Erst Lebensfreude und Tanz, dann viele Tränen

Schafwinkel und die Flüchtlinge: Sommerfest sprengt alle Erwartungen

Die Schafwinkler Flüchtlinge erzählen in mitreißenden Performances mit Trommeln und Gesang von ihrer Heimat und den leidvollen Erlebnissen auf der Flucht.

Odeweg - Duftende Köstlichkeiten aus fernen Ländern, exotische Trommelklänge und überall tanzende, lachende Menschen, die sich zum Teil auf Englisch, zum Teil mit Händen und Füßen verständigten: Rundum fantastische Stimmung herrschte beim Sommerfest der Flüchtlingshilfe auf dem Wilkenshof in Odeweg. An diesem Abend durfte noch unbeschwert gefeiert werden, die Nachricht über die bevorstehende Abschiebung mehrerer Ivorer erreichte das Dorf erst einige Tage später.

Das Fest für die in der Umgebung wohnenden Flüchtlinge und die ehrenamtlichen Helfer hat alle Besucher mitgerissen. „Es war wirklich spektakulär“, schwärmt Ortsvorsteherin Ingrid Müller. „Alle tanzten gemeinsam voller Freude zur Musik aus aller Welt, das war Stimmung hoch drei.“ Auch andere Gäste kommentierten begeistert die Veranstaltung, die unter dem Motto „Miteinander – Füreinander“ stand. „Das Fest geht in die Annalen des Dorfes ein – so etwas gab es noch nie, diese Einheit und dieses gute Miteinander“, urteilte ein Besucher. Ein weiterer Gast zeigte sich ebenfalls hingerissen: „Das war für mich eines der schönsten Feste der vergangenen Jahre: so viel Lebensfreude, leckeres Essen von der Elfenbeinküste, aus dem Sudan und Deutschland.“

Deutsch, Englisch, Hände und Füße

In ihrer Begrüßung sprach Ingrid Müller von einem Fest der Begegnung, Verständigung und gegenseitigen Akzeptanz. Zwar klappe es mit der Sprache noch nicht so gut, aber auch diese Kenntnisse würden dank ehrenamtlich tätiger Lehrer immer besser. „Sprecht sie einfach auf Deutsch oder Englisch an und wenn das nicht geht, redet mit Händen und Füßen“, animierte Müller die Gäste zur Kontaktaufnahme.

Einen besonderen Dank richtete Müller an den ehemaligen Bufdi der Gemeinde Kirchlinteln, Lyon Dorgeloh, der immer zur Stelle gewesen sei bei den Flüchtlingen, ob frühmorgens oder spätabends, mitdenkend und mitfühlend. Ingrid Müller stellte in diesem Zusammenhang seinen Nachfolger Johannes Behling vor. Einen Dank richtete Müller auch an Jens und Melanie Wilkens, auf deren Grundstück gefeiert wurde, sowie an das Team der Helfer, aber ebenso an die Dolmetscher.

Jeder Gast hinterlässt einen Abdruck

Eine Aktion gab es danach für alle Gäste: Ein von Rosemarie Bach auf Leinwand gemalter kahler Baum wurde mit bunten Blättern versehen. Ein gemeinsames Bild entstand dadurch, dass jeder Gast einen Finger in Farbe tauchte und einen Abdruck hinterließ. Das Kunstwerk benötigt nur noch einen Platz. Ingrid Müller hat schon eine Vorstellung: „Das passt gut ins Rathaus.“

Die Gelegenheit, einen Dolmetscher zur Verfügung zu haben, nutzte noch eine Bürgerbusfahrerin dazu, ihren Dank an die Flüchtlinge zu übersetzen: „Sie sind sehr freundlich, zuvorkommend, höflich und helfen, wenn Behinderte mit Rollator in den Bus steigen.“

Griet Kracke berichtete, dass „die Jungs“, wie die Seniorin ihre neuen Nachbarn von der Elfenbeinküste nennt, ihr Rosen zu ihrem 80. Geburtstag gebracht hätten.

„Einige wollen nicht mehr leben“

Schließlich ließ noch ein Sprecher der Flüchtlinge übersetzen: „Großer Dank an die ehrenamtlichen Helfer hier im Dorf, ohne sie würden wir nicht zurechtkommen.“ Die Flüchtlinge schlossen ihre Dankesrede mit den berührenden Worten: „Hier sind wir das erste Mal auf Menschen getroffen.“

Glücklich, ja, geradezu euphorisch, traten Flüchtlinge, Helfer und Bewohner nach dem Fest den Heimweg an. Doch die Freude währte nicht lang. Wenige Tage nach dem Fest erhielten fünf der Ivorer aus dem Ort die Ankündigung ihrer Abschiebung nach Italien. „Sie sind verzweifelt, sie weinen, einige wollen nicht mehr leben“, berichtet Ingrid Müller. „Und wir Ehrenamtlichen können kaum helfen.“ Die Situation sei nur schwer auszuhalten. „Wir sind wirklich alle sehr traurig.“

Ihre Verzweiflung haben die Schafwinkler Flüchtlingshelfer jetzt in einem Brief an Landrat Peter Bohlmann zum Ausdruck gebracht. „Ich denke nicht, dass wir damit viel erreichen“, sagt Müller. „Aber irgendwie muss man sich ja wenigstens Luft machen.“

Die Ortsvorsteherin weist darauf hin, dass die Schafwinkler Flüchtlingshelfer noch Mitstreiter suchen. Interessenten melden sich bei ihr unter Telefon 04237/1058, oder per E-Mail an ingrid.mueller@tischlerei-mueller.com.

rö/rei

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema:

Islamistischer Terroranschlag in Barcelona mit vielen Toten

Islamistischer Terroranschlag in Barcelona mit vielen Toten

IGS Rotenburg ist Partnerschule des DFB

IGS Rotenburg ist Partnerschule des DFB

Bilder: Tote und viele Verletzte nach Terrorattacke in Barcelona

Bilder: Tote und viele Verletzte nach Terrorattacke in Barcelona

Übung des Ortsvereins Bassum und des Technischen Hilfswerks

Übung des Ortsvereins Bassum und des Technischen Hilfswerks

Meistgelesene Artikel

Das Gefühl, Gutes zu tun, gab’s für Gäste gratis dazu

Das Gefühl, Gutes zu tun, gab’s für Gäste gratis dazu

Radfahrer übersehen: 16-Jähriger schwer verletzt

Radfahrer übersehen: 16-Jähriger schwer verletzt

Verlegenheitslösung mit vielen Fragezeichen

Verlegenheitslösung mit vielen Fragezeichen

Bäume stürzen auf L 155

Bäume stürzen auf L 155

Kommentare