sich uns anvertraut, ihre Geschichten erzählt.“

Die Männer seien alleine von der Elfenbeinküste geflohen, wurden zunächst in einer Erstaufnahmeeinrichtung in Braunschweig aufgrund ihrer Nationalität zusammengelegt. „Wir sind neun Menschen mit neun unterschiedlichen Geschichten“, sagt Yaya Comara. Manche seien aus ihrem Heimatland, das von den Nachwehen eines Bürgerkriegs geplagt wird, geflohen, um nicht von den gewaltbereiten Parteien zwangsrekrutiert zu werden. Andere hätten Angst um ihr Leben oder das ihrer Familie gehabt. Wieder andere seien geflohen, nachdem Familienmitglieder umgebracht worden waren. Nachts werden viele von ihnen immer wieder von Alpträumen geplagt.

„Aber wir haben auch ihre Hoffnungen kennengelernt“, so Kirsi Knoop, die gute Französischkenntnisse hat und für die Ivorer übersetzen kann. „Der hier ist gelernter Tischler, der da Mechaniker. Dieser hat Geologie studiert und dieser hier“, sagt sie und nimmt einen der Flüchtlinge in den Arm, „hat Fußballtalent, er will in die Bundesliga“, erzählt sie und lächelt. „Und er, unser jüngster, möchte Altenpfleger werden.“ Es sei erst wenige Monate her, dass die Schafwinkler mit den Afrikanern über deren Wünsche und Ziele gesprochen haben. „Das war ein guter Moment“, erinnert sich Knoop. Dieses Gefühl von Glück habe genauso so lange angedauert, bis der erste Abschiebungsbescheid kam.

„Wir sind ja froh, in einem Rechtsstaat zu leben“, sagt Sybille Pehlgrimm. „Aber kann man wirklich über diese Einzelschicksale hinwegsehen? Wir sind wütend und traurig. Aber wir haben noch einen Funken Hoffnung, ohne den würde es ja gar nicht gehen.“

Auch Kirsi Knoop nimmt die Situation mit. „Ich kann nur noch schlecht schlafen.“ Sie habe den Flüchtlingen gerne geholfen, das sei für sie selbstverständlich gewesen. „Aber wenn sie jetzt abgeholt werden, und dann die nächsten kommen...“ Sie könne sich nicht vorstellen, das alles noch einmal durchzustehen.

Helmut Diercks erklärt, dass er helfe, weil das seine Aufgabe als Christ sei. „Ich hoffe darauf, dass Gott einen Plan hat.“

Abdoulay Wahid Coulibaly ergreift das Wort. Egal, wie diese Geschichte ausgehe, er wolle den Moment nutzen, sich im Namen der Flüchtlinge zu bedanken. „Bei unseren Nachbarn, die uns unterstützt haben, die gekommen sind, als wir sie mitten in der Nacht angerufen haben, weil einer von uns krank wurde. Danke, Gott schütze euch.“

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema:

Smart Luggage: Wenn der Koffer zum Lautsprecher wird

Smart Luggage: Wenn der Koffer zum Lautsprecher wird

Games: Farbbomben, Planetenaufbau und ein Unrechtsstaat

Games: Farbbomben, Planetenaufbau und ein Unrechtsstaat

Keine Taschenlampe: Kabellose Leuchten inspirieren Designer

Keine Taschenlampe: Kabellose Leuchten inspirieren Designer

Sommerreise durch den Landkreis Diepholz - der Montag

Sommerreise durch den Landkreis Diepholz - der Montag

Meistgelesene Artikel

Tolle Premiere für „Chaos in’t Bestattungshuus“

Tolle Premiere für „Chaos in’t Bestattungshuus“

Großeinsatz: Aber der Kanute übte nur

Großeinsatz: Aber der Kanute übte nur

Schlaumeier tauscht Verkehrsschilder aus

Schlaumeier tauscht Verkehrsschilder aus

Im Jaguar gegen die Leitplanke

Im Jaguar gegen die Leitplanke

Kommentare