Herbert Bunke berichtet über die letzten Kriegstage in seiner Ortschaft

Erinnerung an die Helden von Heins

Ein Senior blättert in einem Fotoalbum.
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Erinnert sich an früher: Herbert Bunke (86) war dabei, als die Briten am 16. April in Heins einmarschierten. Er erzählt von zwei Männern, die das Dorf damals vor der Zerstörung bewahrt haben.

Als die Briten am 16. April 1945 auf die Ortschaft Heins zukamen, war Herbert Bunke zehn Jahre alt. Bis heute erinnert er sich an diesen denkwürdigen Tag und an die folgenden Nächte, die er draußen im Weideschuppen im Moor verbrachte. Er erinnert sich an Explosionen, an Kartoffelsalat und hart gekochte Eier – aber vor allem an den Mut zweier Männer, die damals wahrscheinlich die Zerstörung des Ortes verhindert haben.

Heins –Als Herbert Bunke im vergangenen Jahr mit Interesse die Artikel über das Ehepaar Reh in unserer Zeitung las, die damals in den letzten Kriegstagen den Briten am Ortsrand von Kirchlinteln mit weißer Flagge entgegengingen, dachte er sofort: „Das war ja wie bei uns.“ Auch in Heins hätten zwei mutige Menschen das Dorf gerettet, indem sie sich im Namen der Einwohnerschaft ergaben. Es wäre doch schön, findet der heute 86-jährige Bunke, wenn man auch diese Geschichte einmal erzählte.

Kriegsjahre auf dem Bauernhof

Der kleine Herbert lebte damals mit seinen beiden Brüdern auf dem Bauernhof seiner Familie in Heins. Den Betrieb mit Rindern, Pferden, Schweinen und Hühnern führte in den Kriegsjahren seine Mutter, mit Hilfe des Großvaters. Der Vater war an der Front.

Für den Jungen waren die Kriegsjahre bis dahin eher aufregend als beängstigend gewesen, die Bombenangriffe waren zumeist weit weg. Er erinnert sich noch, als einmal ein Fallschirmspringer, ein Amerikaner, am Knochenberg heruntergekommen sei. Eine Arztfamilie aus Bremen wohnte schon einige Jahre als Bombengeschädigte auf dem Hof. „Damals lebten bei uns auch einige Kriegsgefangene, unter anderem ein belgischer Offizier, Camille Ninane. Kurz bevor die Briten kamen, sagte er, dass wir vorsichtshalber Stroh zum Weideschuppen im Moor bringen sollten.“ Ninane habe befürchtet, dass die Briten die Familie vom Hof vertreiben – oder das Anwesen gar in Brand stecken würden. Sicherheitshalber habe man deswegen den Schuppen soweit hergerichtet, dass Menschen und Kühe dort eine Weile bleiben könnten.

Hart gekochte Eier für die Soldaten

Die Briten kamen immer näher. In der Küche der Bunkes servierten Mutter und Großmutter einer Gruppe von zehn deutschen Soldaten eine Mahlzeit. „Es gab gekochte Eier und Kartoffelsalat, die Männer sollten was Ordentliches im Magen haben“, erinnert sich Herbert. Ihre Waffen hätten die Soldaten zu diesem Zeitpunkt bereits in der Waschküche abgelegt. Sie wussten wohl, dass es keinen Sinn mehr hatte, zu kämpfen.

Die Briten erreichten die Ortschaft von Idsingen aus. „Drei Meter vor dem Ortseingang stoppten sie“, erzählt Herbert. Camille Ninane, der belgische Kriegsgefangene, ging gemeinsam mit dem Ortsbürgermeister Hermann Diercks auf die Soldaten zu. „Camille kam mit, weil er Englisch konnte.“ Die beiden Männer zeigten die weiße Fahne und erklärten, dass sich das Dorf ergibt.

Ich weiß noch, wie ein britischer Soldat bei uns durch den Flur kam, mit dem Gewehr im Anschlag.

Herbert Bunke

„Ich weiß noch, wie kurze Zeit später ein britischer Soldat bei uns durch den Flur kam, mit dem Gewehr im Anschlag.“ Die Männer in der Küche, einige hatten noch gar nicht aufgegessen, nahmen die Hände hoch. Der Brite ließ den Blick schweifen und rief, als er auf den Tisch schaute: „Oh, eggs!“ Er fragte die Großmutter, ob er die Eier mitnehmen dürfe, und verteilte sie draußen an seine Kameraden.

Am Vormittag waren die Briten einmarschiert, am Nachmittag kam der Befehl, dass alle das Haus verlassen sollten, auch die Ausgebombten, Flüchtlinge und Kriegsgefangenen, 18 Personen insgesamt. „Großvater spannte die Pferde vor den Ackerwagen, und sagte zu meinem Bruder Willi, er solle die Kühe losmachen.“ Einige wenige Sachen konnten die Bunkes mitnehmen, bevor sie ihre Kühe Richtung Moor trieben.

Drei Tage und drei Nächte im Moor

Drei Tage und drei Nächte blieben sie im Weideschuppen, immer wieder waren Explosionen zu hören. Dazwischen wurden die Kühe gemolken. „Jeden Tag kamen die Engländer und haben uns nach Milch gefragt. Wir gaben sie gerne, denn die musste ja weg. Wir konnten im Moor ja keine Butter machen und natürlich arbeitete die Molkerei nicht.“ Nachts seien dann deutsche Soldaten gekommen, um sich Milch zu holen. „Sie hielten sich wohl versteckt und haben versucht, hinter die Front zu kommen, um dann nach Hause zu wandern. Ob sie das überlebt haben, weiß ich nicht.“ Es sei jedenfalls komisch gewesen, dass Freund und Feind in diesen Tagen ihre Milch getrunken hätten.

Der Nachbarort Bendingbostel wurde nicht verschont

Nach drei Tagen durften die Bunkes wieder zurück ins Haus. Kurze Zeit später erfuhren sie, dass es den Nachbarort Bendingbostel schlimm erwischt hatte. Am Nachmittag des 16. April hatten die auf Bendingbostel und die Bahnlinie nach Visselhövede vorrückenden britischen Truppen Gegenwehr aus der Ortschaft erhalten. Sofort setzten sie mit Phosphorgranaten das Dorf unter Beschuss. Neun Höfe und mehrere weitere Wohnhäuser standen sofort in Flammen. Weiterer Beschuss durch Panzer machte jede Brandbekämpfung unmöglich. In Bendingbostel starben 18 Menschen an diesem Tag: ein Dorfbewohner und 17 Soldaten. Viele weitere wurden verwundet und große Teile des Dorfes in Schutt und Asche gelegt, so nachzulesen im Buch: „Das Ende des Zweiten Weltkriegs in der Gemeinde Kirchlinteln.“

Angesichts dessen ist sich Herbert Bunke sicher, dass sein Dorf den beiden Männern, Camille Ninane und Hermann Diercks, viel zu verdanken hat.

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