Das Ende Marke Eigenbau

Wer möchte, kann seinen Sarg schon zu Lebzeiten selbst gestalten

Während des Workshops konnten die Teilnehmer einen Sarg selbst verschrauben.

Holtum  (Geest)/Rotenburg - Von Matthias Röhrs. Ein Bestattungsinstitut aus Holtum (Geest) bei Kirchlinteln bietet Särge für den Eigenbau an. Für die einen ist es die Gelegenheit, angesichts des Todes gnadenlosen Pragmatismus walten zu lassen, für andere eine Möglichkeit, einem Abschied und der Trauer ein individuelles Gesicht zu geben, wie ein Besuch beim Workshop zeigt. Oft herrscht Unwissenheit darüber, was bei Bestattungen alles möglich ist.

Sechs sind gekommen. Im Kreis sitzen sie zusammen und stellen sich kurz vor. Sie alle haben verschiedene Motive, warum sie an diesem Abend ins Bestattungshaus „Abschied“ gefahren sind: Da ist die Frau, die ihr Vater schickte, eine andere, deren Mann bald seinem Herzleiden erliegen wird und die zusammen auf der Suche nach einem geeigneten Abschied sind, ein Krebskranker, der nach dem Tod einfach schnörkellos und günstig verbrannt werden möchte, ein neugieriges Ehepaar, ein Bastler. Es herrscht ein offener und humorvoller Umgang. Häufig reduzieren sie den Sarg auf das, was er ist: eine Kiste, die vergraben oder verbrannt wird.

Doch ist es wirklich bloß eine Kiste? Eine anfängliche Unsicherheit ist zu spüren, schließlich betreten hier alle ungewohntes Terrain. Eine Frau erzählt, dass es jemand für einen Witz hielt, als sie ihm von ihren Plänen für den Abend berichtete. Eine andere spricht von ihrer Mutter, die ihren Vater einst streng konservativ bestatten ließ. Aus Angst vor dem Gerede im Dorf. Bald ist die vorherrschende Meinung zumindest in dieser Runde eine andere: Man müsse mit den Tabus brechen. Wen kümmere es denn schon, was die Leute sagen? Vom Gesetz her darf jeder seinen Sarg selbst anfertigen, sagt Bestatterin und Gastgeberin Silke Ahrens. Es sei aber unsere Kultur, die das nicht anbiete.

Ihr Mitarbeiter Henning Rutsatz erzählt von den bisherigen Erfahrungen mit diesem Angebot. Auf einer Gewerbeschau vor einigen Monaten hatte das Institut die Idee erstmals vorgestellt. Mit gemischten Reaktionen von Skepsis bis Begeisterung. Zwei Sets haben sie mittlerweile verkaufen können.

Ein solcher kann anschließend individuell gestaltet werden – zum Beispiel mit Schnörkeln.

Doch es ist nicht nur der pragmatische Ansatz, den diese Idee verfolgt. Angehörige können ihrer Trauer kreativ Ausdruck verleihen, sagt Ahrens. Im Prinzip könne man einen Sarg gestalten, wie man will – beispielsweise mit Symbolen, die die Persönlichkeit des Toten widerspiegeln. Malen, schreiben, schnitzen, alles sei möglich. In anderen Kulturen könne ein Sarg mitunter die Form eines Rennautos haben. Auch vor dem Tod führe es eine Familie noch mal auf eine ganz neue Weise zusammen, wenn sie gemeinsam einen Sarg baut und gestaltet.

Das Paket, um das es an diesem Abend geht und das Ahrens anbietet, ist im Prinzip nur ein Haufen Bretter. Ein Tischler aus der Region hat sie zugeschnitten. Schrauben und Anleitung sind im Preis mit inbegriffen, eine vorgeschriebene Folie als „Auslaufschutz“ ebenso. 352 Euro kostet dieses Basismodell zum Einäschern. Griffe sowie eine mit Heu gefüllte Matratze und Kissen kosten extra: 400 Euro. Damit kann man sich dann begraben lassen. Wobei: Wer will, kann den Sarg auch mit dem eigenen Bettzeug auslegen lassen, so Rutsatz.

In Holtum (Geest) hat die Gruppe den Raum gewechselt. Im Flur steht ein bereits fertiggebauter Sarg, auf dem Rutsatz einen Laptop gestellt hat. Er zeigt eine kurze Anleitung, dann geht es los. Er sortiert erst die Bretter, gliedert sie in Seitenteile, Boden und Deckel dieser Kiefernkiste mit zwei Metern Länge, 65 Zentimetern Breite und 70 Zentimetern Höhe. Das sind Standardmaße. Es ginge bei Bedarf aber auch höher, breiter, länger. Die Männer sind die ersten, die mit anfassen, gemeinsam verteilen sie die einzelnen Stücke im Raum, schnappen sich selbstbewusst einen Akkuschrauber. „Ich empfehle, die Verbindungsstücke erst einmal anzubohren, damit das Holz beim Schrauben nicht zersplittert“, sagt Rutsatz. Gesagt, getan.

Die Frauen haben sich unterdessen mit den kleineren Kopf- und Fußenden zum fertigen Sarg begeben. Der fungiert in dem Treiben als Werkbank. Nach etwa anderthalb Stunden ist der Sarg fertig, auch wenn er in dem kurzen Zeitraum etwas schief geraten ist.

„Bei Särgen ist viel mehr erlaubt, als man denkt“

Was man bei einem Selbstbausarg darf, das weiß Stephan Lohmann, der bei der Stadt Rotenburg für das Friedhofswesen zuständig ist. Und der verweist zunächst einmal auf das niedersächsische Bestattungsgesetz. Dort sei klar geregelt, dass ein Sarg bei der Bestattung Pflicht ist. Ausnahmen erteile nur das Gesundheitsamt zum Beispiel für Muslime. Aber auch die würden zumindest in einer nach oben hin offenen Holzkiste bestattet. Anfragen von „Friedhofsnutzern“, die ihren eigenen Sarg mitbringen wollen, habe es in der Kreisstadt noch nicht gegeben, sagt Lohmann leicht amüsiert. Normalerweise laufe diese Frage über den Bestatter, und der wüsste, was in die Erde darf und was nicht: alles, was biologisch abbaubar ist und keine chemischen Schadstoffe enthalte. Wer seine Kiste also selbst bemale, müsse auf entsprechende Lacke und Materialien achten. Kontrollen gebe es keine, diesbezüglich verlasse man sich auf die Selbstkontrolle der Bestatter. Auch die Kirchen würden sich der Erfahrung von Bestatterin Ahrens’ nach nicht den Särgen im Eigenbau verschließen. „Bei Särgen ist viel mehr erlaubt, als man denkt.“

Das Paket müssem sich Käufer im Institut abholen, zuhause kann man dann damit machen, was man will. Die Einzelteile einlagern, den Sarg aufbauen und daraufhin als Truhe, Sitzbank oder Bücherregal verwenden. Wer will, kann auch einfach in den Baumarkt gehen, sich die Bretter zuschneiden lassen und sich komplett einen eigenen Sarg bauen. Die Maße sollte man einhalten, wer sich begraben lässt, muss lediglich darauf achten, dass Griffe zum Tragen dran sind, alles verschraubt und der Deckel stabil genug ist, dass er unter der Last der Erde nicht einbricht, erklärt Rutsatz.

Wer seinen Sarg aber zu Lebzeiten bereits zuhause stehen hat, sollte einen Vertrauten darüber informieren. Wenn das aus welchen Gründen auch immer nicht geht, gebe es noch den formellen Weg der Bestattungsvorsorge.

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